19.09.2018 von Reinhard Geßl

Die Vermessung von Bio

Glaubt man den Befragungen, dann sind Bio-Lebensmittel in Österreich in aller Munde. Die Vorzüge von Bio sind zwar fast allen Österreichern in groben Zügen bekannt, das Wissen endet aber bald in der Aussage, dass Bio einfach besser sei. Damit betreten wir ein weites Feld, das nicht immer eindeutig vermessbar ist.

Schön wäre, wenn es Lebensmittel gäbe, die unsere kleineren und größeren Lebenssünden und -sorgen durch den einfachen Genuss vergessen machen. Sei es die Tafel Schokolade gegen den Überarbeitungsfrust im Büro, ein bisschen Obst und Gemüse gegen die schlechte Kondition oder das Glaserl Wein gegen Stress und schlechte Laune. Manch einer mag glauben, dass Bio-Lebensmittel gutes Gewissen und mehr Gesundheit ins Leben zaubern, also wahre Heilbringer wären. Und Bio ist zwar tatsächlich vieles, nur nicht automatisch gesünder: Bio ist Lebensmittel, Wissen, Technik und landwirtschaftliche Praxis. Bio ist aber auch ökologische Philosophie und Vorreiter einer nachhaltigen „materiellen“ Kultur. Die philosophische Breite gereicht Bio durchaus zum Nachteil, denn Bio erklärt sich – vergleichbar einer klassischen Oper – nicht in einem Satz. Bio ist komplex.

Gesetzlich geregelt
Juristisch gesehen ist Bio eine Landwirtschaftsform, deren Besonderheiten in den EU-Bio-Verordnungen 834/2007 (ab 2021: 2018/848) und 889/2008 eindeutig definiert sind. Samt lückenloser Kontrolle, strengem Sanktionskatalog und Vorgaben zur unzweifelhaften Kennzeichnung. Die Erfüllung dieser umfassenden Vorschriften ist diskussionslos eine vorzügliche Leistung aller Bio-Beteiligten. Da die EU-Bio-Gesetze den Konsumenten inhaltlich aber kaum bekannt sind, bestehen rund um Bio(-Lebensmittel) zahlreiche Mythen. Da heißt es: Bei Bio wird nicht gedüngt und gespritzt. Bio hat nur dann Vorteile, wenn es auch regional ist. Bio funktioniert nur im Kleinen. Supermarkt-Bio ist ein Minimal-Bio. Bio-Lebensmittel schmecken besser. Diesen Vermutungen hat der Bio-Landbau allerdings nie entsprochen. Das gilt auch für die Annahme, dass Bio-Lebensmittel gesünder seien. Ein direkter Zusammenhang zwischen biologischer Ernährung und dem Gesundheitszustand wurde bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen – und diesen Nachweis wird es sehr wahrscheinlich auch nie geben.

Mehr Erwünschtes
In der EU sind Hunderte Agrarchemikalien zugelassen. Unzweifelhaft ist, dass diese in der Bio-Landwirtschaft nicht ausgebracht werden (dürfen) und sich daher ebenso wenig in Bio-Lebensmitteln wiederfinden können wie zahlreiche von der Bio-Verarbeitung ausgeschlossene Zusatzstoffe und Aromen. Außerdem fördern raufutterbetonte Wiederkäuerrationen höhere Gehalte an ernährungsphysiologisch wertvollen Fettsäuren in Fleisch und Milch. Die ebenso gesundheitsfördernden sekundären Pflanzeninhaltsstoffe kommen als natürliche Abwehrstoffe in pflanzlichen Bio-Lebensmitteln verstärkt vor. Kurz gesagt: In Bio steckt konzeptionell weniger vom Unerwünschten und mehr vom Erwünschten. Aber halt nicht garantiert und auch nicht immer.

Humus ist gut
Das Bio-Konzept baut auf der Prämisse auf, dass ein gesunder, fruchtbarer Boden die Basis ist. Dem Erhalt und Aufbau von Humus wird alles andere untergeordnet. Gesunde Pflanzen und vitale Nutztiere sind die eine Ernte. Durch die humusmehrenden Maßnahmen werden aber auch große Mengen des klimawirksamen CO2 in Form von Kohlenstoff im Boden gebunden. Das ist der Schlüssel für alle Kriterien der Nachhaltigkeit, bei denen sowohl die Bio-Betriebe als auch die Bio-Lebensmittel naturwissenschaftlich bewiesen besser abschneiden. Je ehrlicher und weiter der Lebenszyklus der einzelnen Lebensmittel gefasst wird, desto eindeutiger zeigen sich die Vorzüge beim Schutz des Klimas, des Wassers und beim Erhalt der Biodiversität. Zudem werden durch den Verzicht auf Agrarchemikalien große Mengen an fossiler Energie eingespart.

Gesund – für jedermann
Zusammengefasst kann man sagen, dass Bio garantiert besser ist. Das ist beim Gesundheitswert für uns Menschen aber weniger sicher nachgewiesen als beim Gesundheitswert für unsere Erde. Jedes gekaufte Bio-Lebensmittel ist somit ein klares Statement für die Zukunft unseres Planeten. Gestaltet man seinen persönlichen Genussplan zudem nach den Ernährungsempfehlungen, sind Bio-Lebensmittel das Tüpfelchen auf dem i.

Reinhard Geßl arbeitet beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Wien. Der Artikel ist bereits in der ernährung heute 3_2018 „Nachhaltiger Wandel“ erschienen.

Literatur

Brandt K, Leifert C, Sanderson R, Seal CJ: Agroecosystem Management and Nutritional Quality of Plant Foods: The Case of Organic Fruits and Vegetables, Critical Reviews in Plant Sciences, 30: 1–2, 177-197 (2011).

Schader C et al.: Volkswirtschaftlicher Nutzen der Bio-Landwirtschaft für Österreich. Beitrag der biologischen Landwirtschaft zur Reduktion der externen Kosten der Landwirtschaft Österreichs. Diskussionspapier. FiBL (2013).

Schlatzer M, Lindenthal T: 100% Biolandbau in Österreich – Machbarkeit und Auswirkungen einer kompletten Umstellung auf biologische Landwirtschaft in Österreich auf die Ernährungssituation sowie auf ökologische und volkswirtschaftliche Aspekte. FiBL (2018).

Smith-Spangler C et al: Are Organic Foods Safer or Healthier than Conventional Alternatives? A Systematic Review. Annals of Internal Medicine 2012; 157: 348–366 (2012).

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