03.05.2018 von Elisabeth Rudolph

Bier und Wein: Lass es sein?

Ein gemütliches Glas Wein an einem lauen Frühlingsabend. Ein schnelles Bier nach der Arbeit in der Stammkneipe um die Ecke. Eine jüngst veröffentlichte Studie bestätigt: Wenig Alkohol hat durchaus positive Effekte, zu viel verkürzt das Leben. Und die Grenzen sind schnell erreicht. Was hat es damit auf sich? Wir haben die Studie unter die Lupe genommen.

Trinkt man regelmäßig Alkohol, steigt das Risiko frühzeitig zu sterben. Dazu braucht es auch nicht viel, denn bereits 100 g/Woche – das sind etwa fünf bis sechs Gläser Wein oder fünf Krügerl Bier – reichen dazu aus. Das hat eine Datenanalyse aus 83 Studien mit einer Teilnehmerzahl von knapp 600.000 Personen ergeben. Sie haben in einer Langzeitstudie zwischen 1964 und 2010 Angaben zu ihren Trinkgewohnheiten, dem Alkoholkonsum und dem Gesundheitszustand gemacht.

Paradoxon bestätigt

Die Auswertung hat die Ergebnisse früherer Studien bestätigt: Moderates Trinken, etwa ein Glas Bier oder Wein pro Tag, hat einen positiven Einfluss auf bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Warum das so ist, können die Studienautoren nicht erklären. Sie schlussfolgern jedoch, dass möglicherweise ein bestimmtes Blutfett Herz und Gefäße schützt. Die Kernaussage der Studie lautet aber: Das geringste Risiko für die Gesamtsterblichkeit besteht bei einer Alkoholaufnahme von bis zu 100 g/Woche. Wie gesagt, das sind fünf bis sechs Gläser Wein oder Krügerl Bier in der Woche. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass die Studie in 19 wohlhabenden Ländern durchgeführt wurde und die positiven Auswirkungen des moderaten Trinkens nicht zwingend mit dem Alkohol zu tun haben müssen. Vermutlich beeinflussen sowohl der Lebensstil, die Ernährung, das Bewegungsverhalten und die bessere medizinische Versorgung die Ergebnisse. Studienautorin Angela Wood betont, dass die schützende Wirkung des moderaten Alkoholkonsums mit dem erhöhten Risiko für andere und mitunter sogar tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen abgewogen werden muss. Lesen Sie hier mehr über das tägliche Glas Rotwein und was es damit auf sich hat.

In der aktuellen Studie fokussierten sich die Wissenschaftler auf jene Studienteilnehmer, die Alkohol trinken. Sie wurden in acht verschiedene Kategorien eingeteilt, je nachdem, wie viel und wie oft sie Alkohol konsumieren. Zusätzlich wurden Angaben zu Alter, Geschlecht, Diabeteserkrankung, Raucherstatus und Faktoren, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang stehen, erhoben. Abstinenzler waren von der Studie ausgeschlossen. Mit diesem Datensatz wurde der Alkoholkonsum mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und damit verbundenen Erkrankungen sowie mit der Gesamtsterblichkeit in Relation gesetzt. Dabei wurden die acht Gruppen miteinander verglichen.

Wer viel trinkt, lebt kürzer

Die Wissenschaftler schätzen, dass Männer sogar um bis zu zwei Jahre länger leben, wenn sie Ihren Alkoholkonsum halbieren, z.B. von 200 g auf 100 g. Auf Basis der Angaben zur Alkoholart, errechneten die Studienautoren das größte Risiko für die Gesamtsterblichkeit bei Wein- und Biertrinkern sowie Rauschtrinkern. Zu anderen alkoholischen Getränken wurden keine konkreten Angaben gemacht. Was zeigen die Ergebnisse im Detail? Es handelt sich um eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, d.h. je mehr getrunken wird, desto geringer ist die Lebenserwartung. Denn Studienteilnehmer, die pro Woche zwischen 100 und 200 g Alkohol trinken, das entspricht etwa fünf bis zwölf Gläsern Wein, oder fünf bis zehn Krügerl Bier, verringern ihre Lebenserwartung um etwa ein halbes Jahr. Gleichzeitig steigt auch das Risiko für z.B. Herzinfarkt um ca. 14 % an. Besonders auffällig ist der Zusammenhang zwischen verkürzter Lebenserwartung und Alkohol bei einer Menge zwischen 300 und 350 g Alkohol/Woche. Das entspricht in etwa 8 L Bier oder 15-20 Gläser Wein. Wer so viel trinkt, verkürzt das Leben um ein bis zwei Jahre. Ab einer Menge von
350 g/Woche sogar um fünf Jahre.

Obergrenzen neu festlegen?

Laut Ergebnissen aus der Untersuchung sind Alkoholmengen ab bereits 100 g schädlich. In vielen Ländern liegen jedoch die Richtwerte zur maximalen Alkoholzufuhr über den 100 g. In den USA sind es beispielsweise 196 g für Männer und 98 g für Frauen, in Kanada, Italien, Portugal und Spanien liegen die Grenzwerte ebenfalls höher. In Österreich werden 112 g für Frauen und 168 g für Männer als noch harmlos eingestuft. Nach Veröffentlichung der Studie forderten die Autoren deshalb, die Grenzwerte zu überdenken und zu senken. Sie argumentieren damit, dass bereits geringe Mengen Alkohol lebensverkürzend sind. Oder anders formuliert: Wer gerne trinkt, dem hilft weniger trinken, länger zu leben. Der Richtwert von 100 g Alkohol/Woche sollte vor allem für Männer gelten, da hier die Grenzwerte meist höher angesetzt sind als bei Frauen.
Doch gerade bei Alkohol ist es schwierig, einheitliche Richtwerte festzulegen, da auch immer individuell unterschiedliche Risiken einbezogen werden müssen. Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) liegt die akzeptable tägliche Alkoholmenge bei 10 g für Frauen und 20 g für Männer. 20 g Alkohol entsprechen ca. 0,5 L Bier, oder 0,25 L Wein bzw. Sekt pro Tag. Die DGE betont jedoch, diese Menge nicht als Aufforderung zu verstehen, jeden Tag zu trinken. Es handelt sich hier also um keine Empfehlung wie etwa bei der Vitaminzufuhr. Hier geht es vielmehr um die in der Literatur beschriebenen Wirkungen von Alkohol auf die Gesundheit und die Ableitung von Grenzwerten.

Einschränkungen der Studie

Wie jede Studie, hat auch diese Untersuchung Limitierungen. Kritische Stimmen betonen, dass die Lebenserwartung nur zwischen den einzelnen Gruppen und nicht mit Abstinenzlern verglichen wurde. Somit müssen die Ergebnisse mit Vorsicht genossen werden, denn man weiß nur, wie die Lebenserwartung bei unterschiedlichen Alkoholmengen aussieht. Interessant wäre der Vergleich zwischen Trinkern und Abstinenzlern. Bei dieser Studie war die geringste durchschnittliche Alkoholmenge 56 g in der Woche.

Auf Bier und Wein verzichten?

Was bedeuten die Studienergebnisse für die Praxis? Sollen wir auf das Feierabendbier künftig verzichten? Ganz so einschränkend muss es nicht sein, dennoch sollte man das Risikobewusstsein stärken und auch auf die Gefahren eines zu hohen Alkoholkonsums aufmerksam machen. Denn chronisches Trinken schädigt fast jedes Organ und hat krebsförderndes Potential. Das Gläschen in Ehren muss einem also nicht verwehrt bleiben, man sollte jedoch auf die Menge und Häufigkeit achten. Und wenn es mal zu viel war, dann hilft sporteln. Denn eine groß angelegte Studie hat einen direkten Zusammenhang zwischen Sport, Alkoholkonsum und Lebenserwartung festgestellt. Lesen Sie hier mehr darüber.

Wissenswert

Ein Glas Rotwein hat ca. 160 kcal, 0,5 L Bier ca. 220 kcal. Wer auf seine Linie achten möchte, sollte nicht nur Süßes und Snacks in Maßen genießen, sondern auch bei Alkohol überlegt zugreifen.

Fakten zum Alkoholkonsum in Österreich

  • 12,5 L Alkohol trinken Frau und Herr Österreicher pro Jahr im Durchschnitt, das sind etwa 0,6 L Bier für Männer und 0,4 L Bier für Frauen am Tag.
  • 370.000 Menschen (5 % der erwachsenen Bevölkerung) gelten in Österreich als alkoholkrank.
  • Der Durchschnittskonsum nimmt mit dem Alter zu.
  • In den letzten zehn Jahren ist der Alkoholkonsum stabil geblieben.
  • Jeder Fünfte trinkt gar nicht.
  • Frauen sind häufiger abstinent als Männer.

Lesen Sie in der ernährung heute 3_2013 mehr über das Thema Alkohol in der Rundumsicht.

 

Literatur

Wood AM: Risk threshold for alcohol consumption: combines analysis of individual-participant data for 599 912 current drinkers in 83 prospective studies. The Lancet, 391, 1513-1523 (2018)

Zwirn G: Initial reactions provides by IARD & Short Review. Spirits Europe.

Lancet Press Release from 12th April 2018: Alcohol limits in many countries should be lowered, evidence suggests. www.eurekalert.org/pub_releases/2018-04/tl-tla041118.php (Zugriff am 1.5.2018)

Presseinformation der DGE vom 2.2.2010: Prävention durch moderaten Alkoholkonsum. www.dge.de/presse/pm/praevention-durch-moderaten-alkoholkonsum/ (Zugriff am 1.5.2018)

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Richtwert für Alkohol. www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/alkohol/

Factsheet zur Österreichischen Dialogwoche Alkohol „Wie viel ist zu viel?“ www.dialogwoche-alkohol.at/factsheet-zur-dialogwoche/ (Zugriff am 1.5.2018)

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