19.05.2008 von Mag. Petra Borota-Buranich

Beerige Allrounder?

Die amerikanischen Cranberries gehören hierzulande zu den interessanten Neuentdeckungen. Im Sprachgebrauch werden sie oft mit den Preiselbeeren synonym verwendet. Doch wie ähnlich sind sich die Beeren tatsächlich?

Cranberries sind Teil des amerikanischen Nationalgerichts und dürfen als Beilage zum Truthahn auf keiner Thanksgiving-Tafel fehlen. Dementsprechend groß ist auch die Produktvielfalt im Handel: Die Palette reicht von frischen oder getrockneten Früchten über Saucen, Fruchtsäfte, Milchprodukte, Süßwaren bis hin zum Cranberry-Muttersaft, Nahrungsergänzungsmitteln und Zahnpflegeprodukten. Ihr deutscher Name lautet großfruchtige Moosbeere. Kein Wunder also, dass in den heimischen Supermärkten „Cranberry“ oder gar Preiselbeere auf dem Etikett zu lesen ist. Doch sind Cranberry und Preiselbeere nicht wie Kirsche und Weichsel: Geschwister, aber keine eineiigen Zwillinge?

Botanische Sippschaft

Sowohl die alpenländischen Preiselbeeren (Vaccinium vitis-idea L.) als auch die amerikanischen Cranberries (Vaccinium macrocarpon Aiton) gehören zur Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae). Trotz der Verwandtschaft weisen die Beeren einige Unterschiede auf: Preiselbeeren sind scharlachrote, erbsengroße Wildfrüchte, die ein natürliches Waldbodenklima benötigen. Cranberries sind hingegen rubinrot, olivengroß und eiförmig und gedeihen am besten auf sauren Moorböden wie sie im Norden der USA und Kanada vorzufinden sind. Im Gegensatz zu den wild wachsenden Preiselbeeren werden Cranberries kultiviert in großen „Betten“ gezüchtet.

Wissenswert

Bei der Cranberry-Ernte von September bis November sind zwei Verfahren verbreitet: die Trockenernte und die Nassernte. Bei der Trockenernte setzen die Farmer kleine Erntemaschinen ein, die einem Mähdrescher ähneln. Handverlesen gelangen sie als Frischfrüchte in den Handel. Bei der Nassernte fluten die Farmer ihre Felder und lösen durch künstlich erzeugte Wasserstrudel die Beeren von den Sträuchern.

Da beide Beerenarten viel Säure (Benzoe-, Ascorbin- und Salicylsäure) und Pektin enthalten, werden sie nur selten roh verzehrt. Verarbeitet würzen sie vor allem als Gelee Fleisch- und Wildgerichte und geben auch Mehlspeisen einen süß-säuerlichen Geschmack. Doch beide Beerenarten sind nicht nur kulinarisch, sondern vor allem gesundheitlich von Interesse.
In der europäischen Naturheilkunde werden die Blätter der Preiselbeeren wegen ihres Gehalts an Arbutin (Phenolglukosid) für Blasen- und Nierentees verwendet. Der Saft der roten Beeren wirkt als fiebersenkendes und Harn desinfizierendes Hausmittel. Auch bei Zahnfleisch- und Mundschleimhautentzündungen sowie bei Durchfallerkrankungen zeigt er heilende Wirkung.  In einer vergleichenden Studie an verschiedenen Vaccinium Beeren (Kulturheidelbeeren, Kronsbeere, Blaubeeren, Cranberries, ...) zeigten Preiselbeeren den höchsten Gehalt an Resveratrol. Als ein starkes Antioxidanz spielt Resveratrol, das auch in Weintrauben vorkommt, eine wichtige Rolle bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.
Cranberries verwendeten bereits die Ureinwohner Nordamerikas, um Lebensmittel haltbar zu machen, Krankheiten zu kurieren und Wunden zu heilen. Auch heute konsumieren in den USA ca. 80 % der Bevölkerung Cranberry-Produkte – der Großteil aus gesundheitlichen Gründen. Vor allem als Hausmittel zur Vorbeugung von bakteriellen Blasenentzündungen sind die roten Beeren längst kein Geheimtipp mehr. 1984 belegten erste Studien, dass Cranberries die Gesundheit des Harntraktes fördern. Seitdem haben zahlreiche Studien diese Ergebnisse bestätigt. Cranberries enthalten in hohen Mengen Proanthozyanidine (verdichtete Tannine), die die Anhaftung von krankheitserregenden Bakterien (Escherichia coli) an den Zellen des Harntraktes hemmen. Die Krankheitserreger werden somit aus dem Körper ausgespült, bevor eine Infektion entsteht. In Frankreich dürfen seit April 2004  Cranberry-Produkte den Hinweis (Health Claim) tragen, dass sie das Anhaften von Coli-Bakterien im Harn verhindern helfen.

Wissenswert

Da die ersten amerikanischen Siedler einst mit den schlanken rosa-weißen Blüten Kopf und Schnabel eines Kranichs assoziierten, gaben sie den Beeren somit den Namen „Crane berry“, der später zu Cranberry mutierte.

Antihaft-Effekt

Frische Cranberries weisen im Vergleich zu 20 anderen Früchten sowohl die höchste Konzentration an Polyphenolen als auch an freien Phenolen auf. Diese hohe antioxidative Gesamtwirkung macht möglicherweise auch dem Bakterium Helicobacter pylori  das Anhaften an der Magenschleimhaut schwer und reduziert somit ersten Untersuchungen zufolge das Risiko für Geschwüre und Magenkrebs.
Auch die Mundhygiene kann durch Cranberries verbessert werden. Forschungsergebnisse zeigen, dass Mundwasser mit Cranberry-Extrakten  bestimmte orale Krankheitserreger (Streptococcus mutans) und die Gesamtzahl der Bakterien im Mundraum deutlich verringert und somit die Entstehung von Paradontose verhindert. Weiters könnten die in Cranberries enthaltenen Flavonoide und Polyphenole möglicherweise auch zur Herzgesundheit beitragen. In einer Humanstudie stieg das „gute“ HDL-Cholesterin bei Studienteilnehmern nach dem Konsum von einem Cranberry-Getränk um durchschnittlich 8 %.

Welche Dosis wirkt?

Der positive Effekt der Cranberries auf den Harntrakt wurde bereits in vielen Untersuchungen bewiesen. Es sind allerdings noch weitere Studien notwendig, um die optimale Dosis oder Art der Verabreichung etwa als Tablette, Saft oder Kapseln zu klären und evtl. Verzehrsempfehlungen auch für die gesundheitsfördernde Effekte der Cranberry auf das Herz-Kreislauf-System oder für die Krebsprävention aussprechen zu können. Der reine Fruchtsaft (Muttersaft) kann bei magenempfindlichen Personen übrigens für Probleme sorgen, weshalb zur Verdünnung mit Wasser geraten wird.

Fazit

Die Cranberry-Forschung hat in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass die gesundheitsfördernden Eigenschaften der Beere immer populärer wurden. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Cranberry lassen auch die weniger untersuchte Preiselbeere in neuem Licht erscheinen. Sie dürfte eine ähnliche gesundheitsfördernde Wirkung wie ihre amerikanische Verwandte haben, für beide sind jedoch noch weitere wissenschaftliche Belege zu erbringen.

Literatur

Howell AB, Vorsa N, Der Marderosian A, Foo LY: Inhibition of the adherence of fimbriated Escherichia coli to ureoepithelial-cell surfaces by proantho-cyanidin extract from cranberries.
New England Journal of Medicine 229: 1085–1086 (1998).

Steinberg D, Feldman M, Ofek I, Weiss EI: Effect of high-molecular-weight component of cranberry on constituents of dental biofilm. Journal of Antimicrobial Chemotherapy: 1093 – 1096 (2004).

Wu X et al.: Lipo-philic and hydrophilic antioxidant capacity of common foods in the United States. Journal of Agricultural Food Chemistry 52: 4026–4037 (2004).

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