14.07.2007 von Doris Passler

Auf Sport eingestellt

Bewegungsformen, die wir in der Kindheit erlernen, vergisst der Körper nie. Aber gelingt es sportlichen Kindern auch später im Leben leichter, das Körperwerkzeug Bewegung zu nutzen? Werden aus bewegten Kindern wirklich bewegte Erwachsene?

Bald ist es wieder so weit. Die Temperaturen sinken, die ersten Schneeflocken werden fallen. In Wintersportorten wird bereits auf Hochtouren die Pistenpräparierung geplant. Und dann geht’s los. Massenweise werden Schibegeisterte die Hänge hinunter rutschen. Beobachtet man die Gruppen, die hinter einem Schilehrer die ersten Schwünge probieren, fällt auf: Während die kleinen Stöpsel der vierjährigen Schianfänger ohne Probleme am zweiten Schitag die Kontrolle bergaufwärts auf dem Tellerlift haben und langsam, aber geschmeidig talwärts ihre Bögelchen machen, kann man sich bei den 40-jährigen Anfängern das Lachen manchmal schwer verbeißen. Erwachsene sind beim Erlernen einer neuen Sportart wesentlich ungeschickter als Kinder. Ihnen fehlt es an Bewegungsroutine und oft auch an körperlicher Fitness. Hier haben junge Anfänger eindeutig bessere Karten. Und zwar langfristig. Denn sportliche Kinder kommen auch im Erwachsenenalter rascher wieder auf ursprüngliches Niveau.

Hilft dabei das Muskel-Gedächtnis?

Der Muskel merkt sich, was er einmal gelernt hat. Möglicherweise sind es Mechanismen auf molekularbiologischer Ebene und Enzymaktivitäten in der Atmungskette die zur Präkonditionierung der Muskelzelle führen. Wie diese Lernfähigkeit des Muskels funktioniert, ist nicht geklärt. Was aber jeder beobachten kann: Je öfter Bewegungsmuster trainiert werden, umso perfekter läuft Bewegung ab und umso rascher können Bewegungsabläufe wieder abgerufen werden. Auch nach längeren Pausen.

Wissenswert

Lernen Kinder oder Jugendliche in jungen Jahren verschiedene Sportarten, so vergisst der Körper die zu Grunde liegenden Bewegungsmuster nie.

Ein anderes Erklärungsmodell wird auf organischer Ebene von der Interaktion von Muskel, Gehirn, Nervenleitungen und Rezeptoren abgeleitet. Die „Merkfähigkeit der Muskeln“ wird als Zusammenspiel aus kinästhetische Empfindungen (Bewegungssinn),  interozeptivem System (Eigenwahrnehmung von Vorgängen im Körper), afferenten (zum Gehirn verlaufenden) und efferenten (vom Gehirn wegführende) Sinnesnerven, Propriozeptoren (Sensoren in Muskeln, Sehnen und Bindegewebe der Skelettmuskulatur) und unserer Gedächtnisleistung im Gehirn beschrieben. Obwohl wir nicht wissen, was tatsächlich hinter dem Muskel-Gedächtnis steckt, liegt der Schluss nahe: Durch viel Bewegung in der Kindheit, durch Erlernen und Ausprobieren speichert unser Körper eine Vielzahl an Bewegungsabläufen verschiedenster Sportarten. Als Erwachsener kann dann auf einen großen Pool an Bewegungsmustern zurückgegriffen werden. Bewegen sich Kinder hingegen wenig, steht ihnen auch später nur ein wenig differenziertes Bewegungsrepertoire zur Verfügung.

Einmal bewegt, immer bewegt?

Die Auswirkungen von sportlicher Aktivität in Kindheit und Jugend auf die körperliche Fitness und Bewegungsaktivität im Erwachsenenalter wurden durch einige Langzeitstudien untersucht. Die Ergebnisse sind bedingt durch methodische Unterschiede nicht immer einheitlich, es lässt sich aber ein gewisser Trend ablesen: Kinder, die Sport betreiben, schneiden bei Fitnesstests besser ab. Körperliche Fitness in jungen Jahren dürfte auch im Erwachsenenalter erhalten bleiben. Wer als Kind Sport betreibt, kommt auch als Erwachsener rascher wieder auf Touren. Und jene, die viele verschiedene Sportarten ausüben, in einem Verein Mitglied sind oder Teamsport betreiben, bleiben häufig auch in späteren Jahren sportlich.

Alles zum richtigen Zeitpunkt

Vielseitige körperliche Aktivität unterstützt die Entwicklung einer grundlegenden „motorischen Intelligenz“ entsprechend den jeweiligen Entwicklungsphasen, auf die ein Leben lang zurück gegriffen werden kann. So können Kinder ab dem vierten Lebensjahr komplexe Sportarten wie Rad fahren, Schi fahren, Eis laufen oder Schwimmen leicht erlernen. Mit dem Schuleintritt beginnt die Entwicklung sozialer Kompetenz und ab dem zehnten Lebensjahr ist Mannschaftssport angesagt. Zwischen acht und zwölf Jahren liegt die Phase der größten motorischen Lernfähigkeit des gesamten Lebens. Deshalb ist das Erlernen mehrerer Sporttechniken, die ein ganzes Leben lang ausgeübt werden, in dieser Altersgruppe besonders günstig.

Sportkanonen statt Stubenhocker

Warum sich Kinder und Jugendliche für oder gegen Sport entscheiden, dafür gibt es zahlreiche Hinweise. So verlagern Jugendliche häufig in der Pubertät ihr Bewegungsverhalten schwerpunktmäßig in Richtung sitzende Tätigkeiten. Auch Adam und Eva sind nicht gleich: Jungs machen in ihrer Freizeit lieber Sport als Mädchen. Und wie wirkt sich das mit Bewegung einher gehende positive Gefühl für Körperkompetenz aus? Wer sich viel bewegt, kann mit seinem Körper mehr anfangen und hat dabei regelmäßig Erfolgserlebnisse. Das motiviert viele, auch im Erwachsenenalter sportlich zu bleiben. Nicht zu vergessen sind die Bewegungsbedingungen. Wer Bewegungsgelegenheiten im Alltag und die Freizeitgestaltung am Wochenende nicht für ein Bewegungs-Plus nutzt, ist in der Regel auch nicht so aktiv. Im Zusammenhang mit „Ja“ oder „Nein“ für Sport, kann man den Menschen auch als Herdentier wieder finden. Eine WHO-Studie zeigt: Wenn drei oder mehr Bezugspersonen von Jugendlichen Sport machen, tun das auch 84 % der Buben und 71 % der Mädchen, und zwar zweimal die Woche oder öfter. „Role-Models“ (Freunde und Geschwister als Vorbilder) sind also wichtig, um die Freude am Sport zu entdecken und zu behalten.

Fazit

Es lohnt sich, Freude an Bewegung in die Kinderschuhe zu legen. Denn wenn aus bewegten Kindern, bewegte Erwachsene werden, ist bereits ein wesentlicher Risikofaktor für die Volkskrankheiten Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Osteoporose und für Probleme mit dem Bewegungsapparat aus dem Weg geräumt. Die Devise lautet also: Viel Bewegung von Anfang an!

Literatur

Aarnio M: Leisure-time physical activity inlate adolescence: a cohort study of stability, correlates and familial aggregation in twin boys and girls. JSSM (2003).

Baquet G: Longitudinal follow-up of fitness during childhood: interaction with physical activity.
Am J Hum Biol, 51-58 (2006).

Anderssen N et al.: Parental and peer influences on leisure-time physical activity in young adolesents.
Res Q Exerc Sport 63, 341-348 (1992).

Matton L et al.: Tracking of physical fitness and physical activity from youth to adulthood in femals. Med Sci Sports Exerc, 1114-1120 (2006).

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