22.05.2015 von Marlies Gruber

Babybrei und -kekse im Test

Die Arbeiterkammer Oberösterreich hat das „tägliche Brot“ für die Kleinsten untersucht und sich Babybrei und -kekse angesehen. Prägen sie Geschmacksvorlieben? Und legen Brei und Kekse bereits den Grundstein für das Körpergewicht im Kindesalter?

Wenn es darum geht, gesundheitliche Weichen zu stellen, dann sind die ersten 1000 Tage im Leben besonders relevant. Das ist das Zeitfenster von der Empfängnis bis zum zweiten Lebensjahr. Dabei ist bereits der Lebensstil der werdenden Mutter folgeträchtig. So zieht eine übermäßige Energieaufnahme und Übergewicht während der Schwangerschaft ein deutlich gesteigertes Risiko für ein erhöhtes Geburtsgewicht und Übergewicht im Erwachsenenalter nach sich. Auch die Essgewohnheiten der werdenden Mutter scheinen die Geschmacksvorlieben des Kindes zu prägen. Und während zwar dann die Muttermilch nicht tatsächlich nach den einzelnen verzehrten Speisen schmeckt, so weist sie doch von Tag zu Tag ein leicht unterschiedliches Geschmacksprofil auf. Deswegen sind gestillte Kinder später offener für neue Lebensmittel und essen mehr und lieber davon als mit Säuglingsanfangsnahrung gefütterte Kinder. Richtig ans „Eingemachte“ geht es schließlich, wenn rund um den sechsten Lebensmonat mit fein Püriertem und Breien gestartet wird. Dabei lehnen Kinder häufig ab, was sie nicht kennen. Mitunter brauchen sie 10 bis 16 Mal einen kleinen Geschmackstest, bevor sie die jeweilige Speise tatsächlich essen. Und egal ob gestillt oder mit Formelnahrung gefüttert: an den süßlichen Geschmack sind alle von Anfang an gewöhnt. Wie grundsätzlich unsere Vorliebe für süße und salzige Speisen angeboren ist und Bitteres oder Saures zunächst verweigert wird. Diese Geschmacksrichtungen zu mögen, ist ein Lernprozess. Genauso ist es eine Frage der Gewohnheit, wie süß oder salzig Speisen sein müssen, um sie gerne zu essen. Die Geschmackssensoren lassen sich sozusagen „einstellen“. Wir mögen, was wir essen. Und nicht umgekehrt.

Die Arbeiterkammer hakt hier ein und hat in ihrem Test einen zu hohen Zusatz von Zucker und Gewürzen bzw. Aroma von Vanille und Zimt kritisiert. Sie begründet dies mit einer negativen Geschmacksprägung im frühen Kindesalter, die zu einem späteren Ernährungsfehlverhalten führen würde. Die Vorliebe für süße und mit Gewürzen im Geschmack abgerundete Speisen verknüpft die AK mit dem Auftreten von Übergewicht im Alter von 7 bis 14 Jahren. Tatsächlich ist knapp ein Viertel der Schulkinder dem österreichischen Ernährungsbericht zufolge übergewichtig. Ob das an den Breien und Keksen liegt, ist jedoch fraglich. Denn Zucker entscheidet nicht darüber, ob ein Kind dick oder dünn ist. Schlanke Kinder essen und trinken genauso häufig Süßes wie übergewichtige. Das zeigte beispielsweise die Forschergruppe um Berthold Koletzko am Haunerschen Kinderspital der Universität München in Erhebungen an mehr als 6.800 Schulanfängern in Bayern bereits 2003. Die Verzehrshäufigkeiten für Schokolade, gesüßte Getränke, Kuchen sowie Chips, Erdnüsse und Kekse waren in dieser Erhebung bei allen Kindern ziemlich gleich. Auch die Kieler Obesity Prevention Study (KOPS) kommt zu dem Ergebnis, dass übergewichtige und normalgewichtige Kinder sich im Süßigkeitenkonsum ähneln. Der Unterschied liegt vielmehr im Bewegungsverhalten. Kinder, die sich viel bewegen und regelmäßig Sport betreiben, sind in den meisten Fällen normalgewichtig. Auch die Daten des österreichischen Ernährungsberichtes zur Zuckeraufnahme belegen, dass die Kinder heute Zucker durchwegs moderat verzehren. Sie liegen mit 10 bis 12 Energieprozent bei oder nur knapp über dem von der WHO empfohlenen Wert von 10 % der täglichen Energieaufnahme. Diese 10%-Regel wird übrigens in wissenschaftlichen Kreisen mitunter kritisch gesehen. Schließlich ist der Zuckeranteil in der Ernährung für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas sowie Diabetes mellitus Typ 2 wahrscheinlich egal. Das schlussfolgerte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in ihrer evidenzbasierten Leitlinie „Kohlenhydrate“. Der Österreichischen, Deutschen und Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung sowie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zufolge ist die Datenlage generell unzureichend, um überhaupt eine Obergrenze für den Zuckerkonsum zu definieren. Sie empfehlen einen mäßigen Umgang mit gesüßten Lebensmitteln. Im gesamten Lebensverlauf bilden zahlreichen Faktoren die Grundlage für die Entwicklung von Adipositas.

Für die Praxis zum Start im Leben heißt das: Sowohl bei selbstgemachten Breien und Keksen als auch bei fertiger Nahrung ist grundsätzlich auf Abwechslung zu achten. Kinder sollen die breite Vielfalt an Lebensmitteln und Geschmäckern kennenlernen, ebenso auch unterschiedlich gesüßte Varianten. Wie süß etwas schmeckt hängt dabei auch wesentlich davon ab, ob beispielsweise Banane oder Apfel mit im Spiel ist und wie reif das Obst ist.
Bei Fertigprodukten ist der Zuckergehalt jeder Nährwerttabelle zu entnehmen. Mit welchen „Zuckerarten“ gesüßt wurde, steht in der Zutatenliste. Dabei kann es sich um Fruchtzucker (Fruktose), Traubenzucker (Glukose) oder Zucker (Saccharose) handeln. Bei den Milchbreien ist in der Regel vor allem natürlich vorkommender Milchzucker (Laktose) enthalten. Fruktooligosaccharide sind Mehrfachzucker, die als Ballaststoffe wirken und wegen ihres prebiotischen Potenzials mitunter eingesetzt werden. Sie zählen nicht zu den Zuckern.
Will man den Zuckergehalt grundsätzlich bewerten, wie es die Arbeiterkammer vorschlägt, dann ist für den Alltag vor allem eines wesentlich: der Zuckergehalt des verzehrfertigen – mit Wasser angerührten - Breis, nicht der Trockenmasse. Mehr zum Thema Zucker generell finden Sie hier.

Literatur

BMG, SV, AGES: Richtig essen von Anfang an! Babys erstes Löffelchen. 2014. www.richtigessenvonanfang.at (Zugriff am 21.05.2015).
Koletzko B: Ernährung im Kindesalter: Wie kann Übergewicht vorgebeugt werden? Abstract, Kongress „Kinder und Ernährung“ unter der wissenschaftlichen Leitung der DGE, 8. Juli 2003, Berlin.
Mast M, Körtzinger I, Müller MJ: Ernährungsverhalten und Ernährungszustand 5 – 7jähriger Kinder in Kiel. Akt Ernähr Med (1998), Vol. 23, S. 282-288.

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