15.07.2010

Das egoistische Gehirn

Das Gehirn wetteifert mit den anderen Organen um die Energieversorgung. Bei einem Stau in der Energielieferkette schreit es trotz gefüllten Magens nach mehr Nahrung und verleitet so zu größeren Portionen.

Unser Gehirn verbraucht 60 % des zirkulierenden Blutzuckers, in belastenden Situationen sogar bis zu 90 %. Um diesen hohen Bedarf zu decken, reagiert es selbstsüchtig: Es organisiert die Energieversorgung des Körpers so, dass seine Bedürfnisse als größter Endkonsument befriedigt werden. So lautet die Kernthese der „Selfish Brain-Theorie" des Diabetologen Achim Peters, der damit auch schlüssig erklärt, wie Adipositas entsteht.

Schwacher Brain-Pull

Bei Adipositas, so Peters, liegt ein schwacher „Brain Pull" vor: Das Gehirn „zieht" also zu wenig Energie in Form von Zucker aus dem Körper. In dieser Situation fließt zu viel Glukose in Muskel- und Fettgewebe, das Gehirn verfügt über zu wenig. Um das Defizit zu kompensieren, schreit es nach mehr Glukose und signalisiert mehr zu essen. Hier beginnt der Teufelskreis. Denn obwohl durch die Nahrungsaufnahme genug neue Energie zur Verfügung steht, gelangt wieder wenig Glukose zum Gehirn, während sich die Fettspeicher weiter auffüllen. Die Bremse, also das Sättigungsgefühl, fehlt.

Fehler in Hard- und Software

Der Brain-Pull ist dabei kein Schalter, den man einfach umlegen kann, sondern ein komplexes System: Das Nervenzellennetzwerk erstreckt sich von der Hirnrinde über den Hirnstamm. Von dort gehen die Signale in den Körper, also zur Leber, zur Bauchspeicheldrüse und zur Muskulatur. Gestört kann diese Signalkaskade durch Hardware- und Softwarefehler im Gehirn sein: Hardware-Fehler, also mechanische Fehler wie Tumore und Verletzungen am Gehirn sowie Gen-Defekte, treten eher selten auf. Software-Probleme sind im Vergleich häufiger. Hier kommt es zu einer Fehlprogrammierung des Gehirns durch Signale von außen, die zu einem konditionierten Essverhalten führen, wie etwa bei Frust-Essern. Auch Antidepressiva, Drogen, Alkohol, Viren und Pestizide können falsche Signale verursachen.

Messbare Merkmale

In Bezug auf die Hardware-Fehler sind Peters und sein Team gerade auf der Suche nach Biomarkern, also messbaren biologischen Merkmalen im Körper, die auf einen krankhaften Prozess im Körper hindeuten können. Ein Hinweis für einen schwachen Brain-Pull könnte ein niedriger Plasma-Laktat-Wert oder ein hoher Nüchtern-Insulinwert von > 145 pmol/l bei normalem Blutzuckerspiegel sein.

Verhaltenstherapie

Liegt ein Softwarefehler vor, kann eine umfassende Verhaltenstherapie helfen:
Der Betroffene lernt, Stresssituationen mittels alternativer Lösungswege zu meistern und vermeidet so Essen als monotone Antwort auf alle Probleme. Daneben helfen Übungen, um sich bei Stimuli wie Essensgerüchen besser kontrollieren zu können, und Basic-Übungen wie langsames Essen mit allen Sinnen. Dabei gibt es je nach Altersgruppe unterschiedliche Erfolgsquoten. Am einfachsten sind Kinder positiv zu beeinflussen, indem man einen ausgewogenen Lebensstil vorlebt und ihnen in Konfliktsituationen Lösungswege anbietet, damit sie ihren Frust nicht mit Essen dämpfen. Je älter die Person ist, desto schwieriger ist es, die negativen Verhaltensmuster zu durchbrechen.
Die Österreichische Adipositas Gesellschaft hilft bei der Suche von Therapieprogrammen für Kinder und Erwachsene.

Fazit

Mit der „Selfish-Brain"-Theorie wird eine schlüssige Theorie für die Ursache von Adipositas geliefert. Diese besagt, dass das Gehirn für sich selbst zu wenig essenzielle Glukose aus dem Körper abziehen kann. Das Gehirn befiehlt zu essen, obwohl der Körper eigentlich über genügend Energie verfügt. Dahinter stehen in wenigen Fällen physische und häufig psychische Gründe. Letztere können durch eine Verhaltenstherapie bewältigt werden.

Literatur

Peters A: "Stau in der Lieferkette": Die Ursachen von Adipositas aus neurobiologischer Sicht. In: Schärer-Züblin EV (Hrsg.): Forschung und Ernährung - ein Dialog. Verlag Wiley-Blackwell, Weinheim (2009).
Oswald B: Selbstsüchtiges Gehirn. Österreichische Ärztezeitung 7: 52-53 (2010).

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