18.05.2004

Der Nepp mit Himalaya-Salz

Himalaya-Salz wird als besonders wertvolles Kristallsalz in Handel und Internet angepriesen. Ihm werden heilende Kräfte nachgesagt. So soll es angeblich giftige Stoffe lösen und aus dem Körper schwemmen. Die Heilversprechen reichen von Senkung des Blutdrucks über Linderung von Gicht und rheumatischen Beschwerden bis hin zur Verminderung des Suchtverhaltens bei Suchtkranken oder "positiver Beeinflussung" von Krebs. Doch kann ein einziges Mittel diese Versprechen tatsächlich halten?

Himalaya-Salz stammt aus einem der Urmeere und soll angeblich 250 Millionen Jahre alt sein. Laut verschiedener Herstellerangaben enthält es alle natürlichen Elemente und soll neben zahlreichen positiven Wirkungen auf die Gesundheit besonders zur Mineralstoffversorgung beitragen. Ganz nebenbei: Auch Salz aus Salzlagerstätten Mitteleuropas stammt aus vor 100 bis 200 Millionen Jahren verdunsteten Meeren. Himalaya-Salz besteht zu mindestens 97 % aus Natriumchlorid (NaCl) – also aus Kochsalz. Damit ist der Gehalt an anderen Mineralstoffen außer Natrium und Chlorid in diesem Salz so gering, dass angesichts der üblichen Verzehrsmengen dieses Produkt keinen nennenswerten Beitrag zur Bedarfsdeckung von Mineralstoffen und Spurenelementen leisten kann.

Falsche Versprechungen

Die heilende Kraft des Himalaya-Salzes basiert angeblich auf seinem spezifischen Schwingungsmuster, mit dem die Energiedefizite des Körpers ausgeglichen werden können. Durch die Kraft des Salzes sollen z. B. krank machende elektromagnetische Schwingungen der Umwelt, wie sie von Handys, Mikrowellen oder Fernsehern ausgehen, ausgeglichen werden. Durch das tägliche Trinken der Sole, eines mit dem Salz hergestellten Aufgusses, soll z. B. der Säure-Basen-Haushalt ausgeglichen werden. Der Körper besitzt jedoch eigene Puffersysteme, die einseitige oder extreme Nahrungseinflüsse selbstständig regulieren. Zum Ausgleich des Säure-Basen-Haushalts ist diese Sole nicht erforderlich. Auch auf den Blutdruck soll sie einen positiven Einfluss haben. Die Empfehlung, jeden Morgen Salzsole zu trinken, ist allerdings für salzsensitive Bluthochdruck-Patienten bedenklich.

Giftige Substanz Natriumchlorid?

Nach Ansicht der Verfechter von Himalaya-Salz ist Natriumchlorid ein gefährliches Zellgift und wird vom Körper unter großem Aufwand ausgeschieden und unschädlich gemacht. Doch Natriumchlorid ist nicht hochtoxisch. Der Verband der Ernährungswissenschafter Österreichs (VEÖ) sowie die Österreichische und Deutsche Gesellschaft für Ernährung (ÖGE und DGE) betonen, dass Natrium und Chlorid für den menschlichen Organismus unerlässlich sind und zur Aufrechterhaltung lebensnotwendiger Funktionen benötigt werden. Sie sorgen gemeinsam mit Kalium für die Regulation des Wasserhaushalts im Köper. Dadurch werden Druck und Volumen im Gewebe aufrechterhalten.

Ein Natrium- und/oder Chloridmangel ist recht selten, er ist lediglich bei extremer körperlicher Belastung (z. B. Hochleistungssport) zu beobachten. Die ÖGE und DGE halten eine Zufuhr von 6 g Kochsalz täglich für ausreichend.

Jodiertes Speisesalz verursacht keine Jodallergien

Angeblich soll laut Aussagen der Himalaya-Salz-Verfechter jodiertes Speisesalz Allergien auslösen. Aus diesem Grund wird das Kristallsalz nicht jodiert. Doch Jod ist ein wichtiges Spurenelement, das für eine reibungslose Schilddrüsenfunktion lebenswichtig ist. Die empfohlene Tagesmenge beträgt für Erwachsene 200 Mikrogramm. Erst bei sehr hohen Jodmengen, ab 1.000 Mikrogramm täglich, kann ein – ausgesprochen seltener – Nebeneffekt, die so genannte Jod-Akne, auftreten. Eine Jodallergie gibt es dagegen nicht. Das Jodatom und die im Speisesalz verwendeten Jodid- und Jodatverbindungen sind zu kleine Moleküle, als dass sie im Körper zur Bildung von Antikörpern und damit zu einer echten Allergie führen könnten. In den westlichen Industrienationen besteht eher das Problem einer zu geringen Jodaufnahme. Die Folge ist ein erhöhtes Risiko einer Kropfbildung (Struma). Um dieser Erkrankung vorzubeugen, ist in Österreich seit 1963 die Jodierung von Speisesalz gesetzlich vorgeschrieben. Derzeit in einer Menge von 1.500 bis 2.000 Mikrogramm je 100 g Salz. Als Folge davon ist die Strumaprävalenz deutlich zurückgegangen. Österreich wird auch von der WHO gerne als Paradebeispiel für die Speisesalzjodierung präsentiert.

Kein Wundersalz

Besondere Wirkungen auf den Körper durch den Verzehr von Kristallsalz aus dem Himalaya sind bislang nicht wissenschaftlich belegt. Aus gesundheitlicher Sicht ist es daher keinesfalls gerechtfertigt, "natürliches Kristallsalz" dem gewöhnlichen Kochsalz vorzuziehen. Angesichts des vergleichbaren Gehalts an Natriumchlorid sollten sowohl Kristallsalz als auch handelsübliches Speisesalz nur sparsam eingesetzt werden. Auch aus ökologischer Sicht kann es nicht sinnvoll sein, ein Lebensmittel, welches genauso hierzulande verfügbar ist, über Tausende von Kilometern zu transportieren. Zusätzlich ist es (im Vergleich zu im Handel erhältlichem Speisesalz für zirka 2 Euro pro kg) sehr teuer (7–25 Euro pro kg) und nützt statt der Gesundheit der Verbraucher vor allem dem Kontostand der vertreibenden Firmen.

Falschaussage 1: Natriumchlorid (NaCl) ist giftig

Sowohl Natrium als auch Chlorid sind lebensnotwendige Mineralstoffe, die zur Aufrechterhaltung bestimmter Körperfunktionen unerlässlich sind. Um sie aufrechtzuerhalten, sollte die tägliche Zufuhr an Natrium 0,5 g, jene an Chlorid 0,8 g nicht unterschreiten.

Falschaussage 2: Himalaya-Salz enthält alle notwendigen Mineralstoffe

Himalaya-Salz besteht zu etwa 98 % aus Natriumchlorid, 2 % können daher weitere Mineralstoffe ausmachen. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat festgestellt: Statt der versprochenen 84 Elemente waren in 15 untersuchten Proben maximal acht weitere Stoffe. Der Gehalt anderer Mineralstoffe ist so gering, dass mit üblichen Verzehrsmengen dieses Produkts, wie beim konventionellen Tafelsalz, kein nennenswerter Beitrag zur Bedarfsdeckung anderer Nährstoffe geleistet werden kann.

Falschaussage 3: Natriumchlorid führt zu Ödemen, Himalaya-Salz nicht

Eine erhöhte Wasserbindung durch Natrium kann nur dann zu Ödemen führen, wenn die Nierenfunktion eingeschränkt ist oder andere Erkrankungen vorliegen. Da Kristallsalz, ebenso wie Himalaya-Salz, zu etwa 98 % aus Natriumchlorid besteht, trifft dies natürlich auch auf Himalaya-Salz zu.

Falschaussage 4: Von Natursalz kann man nie zu viel haben

Die Behauptung, zu viel Kristallsalz führe nicht zu hohem Blutdruck, ist fachlich unhaltbar. Experten gehen in letzter Zeit zwar von einer generellen Salzbeschränkung für Bluthochdruckpatienten ab, dennoch gibt es "salzsensitive" Hypertoniker, für die obiger Rat gesundheitsgefährdend wäre!

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