30.03.2009 von Mag. Karin Lobner

Alkohol – eine Rundumsicht

In kleinen Dosen gut für die Gesundheit, in großen Mengen Suchtmittel. Welche Alkoholmenge sich wie auf den Körper auswirkt, wird nach wie vor heftig diskutiert. Wo endet der gesundheitsförderliche Aspekt und kippt ins Gegenteil? Und wie vermittelt man Jugendlichen einen sicheren Umgang mit dem legalen Rauschmittel?

Wenn man zuckerhaltige Früchte vergärt, entsteht Alkohol; genaugenommen Ethanol. Auf diese Weise wurden Menschen schon sehr bald in der Geschichte auf diese Substanz aufmerksam. Auch damals schon wurde Alkohol aufgrund seiner berauschenden Wirkung getrunken. In Südafrika haben Elefanten gelernt, sich massiv zu berauschen, indem sie Unmengen der süßen Marulabeeren verschlingen und anschließend kräftig Wasser nachspülen. Das Bedürfnis nach rauschhaften Erfahrungen ist scheinbar nicht nur im Menschen verankert.

Zwischen Damenspitzerl und Vollrausch

Alkohol kann leicht durch die Zellmembranen diffundieren, da er gleichzeitig fett- als auch wasserlöslich ist. Rund 20 % der aufgenommen Menge wird im Magen resorbiert, der Rest im Dünndarm. Die maximale Blutalkoholkonzentration ist nach ein bis zwei Stunden  nach der Aufnahme  erreicht. Die Resorptionsrate ist jedoch durch folgende Faktoren beeinflusst:

  • Leerer Magen? Wer auf nüchternen Magen Alkohol trinkt, ist sehr schnell alles andere als „nüchtern“. Hemmend wirken Milch und eine protein- oder fettreiche Mahlzeit.
  • Auf Ex? Wer schnell trinkt, ist auch schnell betrunken. Und klarerweise, je mehr Alkohol im Getränk, umso schneller wandert dieser auch ins Blut.
  • Punsch oder Frizzante? Die Zusammensetzung und Temperatur spielen bei der Resorptionsrate eine Rolle. Zucker, Kohlensäure und eine hohe Temperatur schleusen den Alkohol besonders schnell ins Blut.

2–10 % des aufgenommenen Alkohols werden unterverändert über Lunge, Haut und Urin ausgeschieden. Der größere Teil wird oxidativ abgebaut. Ein kleiner Teil wird bereits in der Magenschleimhaut zu Acetaldehyd abgebaut. Der überwiegende Teil wird in der Leber metabolisiert. Dafür stehen die Alkoholdehydrogenase (ADH), das mikrosomale ethanoloxidierende System (MEOS) und die Katalase in den Peroxisomen zur Verfügung. Geringe Mengen werden bevorzugt von der ADH oxidiert. Ist die Alkoholaufnahme jedoch höher als der mögliche Abbau mit ADH, ist der Körper gezwungen, das MEOS dazu zu schalten. Wenn das MEOS aushelfen muss, entstehen als Nebenprodukte freie Radikale, die für den Körper unangenehm werden können. Dies kann eine Aktivierung von prokanzerogenen Substanzen bis Kanzerogenen zur Folge haben. Das heißt, ab einer Alkoholkonzentration im Körper, die beim Abbau zur Bildung von Radikalen führt, scheint die Schädlichkeit zuzunehmen, obwohl gleichzeitig Antioxidantien (z. B. im Rotwein) mitgeliefert werden, die die freien Radikale bekämpfen.

Wissenswert

Alkohol kann eine psychische und physische Abhängigkeit erzeugen. Die Entstehung der Alkoholkrankheit ist ein multifaktorielles Geschehen mit genetischen, psychosozialen und umweltbedingten Ursachen.

Katerstimmung

Für die akute Wirkung von Ethanol ist das Gehirn vorrangiges Zielorgan. Ab einer Blutalkoholkonzentration von 0,2‰ verändert sich das subjektive Erleben und Verhalten. Konzentrationsvermögen und Bewegungskoordination lassen nach und die Reaktionszeit verringert sich. In diesem Zustand darf man in Österreich noch ein Fahrzeug lenken. Ab 1,4‰ liegt eine akute Alkoholvergiftung vor. Es kommt zu Stimmungs- und Persönlichkeitsveränderungen, gestörter Wahrnehmung und Bewegungskoordination, Sprachstörung, Übelkeit, Erbrechen und Gedächtnisschwund. Die letale Blutalkoholkonzentration liegt bei circa 4-5‰.
Grundsätzlich schädigt übermäßiger Alkohol alle Organe und Gewebe. Speiseröhre, Magen, Dünndarm sind genauso von der Zerstörung betroffen, wie Pankreas und das Herz-Kreislauf-System. Auch das Nervensystem hat mit den Auswirkungen der toxischen Wirkung des Alkohols zu kämpfen. Chronischer Alkoholmissbrauch kann auch zur Mangelernährung führen. Besonders häufig findet man den Thiaminmangel (Vitamin B1). Aber auch die anderen B-Vitamine sind betroffen. Einerseits ist die Zufuhr von Vitaminen bei alkoholkranken Menschen häufig reduziert. Andererseits beeinflusst Alkohol die Verdauung und Absorption von B-Vitaminen. Darüber hinaus wird auch eine Unterversorgung mit Vitamin A, C, D und K sowie Zink und Magnesium beobachtet. Auch weil der Konsum von Alkohol oftmals den von Lebensmitteln ersetzt, kommt es durch den Nährstoffmangel vermehrt zu Zellschädigungen.

Ringen um Zufuhrempfehlung

Seitdem bekannt ist, dass moderater Alkoholkonsum eine positive Auswirkung auf die Gesundheit hat, wird über die sicheren Zufuhrmengen diskutiert. Um die gesundheitsförderende Wirkung, die in erster Linie auf den Alkohol selbst zurück zu führen ist, zu berücksichtigen, wurden „tolerierbare tägliche Alkoholmengen“ (TOAM) erarbeitet: Für Frauen liegt der Wert bei 10-12 g/Tag, für Männer bei 20-24 g/Tag. Sie sollen einerseits das präventive Potenzial von Alkohol ausschöpfen, andererseits aber Schutz vor den gesundheitsschädigenden Konsequenzen bis hin zur Sucht bieten. Die ermittelten Werte sind als obere Grenzwerte für die Alkoholaufnahme zu sehen.
Für den gesundheitsfördernden, genau genommen kardioprotektiven Effekt ist die Frequenz, weniger die Alkoholquelle (Bier, Wein, ...) relevant. Männer, die an drei bis sieben Tagen in der Woche Alkohol trinken, haben um ein Drittel niedrigeres Herzinfarktrisiko als Antialkoholiker.

Für Schwangere und Stillende gilt die Empfehlung zur Abstinenz. Dass ein hoher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ein bedeutendes Risiko für das ungeborene Baby darstellt, ist eine wohlbekannte Tatsache. Doch wie steht es um den moderaten Alkoholkonsum entsprechend der TOAM? Einerseits werden zwischen moderaten mütterlichen Alkoholkonsum und Verhaltensauffälligkeiten oder Fehlbildungen keine Zusammenhänge gefunden. Andererseits kann die Schwellendosis an Alkohol, die keine Schädigung des ungeborenen Lebens nach sich zieht, bisher nicht eindeutig ermittelt werden. Es gilt daher weiterhin, dass aus Sicherheitsgründen auf Alkohol während der Schwangerschaft verzichtet werden sollte.

Vernünftigen Umgang lernen

Angeblich ist exzessives Trinkverhalten bei Jugendlichen im Vormarsch. Bilder von Flatrate-Parties, bei denen bis zum Umfallen getrunken wird, erschüttern die Erwachsenenwelt. Das jugendliche Gehirn befindet sich gerade in einer Umbauphase und ist somit besonders sensibel für die Alkoholauswirkungen. Gleichzeitig können Gefahren und Risiken noch schlechter eingeschätzt werden, als es in dieser Entwicklungsphase ohnehin schon ist. Darüber hinaus spüren Jugendliche die unmittelbaren negativen Effekte, wie Müdigkeit, Schwindelgefühl, Übelkeit, Koordinationsprobleme usw. weniger als Erwachsene. Das alles zusammen macht Jugendliche zu einer wichtigen Zielgruppe, die die richtige Handhabung von Alkohol erst lernen muss.
Doch in Wirklichkeit sind Jugendliche ziemlich von der Erwachsenenwelt allein gelassen, wenn es um das Thema Alkohol und Rausch im Allgemeinen geht. Meistens steht die Moral dabei im Vordergrund, oder das Thema Alkohol wird gleich völlig negiert. Müsste nicht in jeder Ernährungsaufklärung für Jugendliche auch das Thema Alkohol vorkommen.

Einen spannenden Ansatz bietet Risflecting. Dabei handelt es sich um ein pädagogisches Kommunikationsmodell, das statt der Minimierung von Rausch- und Risikosituationen eine Optimierung des Umgangs damit anstrebt. Der Versuch der Minimierung seitens der Prävention wird von den Jugendlichen zunehmend als weltfremd erlebt. Pädagogik, die Rausch und Risiko ausschließlich mit Gefahren und Tod assoziiert, hilft den Kids nicht. Sie spaltet in zwei Bewusstseinsbereiche: in ein von Kontrollmoral besetztes „Über-Ich“ und ein triebhaftes „Es“. für das mit Schuldgefühlen keine Verantwortung übernommen wird: „Ich weiß nicht, was ich gestern gesagt habe – ich war ja betrunken“.

Gesundheitsfördernde Maßnahmen im Kinder- und Jugendbereich, sind nur dann erfolgreich, wenn sie lebensweltorientiert sind. Wenn das Phänomen „Rausch“ mit „Sucht“ gleichgesetzt wird, werden zwei unterschiedliche Phänomene verknüpft. In der alltäglichen Umsetzung hat diese Koppelung für Jugendliche keinen Nutzen bzw. durchschauen Jugendliche, dass Erwachsene ihnen damit etwas vor machen. Jugendliche bemerken, dass Rausch durchaus Spaß machen kann, aber noch nichts mit Sucht zu tun haben muss. Risflecting geht davon aus, dass Gesellschaften, die Risiko- und Rauscherfahrungen integrieren, diese Erfahrungen für das Individuum und die Gesellschaft nutzbar machen können und damit Problementwicklungen vorbeugen. Das Wagnis RISiko einzugehen, Rausch zu erleben, wird durch ReFLEKTion einschätzbar und in den Alltag integriert. Erst das Hereinholen des Rausch- und Risikohaften in die Nähe des Alltäglichen sichert einerseits die mögliche Auseinandersetzung ihm und andererseits den Kontakt mit den Zielgruppen. Jugendliche erleben präventive Maßnahmen bislang nur allzu oft als moralische Verwerfung ihrer Rausch- und Risikosehnsüchte.

Vier einfache Regeln verlängern das Leben:

  1. Nichtrauchen
  2. Alkohol in Maßen
  3. viel Obst und Gemüse
  4. ausreichend Bewegung

Das Doppel-A: Alter und Alkohol

Ein unterschätztes und zu wenig thematisiertes Problem ist aber auch intensiver Alkoholgenuss im Alter. Menschen ab dem 70. Lebensjahr sind stärker gefährdet. Zum Einen, weil sie durchschnittlich mehr und häufiger Alkohol konsumieren als Jüngere. Zum Anderen, weil der Körper mit der Zeit  Alkohol langsamer abbaut. Dadurch steigt die Konzentration in der Leber, Alkohol bleibt länger im Organismus und kann so mehr Organschäden verursachen. Auch Wechselwirkungen mit Medikamenten sind im Alter vermehrt zu beachten - besonders bei Schlafpulvern oder schmerzstillenden Medikamenten kommt es zu massiv verstärkenden Effekten. Der Griff zum Glas ist für viele bei Trauer, Einsamkeit, Langeweile oder Depressionen ein Seelentröster – der sich oftmals zum ständigen Begleiter entwickelt. Vor Alkoholabhängigkeit ist man auch im Alter nicht gefeit – und sie reduziert die Lebenserwartung signifikant: bei abhängigen Männern um  17, bei Frauen um 20 Jahre.

Fazit

Sowohl in der Ernährungskommunikation als auch in der Erziehung darf Alkohol nicht tabuisiert und realitätsfern thematisiert werden. Nicht nur die Risiken, auch das Erlernen eines vernünftigen und entspannten Umgangs sollten im Vordergrund stehen. Schließlich kann moderater Alkoholkonsum positiv wirken und zu einem gesunden Lebensstil beitragen. 

Literatur

Weiß C: Alkohol. Ernährungs-Umschau 54: 90-92 (2007).
Brönstrup A et al.: Auswirkungen eines moderaten Alkoholkonsums in der Schwangerschaft. Teil 1 Ernährungs-Umschau 56: 10-15 (2009) + Teil 2: Ernährungs-Umschau 56: 86-91 (2009).

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