19.01.2018 von Nina Grötschl

Andorn – Arzneipflanze mit langer Geschichte

„Was bitter im Mund, macht den Körper gesund“. Dieses alte Sprichwort trifft auch auf den Andorn zu. Denn das bitter schmeckende Kraut verschafft Linderung, wenn der Hals kratzt, der Husten festsitzt oder es im Bauch zwickt.

Andorn (lat.: Marrubium vulgare) zählt seit etwa 2000 Jahren zu den anerkannten Heilkräutern. Bereits im alten Ägypten soll der „Samen des Horus“ gegen Schlangen- und Pflanzengifte gewirkt haben. Auch die Griechen und Römer erkannten bereits früh, dass Andorn gegen trockenen Husten und Asthma wirkt. Der Alchemist Paracelsus bezeichnete das Kraut als „Arznei der Lunge“. Die Äbtissin Hildgard von Bingen sprach dem Andorn lindernde Kräfte bei Magenbeschwerden, Ohrenleiden und Katharren der Atemwege zu. Eine Fettsalbe aus Andorn, Majoran, Fenchel und Salbei sollte Kopfschmerzen lindern. Bereits im Mittelalter setzte man die Pflanze ein, um das Böse zu vertreiben und Hustenschleim zu lösen. Zudem half das Kraut bei Verstopfung, Gelb- und Schwindsucht sowie bei Menstruations- und Geburtsschmerzen.

Wissenswert

Mit der Wahl zur Arzneipflanze des Jahres soll die Bedeutung von natürlichen Heilpflanzen und deren pharmazeutische Nutzung ins Licht gerückt werden. Aufgrund seiner positiven Eigenschaften wurde Andorn vom Studienkreis der Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzen an der Universität Würzburg zur „Arzneipflanze 2018“ gekürt. Zuletzt waren es Saathafer und Kapuzinerkresse.  

Wohltuend mit bitterem Geschmack

Auch heute genießt das Andornkraut einen guten Ruf in der Naturheilmedizin und bereichert die Hausapotheken. Laut Monografie des „Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC)“ der Europäischen Arzneimittelagentur wird Andorn als Tee, Presssaft oder Extrakt vor allem bei hartnäckigem Husten, Bronchitis und Verdauungsbeschwerden eingesetzt. Ausschlaggebend für die gesundheitsfördernde Wirkung sind Bitterstoffe (u. a. Marrubiin), die in den Pflanzenteilen stecken. Diese „docken“ an Bitterstoffrezeptoren u. a. in der Zunge, im Mund und Rachenraum sowie in den glatten Muskelzellen der Bronchien an. Dadurch werden diese erweitert und der festsitzende Schleim löst sich. Als Schleimlöser sollte Andorntee mehrmals täglich getrunken werden. Bei Halsweh und entzündeter Mundschleimhaut hilft er als Gurgellösung. Wer unter Völlegefühl, Blähungen oder Übersäuerung leidet, greift am besten vor den Mahlzeiten zum Kräutersud. Denn Andorn fördert den Gallenfluss, regt die Bildung von Magensäure und die Darmtätigkeit an. Da die Pflanze auch große Mengen an Gerbstoffen enthält, eignet sie sich auch als Heilkraut bei Durchfall. Schwangere sollten Andorn jedoch meiden, da er frühzeitige Wehen auslösen kann.

Wissenswert

Andorn hilft auch gegen Appetitlosigkeit. Damit lässt sich der Gusto beispielsweise bei Mangelernährung im Alter steigern.

So gelingt der Andorn-Aufguss:

1-1½ TL getrocknete oder frische Andornblätter und -stängel mit 150 ml siedendem Wasser aufgießen und ca. zehn Minuten abgedeckt ziehen lassen. Danach abseihen und schluckweise trinken. Da Andorn sehr bitter und leicht scharf schmeckt, mischt man den Sud am besten mit anderen Teekräutern. Für ein leicht süßliches Aroma sorgen Süßholzwurzel oder ein Löffel Honig.

Charakteristische Wuchsform

Der Andorn zählt neben Lavendel oder Basilikum zu den Lippenblütlern (Laminaceae). Ursprünglich stammt er aus Südeuropa. In unseren Breitengraden wächst er in geschützten Lagen, auf Schutthalden, entlang von Wegrändern, Hecken und Zäunen. Getrocknete Andornblätter, fertige Teemischungen und Andornextrakt in Tropfenform sind meist in Apotheken oder Reformhäusern erhältlich. Das Kraut eignet sich auch für den Eigenanbau am Balkon oder im Garten, z. B. in Pflanzenkästen oder Kräuterschnecken.

Wissenswert

Möchte man Andorn selbst ansetzen, kann man das Saatgut über die Arche Noah beziehen. Die Arche Noah ist ein Verein zur Erhaltung und Verbreitung alter Gemüse- und Obstsorten und widmet sich auch in Vergessenheit geratener (Heil-)Kräuter.

Den Andorn erkennt man anhand seiner hohen, nahezu quadratischen Stängel, die mit weißen Drüsenhaaren überzogen sind. Von Juni bis September bildet die Pflanze Blütenquirle mit kleinen weißen lippenförmigen Blüten, die aus den Blattachseln entspringen. Sobald sich die Blüten geöffnet haben, darf geerntet werden. Dazu zupft man nur die oberen, zarten Blätter ab. Ältere Blätter schmecken zu bitter und können leicht holzig sein. Auch die Blüten eignen sich für Aufgüsse. Da die Quirle meist Insekten beherbergen, lässt man sie kurz im Wasserbad schwimmen, um kleines Getier herauszulocken.

Wissenswert

In geringen Mengen können frische Andornblätter Salaten, Marinaden und Fleischgerichten ein herb-scharfes Aroma verleihen.

Rezepttipp:

Andornsuppe nach Hildegard von Bingen

Zutaten:
4 EL geschnittenes Andornkraut           
0,5 L Weißwein                             
3 EL Schlagobers
Bei Bedarf: je ein EL Dill, Thymian, Majoran oder Honig

Andornkraut in 250 ml Wasser aufkochen, danach abseihen und mit Weißwein aufgießen. Schlagobers hinzufügen und nochmals kurz aufkochen lassen. Für den Geschmack kann man die Suppe mit Kräutern wie Dill, Majoran oder Thymian würzen. Wer es gerne süß mag, greift am besten zu Honig. Andornsuppe soll wohltuend bei Halsweh und Beschwerden des Kehlkopfes wirken.

Quelle: Hirsch S, Grünberger F: Die Kräuter in meinem Garten. Freya Verlag, Linz (2011).Quellen

Literatur

Forschungsgruppe Klostermedizin: Arzneipflanze des Jahres 2018: Andorn – marrubium vulgare. www.klostermedizin.de/index.php/heilpflanzen/arzneipflanze-des-jahres/66-arzneipflanze-des-jahres-2018-andorn-marrubium-vulgare (zuletzt abgerufen am 11.01.2018).
Bäumler S: Heilpflanzen Praxis Heute. Urban & Fischer Verlag, München (2007).
Hirsch S, Grünberger F: Die Kräuter in meinem Garten. Freya Verlag, Linz (2011).
www.kraeuter-buch.de/kraeuter/Andorn.html




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