17.06.2014

Adipositasleitlinie: Energie reduzieren und viel bewegen

Wie kann krankhaftes Übergewicht vermieden werden? Welche Folgekrankheiten können aufgrund von Adipositas entstehen? Wie kann man Menschen helfen, ihr Gewicht langfristig zu reduzieren? Diese Fragen beantwortet eine fachlich fundierte Adipositasleitlinie aus Deutschland auf neuestem Stand.

Seit 2007 veröffentlichen die Deutschen Gesellschaften für Adipositas, Diabetes, Ernährung und Ernährungsmedizin eine Adipositasleitlinie. Sie soll Fachpersonal dabei unterstützen, mit adipösen Patienten umzugehen. Jede Handlungsempfehlung wird in Evidenzklassen eingestuft, also je nach wissenschaftlicher Beweislage. Eine zusätzliche Unterteilung in „A", „B" und „0" erleichtert die Entscheidung, ob eine Empfehlung umgesetzt werden soll, sollte oder kann. Im April 2014 erschien eine überarbeitete Fassung.

Adipositas als Krankheit definiert

Bisher erkannte das deutsche Gesundheitssystem Adipositas nicht als Krankheit an. Das hat sich nun geändert. Die neue Leitlinie beschreibt drei Kriterien, um den Körperzustand des Übergewichtigen als Krankheit zu betrachten:

  1. Ursache für das krankhafte Übergewicht ist, dass mehr Energie aufgenommen als verbraucht wird - entweder infolge von Fehlernährung, körperlicher Inaktivität, Medikamente oder genetischer Veranlagung.
  2. Fett wird vermehrt eingelagert - nicht nur unter der Haut und am Bauch, sondern auch in der Leber oder im Pankreas.
  3. Die vermehrte Körperfettmasse produziert Hormone und andere Substanzen, die andere Organe schädigen und sie in ihrer Funktion beeinträchtigen. Beispiele hierfür sind Diabetes mellitus Typ 2, koronare Herzkrankheit oder Gelenkserkrankungen.


„In Österreich ist Adipositas schon lange als Krankheit festgelegt. Wir halten uns in dieser Sache an die Weltgesundheitsorganisation WHO", informiert Univ. Prof. Bernhard Ludvik, Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft.

Am wichtigsten: Energiereduktion

Egal, ob „low-fat" oder „low-carb" - nicht auf die Hauptnährstoffe Fett oder Kohlenhydrate kommt es an, sondern auf eine insgesamt geringere Energieaufnahme. Wer täglich 500 kcal weniger isst, verliert innerhalb einer Woche ein halbes Kilo. Dieser Effekt zeigt sich über einen Zeitraum von drei Monaten. Danach passt sich der Stoffwechsel an die reduzierte Kost an. Einseitige Diäten sind zu vermeiden (höchster Empfehlungsgrad „A"). Sie führen langfristig nicht zum Erfolg und können unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen. Viel erfolgsversprechender ist eine Ernährungsweise, die zur Person passt. Therapeuten sollen individuelle Vorlieben, Kenntnisse und Stärken der Abnehmwilligen berücksichtigen und in der Therapie nutzen - denn das erhöht die Chance auf eine nachhaltige Gewichtsreduktion. „Einer häufigen, strukturierten und von Fachpersonal durchgeführten Ernährungsberatung wird ein hoher Stellenwert beigemessen", berichtet Prof. Wirth, Koordinator und Leitlinienbeauftragter der Deutschen Adipositas-Gesellschaft.

Die Kombination macht's

Um langfristig Körpergewicht zu reduzieren ist eine Kombination aus den drei Einheiten am effektivsten: Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Menschen mit Übergewicht sollen dazu motiviert werden, sich im Alltag häufiger zu bewegen. Realistische Umsetzungsmöglichkeiten sollen dabei ebenso angesprochen werden wie die gesundheitlichen Vorteile. Vieles hängt dabei von den individuellen Situationen ab. Je nach sozialem Umfeld, vergangenen Erfahrungen mit Abnehmversuchen oder Rolle der Nahrungsaufnahme (Belohnung, Frust, Entspannung) ist ein anderer Handlungsansatz empfehlenswert. Sobald das Ziel erreicht wurde und Kilos gepurzelt sind, ist es wichtig, die Klienten in den darauffolgenden Monaten bis Jahre zu begleiten. Nur so kann das Gewicht langfristig stabilisiert werden.

Weiters gibt die neue Leitlinie eine Übersicht über kommerzielle Gewichtsreduktionsprogramme und beschreibt anhand publizierter Daten, wie viel man durch sie abnehmen kann. Beispielsweise konnten Männer, die an dem Programm „Ich nehme ab" von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ihr Körpergewicht um 4,1 kg in einem Jahr reduzieren.

Übergewicht vorbeugen

Um Übergewicht zu vermeiden, soll man regelmäßig einen ausdauerorientierten Sport betreiben, sich bedarfsgerecht ernähren sowie ab und an auf die Waage steigen, um sein eigenes Gewicht zu kontrollieren. Dieser Ratschlag wird mit dem höchsten Empfehlungsgrad „A" bewertet. Zwischen den Autoren herrschte kein eindeutiger Konsens darüber, welche Lebensmittel für eine Gewichtsreduktion im Mittelpunkt stehen. Die diätetischen Optionen seien hier zahlreich, so die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin.

Nicht thematisiert wird in der Leitlinie die gesundheitspolitische Verantwortung des Staates, ein gesundheitsförderndes Lebensumfeld zu schaffen. Dieser Aspekt soll bei einer nächsten Überarbeitung berücksichtigt werden.

Literatur

Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V., Deutsche Diabetes Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V.: Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas". Version 2.0, April 2014.
„S3-Leitlinie zur ‚Prävention und Therapie der Adipositas‘ aktualisiert", Pressemeldung Deutsche Adipositas-Gesellschaft am 02.06.2014.

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