14.04.2011

DGE-Leitlinie zur Kohlenhydratzufuhr

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung wertete die wissenschaftliche Literatur zum Thema Kohlenhydrate in der Prävention ernährungsmitbedingter Erkrankungen aus. Die Datenlage spricht für Qualität vor Quantität.

Zum zweiten Mal stürzten sich Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) auf die wissenschaftliche Literatur zu einem Thema: Nach der Leitlinie für den Fettkonsum, die im Jahr 2006 veröffentlicht wurde, waren nun 2011 die Kohlenhydrate an der Reihe. Die Experten untersuchten, welche Rolle Kohlenhydrate beim Enstehen und Vorbeugen von Zivilisationskrankheiten wie Adipositas (massives Übergewicht), Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Krebs und Fettstoffwechselstörungen haben. Gleichzeitig leiteten die Experten Empfehlungen für die Praxis daraus ab.

Wissenswert

Für die Bewertung der wissenschaftlichen Aussagekraft (Evidenzklasse) richteten sich die Experten nach den bestehenden Kriterien des Europäischen Krebsforschungszentrums IARC und damit nach den Härtegraden „überzeugende", „wahrscheinliche", „mögliche" oder „unzureichende" Evidenz (Beweislage).

Qualität vor Quantität

Die deutschsprachigen Ernährungsgesellschaften empfehlen seit langem, dass
50 % der Energiezufuhr über Kohlenhydrate gedeckt werden sollen. Entsprechend dem Ernährungskreis der DGE wären dies

  • 4-6 Scheiben Brot (ca. 200-300 g) oder 3-5 Scheiben Brot und 50-60 g Getreideflocken sowie
  • eine Portion gegarte Kartoffeln (ca. 200-250 g) oder
  • eine Portion gegarte Nudeln (ca. 200-250 g) oder
  • eine Portion gegarter Reis (ca. 150-180 g)

Die aktuelle Datenlage stützt die Empfehlung jedoch nur bedingt. Denn es gibt keine durchgängigen eindeutigen Beweise, dass ein hoher Kohlenhydratanteil die beleuchteten ernährungsassoziierten Erkrankungen vorbeugt.

Wer viel Kartoffeln, Nudeln und Reis konsumiert, profitiert nicht nur hinsichtlich der Blutfette: Ersetzt man Pommes Frites durch gekochte Kartoffeln (Kohlenhydrate anstelle von Gesamtfett und gesättigten Fettsäuren), sinkt die Konzentration an Gesamt- und LDL-Cholesterin im Blut. Eine erwünschte Wirkung. Gleichzeitig nimmt jedoch die Menge an „gutem" HDL-Cholesterin ab. Isst man gekochte Kartoffeln statt fetten Seefisch (Kohlenhydrate anstelle von mehrfach ungesättigten Fettsäuren), schlägt sich das doppelt negativ wieder: Die HDL-Werte sinken und die Gesamt- und LDL-Cholesterinwerte steigen an. Unbeeinflusst von der Qualität der sonst aufgenommenen Fette ist die Triglyceridkonzentration: Egal welche Fette weniger verzehrt werden, isst man viel Kohlenhydrate, steigt der Triglyceridwert.

ZUM ANHÖREN IN ALLER KÜRZE:

"Reis, Nudeln und Kartoffeln machen dick?"
                        
           

In Bezug auf Einfach-, Zweifach- oder Mehrfachzucker weisen die Leitlinien darauf hin, dass es keinen Grund dafür gibt, einzelne Lebensmittel auszusparen: Für Fruchtzucker und Haushaltszucker sowie für den Konsum zuckergesüßter Getränke gibt es keine überzeugende Beweislage, dass sie Auslöser für Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Krebs und andere chronische Erkrankungen seien. Bei erhöhtem Konsum von zuckergesüßten Getränken nimmt bei Erwachsenen das Risiko "wahrscheinlich" zu. Greifen Kinder und Jugendliche übermäßig zu zuckergesüßten Limonaden, werden sie nur "möglicherweise" adipös. High-Consumer von zuckergesüßten Getränken entwickeln "wahrscheinlich" Diabetes mellitus Typ 2 - egal ob jung oder alt.


Was die Entstehung von Krebs betrifft, so wird die Studienlage durch die Ergebnisse des WCRF-Reports (2007) untermauert. In diesem fand man bei süßen Lebensmitteln keinen Zusammenhang mit der Krebsentwicklung.

Ballaststoffe wirken nachweislich

Ein weiterer interessanter Punkt, den die Leitlinien klarstellen: Der Glykämische Index und die Glykämische Last scheinen nicht wirklich relevant für die Prävention von ernährungsassoziierten Krankheiten zu sein. Für die Ballaststoff- und Vollkornzufuhr werden die Ernährungsempfehlungen weitgehend bestätigt: Wer viel Vollkornprodukte isst, senkt sein Gesamt- und LDL-Cholesterin. Auch lösliche Ballaststoffe, die etwa in Hülsenfrüchten und Obst enthalten sind, senken diese Blutfettwertparameter bei hohem Konsum. Gleichzeitig wird die HDL-Cholesterinkonzentration nur geringfügig reduziert. Mit wahrscheinlicher Evidenz senkt eine hohe Ballaststoff- und Vollkornzufuhr das Risiko für Herz-/Kreislauferkrankungen und Bluthochdruck. Ballaststoffe aus Getreideprodukten beugen ebenfalls mit „wahrscheinlicher Evidenz" Darmkrebs vor.

Wissenswert

Eine Übersichtstabelle über die zusammenfassende Bewertung der Datenlage, wie die Kohlenhydratzufuhr chronische Krankheiten beeinflusst, finden sie hier.

Ergänzendes Positionspapier

Zur Publikation der Leitlinien veröffentlichte die DGE ein Positionspapier, in dem die Experten eine geringere Kohlenhydratzufuhr für vertretbar halten, wenn man ausreichend

  • Vitamine
  • Mineralstoffe
  • essenzielle Fettsäuren und
  • Vollkornprodukte

konsumiert. Das Weniger an Kohlenhydraten sollte mit Pflanzenfetten (ungesättigten Fettsäuren) und Eiweiß aus pflanzlichen Quellen aufgewogen werden.

Fazit

Um Zivilisationskrankheiten einzudämmen, spielt die Fettqualität eine größere Rolle als die Empfehlung, mehr als 50 % der Energiezufuhr über Kohlenhydrate zu decken. Großes präventives Potenzial hat jedenfalls eine ausreichende Ballaststoffzufuhr. Für die Praxis heißt das: Ballaststoffreiche Kohlenhydratquellen wie Vollkornbrot und -nudeln sowie Obst und Gemüse sollten auf dem Speiseplan überwiegen. Beim Backen zu Hause bietet sich an, ungefähr die Hälfte des weißen Mehls gegen Vollkornmehl auszutauschen. Leinsamen und Weizenkleie in Gemüsesuppen und Joghurts sind zusätzliche Ballaststoffquellen.
Ab und zu Süßigkeiten und zuckergesüßte Getränke für den Gusto sind kein Widerspruch in einer ausgewogenen Ernährung. Das wird auch durch die Ergebnisse der DGE-Leitlinie deutlich.

Das gesamte Dokument der DGE zu den evidenzbasierten Leitlinien finden Sie hier. Weiters hat die DGE zu ausgewählten Diskussionsbeiträgen Stellung genommen.

Literatur

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Evidenzbasierte Leitlinie Kohlenhydratzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten. Version 2011. www.dge.de/pdf
Z/ws/ll-kh/DGE-Leitlinie-KH-ohne-Anhang_Tabellen.pdf
(Zugriff am 7.3.2011).

Linnert E: Kohlenhydrate und Ballaststoffe in der Ernährung. Wissenschaftliches Symposium der DGE. ErnährungsUmschau 11: 616-617 (2010).

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Evidenzbasierte Leitlinien. DGEinfo 10 (2010).

World Cancer Research Fund: Ernährung, körperliche Aktivität und Krebsprävention: Eine globale Perspektive (2007). www.dge.de/pdf/ws/WCRF-Report-summary-de.pdf (Zugriff am 11.4.2011).

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