21.09.2009 von Mag. Angela Mörixbauer

Abnehmen: Alle Wege führen nach Rom

Die ideale Kost zur Gewichtsreduktion ist fettarm. Oder doch eher eiweißreich? Vielleicht hängt der Erfolg auch nur vom Kohlenhydratanteil ab. Seit Jahren, ja Jahrzehnten, scheiden sich hier die Geister. Eine aktuelle Studie sagt: Es ist egal, Hauptsache man spart Kalorien.

Wer auf amazon in der Rubrik „Bücher“ das Stichwort „Diät“ eingibt, erhält innerhalb des Bruchteils einer Sekunde 3.445 Vorschläge. Von der „Ultimativen New York Diät“ des Heidi-Klum-Intimus David Kirsch, über die „Metabolic-Balance-Diät“ des deutschen Internisten Wolf Funfack bis hin zur „Neuen Atkins-Diät“. Glyx-Diät, Schlank im Schlaf, ja, sogar eine Burger-Diät findet man hier. Sprichwörtlich für jeden Gusto eine Lösung. Dass man mit dieser Diät-Vielfalt insgesamt gar nicht so schlecht liegt, darauf weist nun eine aktuelle Studie im renommierten New England Journal of Medicine hin.

Widersprüchliche Ergebnisse als Motivation

Die Forschergruppe rund um Frank M. Sacks beschäftigt sich mit dem Thema Gewichtsmanagement. Seit langem störte es die Autoren, dass laufend widersprüchliche Ergebnisse publiziert wurden. Da gibt es auf der einen Seite eine Reihe von Studien, die zeigen, dass eine Diät mit geringem Kohlenhydrat- und hohem Eiweißanteil bessere Ergebnisse erzielt als die herkömmliche fettarme Reduktionskost. Gleichzeitig kamen andere Autoren nicht zu diesem Schluss. Manche Studienautoren beobachteten die Probanden nur einige Monate lang. Andere zumindest über ein Jahr. Meist war der Männeranteil in den Gruppen unverhältnismäßig gering, die Drop-out-Rate hoch und die Dokumentation der tatsächlich aufgenommenen Makronährstoffrelation mangelhaft.

Also beschlossen Sacks und seine Gruppe eine Studie durchzuführen, die ihren Ansprüchen genügen sollte. Und die sah folgendermaßen aus: In einer randomisierten klinischen Studie wurden 811 Probanden, 40 % davon Männer, einer dieser vier Diät-Gruppen zugeteilt:

Gruppe A: fettarm, durchschnittlicher Eiweißanteil,
Gruppe B: fettarm, hoher Eiweißanteil
Gruppe C: fettreich, durchschnittlicher Eiweißanteil
Gruppe B: fettreich, hoher Eiweißanteil

Die Entwicklung von Körpergewicht und Bauchumfang wurde – nebst einigen anderen Parametern – beobachtet und zu Beginn sowie nach 6, 12, 18 und 24 Monaten gemessen. Bei der Hälfte der Probanden kontrollierte man mittels 5-Tages-Protokoll und 24-h-Recall, ob die Kostvorgaben tatsächlich eingehalten wurden. Zusätzlich fragte man die Probanden u. a. nach Sattheit und Zufriedenheit mit der Diät. Alle Probanden erhielten regelmäßige Gruppen- und Einzelberatungen.

Jacke wie Hose

Die Ergebnisse: Nach zwei Jahren waren keine signifikanten Unterschiede zwischen den vier Diätgruppen feststellbar! Der Gewichtsverlust war in allen Diätgruppen vergleichbar, ebenso die Veränderung des Bauchumfangs. Wie zu erwarten, erzielten die Probanden den größten Gewichtsverlust im ersten Halbjahr (ca. 6,5 kg) und nahmen dann einen Teil der verlorenen Kilos wieder zu. Litten zu Beginn 32 % der Teilnehmer am Metabolischen Syndrom, so waren es nach Ablauf der zwei Jahre nur mehr rund 20 %. Auch hier kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen.

Die Daten der Ernährungsprotokolle und 24-h-Recalls zeigten, dass die Teilnehmer aller Gruppen Schwierigkeiten hatten, die vorgegebene Nährstoffverteilung zu erreichen bzw. über den langen Zeitraum zu halten. Mit fortschreitender Dauer näherten sie sich wieder ihren üblichen Ernährungsgewohnheiten an. Nichts desto trotz waren alle Gruppen in Bezug auf die Gewichtsreduktion gleich erfolgreich. Rund 4 kg Gewichtsverlust. In einem Zeitraum von zwei Jahren, wohlgemerkt. Eine wahrlich magere Ausbeute.

Wissenswert

„Jacke wie Hose“ ist das deutsche Pendant zum österreichischen „g’hupft wie g’hatscht“ und heißt nichts anderes als: Es gibt keinen Unterschied, es ist egal.

Gruppentreffen erhöhen Erfolgswahrscheinlichkeit

Doch es gab mehr und weniger Erfolgreiche. Ein Parameter, der das Ausmaß der Gewichtsreduktion maßgeblich beeinflusste, war die Teilnahme an den Gruppentreffen. Statistisch gesehen bedeutete jedes besuchte Gruppentreffen 0,2 kg weniger auf der Waage. Eine weitere Beobachtung: Je mehr Gruppentreffen besucht wurden, desto besser wurden die Vorgaben für die Fett- und Eiweißanteile in der Kost eingehalten. Allerdings nur in den eiweißreichen und fettarmen Gruppen.

Sacks et al. sind nicht die ersten, die zum Schluss kommen, dass in erster Linie die Kalorienzufuhr für den Diäterfolg relevant ist und nicht die Makronährstoffverteilung. Bereits 2005 haben Michael L. Dansinger und Kollegen dies nachgewiesen. Sie verglichen Atkins-Diät (kohlenhydratarm), Ornish-Diät (fettarm), Weight Watchers (kalorienreduzierte Mischkost) und Zone Diät (eiweißreich). Nach einem Jahr konnte in allen Diätgruppen ein moderater Gewichtsverlust verzeichnet werden – unabhängig vom Diätregime. Je höher allerdings die Compliance der Teilnehmer, desto ausgeprägter der Gewichtsverlust.

„Da in der Praxis der Ernährungsberatung die Übergewichtigen nicht in eine bestimmte Diätgruppe randomisiert werden und die gewünschte Ernährungsumstellung auch an die individuellen Vorlieben und Möglichkeiten angepasst wird, sollte sich die Adhärenz noch steigern lassen“, sind Karin Schindler und Bernhard Ludvik von der Adipositasambulanz im Wiener AKH zuversichtlich. Darüber hinaus können Gruppenberatungen die Motivation steigern und Hilfe im Umgang mit Rückschlägen und Widerständen bieten. Die beiden Experten begrüßen daher Einzel- und Gruppenschulungen auf individueller Ebene.

Wissenswert

Adhärenz, bezeichnet in der Medizin die Einhaltung der gemeinsam von Patient und Arzt gesetzten Therapieziele.

Was nichts kostet, ist nichts wert

Das Problem jedoch: die Finanzierung. Zumindest in Österreich müssen solche Schulungen von den Betroffenen in der Regel selbst bezahlt werden. Sollten hier verantwortliche Stellen handeln, um Betroffenen diese Erfolg versprechenden Maßnahmen kostenlos zukommen zu lassen? Nun, auch das ist kein garantiertes Erfolgsmodell. „Die Erfahrung in unserer Adipositasambulanz zeigt …, dass die Adhärenz an eine kostenlose Gruppenschulung gering ist, frei nach dem Motto ‚was nichts kostet, ist nichts wert’“, berichten Schindler und Ludvik.

Ein Faktor, den man ebenfalls nicht übersehen darf, ist der sozio-ökonomische Status. 70 % der Teilnehmer an der Sacks-Studie hatten zumindest einen College-Abschluss, drei Viertel verfügten über ein Jahres-Haushaltseinkommen von zumindest 50.000 $ und fast alle Probanden waren Nichtraucher. Schindler und Ludvik stimmt das nicht gerade zuversichtlich: „Es kann bezweifelt werden, ob bei geringerem Bildungsniveau und Haushaltseinkommen ein ähnlicher Effekt erzielbar gewesen wäre.“

Das Atkins-Revival

Jahrelang hat man in der Ernährungsszene eine fettreduzierte Kost als „Golden Standard“ in der Behandlung von Übergewicht und Adipositas propagiert. Erst als Anfang des Jahrtausends Frederick Samaha und William Yancy in ihren Publikationen mit Ergebnissen aufhorchen ließen, wonach eine kohlenhydratreduzierte, eiweißreiche Diät bessere Erfolge erzielte als die übliche fettreduzierte Kost, ging die Debatte los. Die Atkins-Diät – in den 70er Jahren populär – erlebte eine Wiedergeburt, zumindest in der Populärliteratur.

Doch die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Zwar waren die Gewichtsverluste nach einem halben Jahr bei der kohlenhydratarmen Diät größer, nicht jedoch wenn man die Probanden weiter beobachtete. Nach einem Jahr war der Unterschied nicht mehr signifikant. Die kohlenhydratarme Diätgruppe hatte ihren Vorsprung quasi wieder verspielt. Allerdings – so wiesen Gary Foster und Linda Stern in ihren Publikationen hin – schienen die positiven Effekte auf den Fett- und Glukosestoffwechsel bei der kohlenhydratarmen Gruppe ausgeprägter. Also hatten Sie doch wieder die Nase vorn, wenngleich Langzeitbeobachtungen noch ausstehen.

Für die klassische Ernährungsberatung bedeuten v. a. die Studien von Dansinger und Sacks, dass das sture Anhalten an den Low-Fat-Diäten ein Ende haben darf. Persönlichkeit, Vorlieben, Abneigungen und Lebensumstände der Ratsuchenden dürfen in Bezug auf die Makronährstoffrelation nun deutlich mehr in die Beratung einfließen. Natürlich kommt es bei fettreichen Kostvorschlägen auf die Fettqualität an. Und natürlich ist in jedem Fall die Kalorienreduktion ein Knackpunkt. Auch in der Studie von Sacks et al. war folgendes vorgegeben: ein Defizit von 750 kcal/d, höchstens 8 % der Energie aus gesättigten Fettsäuren, täglich zumindest 20 g Ballaststoffe, max. 150 mg Cholesterin pro 1000 kcal und bei kohlenhydratreichen Lebensmitteln vorzugsweise solche mit niedrigem glykämischen Index. Angesichts der üblichen Lebensmittelwahl in unseren Breiten sind diese Vorgaben schon Herausforderung genug. Fett-, Eiweiß- und Kohlenhydratanteil hin oder her.

Fazit

Die Ergebnisse von Sacks et al. erleichtern vielen wahrscheinlich die Beratungstätigkeit, weil der Handlungsspielraum erweitert wird und die Compliance der Klienten damit steigen dürfte. Ob jedoch die kläglichen Erfolge verschiedenster Diäten – 4 kg Gewichtsverlust in zwei Jahren! – das Adipositasproblem langfristig lösen können, darf mehr als bezweifelt werden. Da ist schon ein Umdenken auf anderer Ebene gefordert. Auf höherer Ebene. Denn nur dort können Verhältnisse und Rahmenbedingungen in den unterschiedlichen Settings langfristig verändert werden. An dieser Stelle sind neben der Gesundheitspolitik auch weitere Bereiche wie Bildungs-, Wirtschafts-, Landwirtschafts- und Verkehrspolitik gefragt, um unser aller Lebensumwelt zukünftig insgesamt weniger „obesogenic“ (dickmachend) zu gestalten.

Mehr zum Thema:

Den Volltext des Artikels von Sacks et al. können Sie direkt auf der Website des NEJM herunterladen.

Literatur

Dansinger ML et al.: Comparison of the Atkins, Ornish, Weight Watchers, and Zone Diets for Weight Loss and Heart Disease Risk Reduction. JAMA 293 (5): 43–53 (2005).

Foster GD et al.: A Randomized Trial of a Low-Carbohydrate Diet for Obesity. N Engl J Med 348: 2082–2090 (2003).

Sacks FM et al.: Comparison of Weight-Loss Diets with Different Compositions of Fat, Protein, and Carbohydrates. N Engl J Med 360: 859–873 (2009).

Samaha FF et al.: A Low-Carbohydrate as Compared with a Low-Fat Diet in Severe Obesity. N Engl J Med 348: 2074–2081 (2003).

Schindler K, Ludvik B: Kann die Debatte über die beste Diät zur Gewichtsreduktion nun endlich beendet werden? Nutrition News 6 (2): 1–4 (2009).

Stern L et al.: The Effects of Low-Carbohydrate versus Conventional Weight Los Diets in Severely Obese Adults: One Year Follow-up of a Randomized Trial. Ann Intern Med. 140: 778–785 (2004).

Yancy WS et al.: A Low-Carbohydrate, Ketogenic Diet versus a Low-Fat Diet To Treat Obesity and Hyperlipikemia. Ann Intern Med. 140: 769–777 (2004).

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