30.03.2009 von Ulrike Keller

Entschlacken – geht das überhaupt?

Nicht nur die überschüssige Kilos sollen verschwinden, auch der „Schlacken“ wollen sich viele entledigen. Wissenschaftlich sind „Entschlacken“ und „Entgiften“ nicht begründet. Aber es geht ja auch um die spirituelle Reinigung...

Blutlassen, Einläufe und Fasten wurden in unseren Breiten bis ins frühe 20. Jahrhundert als legitime medizinische Heilbehandlungen angesehen. Auch außerhalb unseres Kulturkreises existieren Verfahren mit ähnlich ambitionierten Zielen schon seit Jahrhunderten: Die ayurvedische Panchakarma-Therapie soll ebenso wie Schwitzrituale der Indianer zu einer systematischen Ausleitung von im Körper angereicherten Schadstoffen führen.

Gibt es Schlacken?

Ja, das hängt von der Definition ab: So werden Verbrennungsrückstände ebenso wie  Abfallprodukte aus der Erzverhüttung als „Schlacken“ bezeichnet. Die medizinische Metapher wurde 1935 durch den Heilfastenpapst Otto Buchinger geprägt, als er dem Begriff „Entschlacken“ im Zusammenhang mit der Fastentherapie einen neuen Kontext verlieh. Überfliegt man alternativmedizinische Werke zum Thema Schlacken und Entschlacken, stößt man auf eine Fülle von sich gegenseitig widersprechenden Aussagen: Physiologisch erhöhte Mengen von Stoffwechselprodukten im Blut wie Triglyzeride, Cholesterin und Glukose bezeichnen manche als Schlacken. Aber auch das vermehrt gespeicherte Fett in den Fettzellen zählen andere dazu. Als „Verbrennungsrückstand“ werden zudem Substanzen wie Giftstoffe (Dioxin, Pestizide) und Stoffwechselendprodukte gesehen, wie Harnsäure, Harnstoff, CO2 (als Endprodukt aller Nährstoffverbrennungen), Kreatin/Kreatinin und Ketonkörper. Alles „Unverbrennbare“ in der Ernährung könnte ebenfalls zu den Schlacken gerechnet werden: Ballaststoffe sowie Mineralstoffe wie Silikate.

Praxisangebot

Für jene, die sich von „Schlacken“ befreien wollen, wartet ein schier unendliches Aufgebot an Produkten und Diäten darauf, ihre Körper zu entgiften. In den USA steht die „Master Cleanse diet“ gerade hoch im Kurs. Hollywood-Schönheiten nippen zehn Tage an warmem Salzwasser und einem Gebräu aus Wasser, Zitronensaft, Ahornsirup und Cayennepfeffer. Versprochen werden damit nicht nur Gewichtsverlust und wieder aufgefüllte Energiespeicher, sondern auch eine Besserung von eventuellen Krankheiten wie Arthritis oder Fibromyalgie, einer chronischen Schmerzerkrankung.  Diesen vermeintlich positiven Effekten stehen Risiken gegenüber: Der unbestrittene laxative Effekt kann zu Austrocknung und einem enormen Verlust von Elektrolyten führen sowie die Nierenfunktion beeinträchtigen. Außerdem wird die Darmflora ungünstig aus dem Gleichgewicht gebracht.
In Österreich stehen nach wie vor die F.X. Mayr-Kur und die Schroth-Kur auf der „Entschlackungs-Hitliste“. F.X. Mayr und Johann Schroth folgend, ist die Darmreinigung die Voraussetzung für die Gesunderhaltung des Menschen. Unbestritten ist, dass ein gesunder Darm wesentlichen Einfluss auf das Immunsystem und das ganzheitliche Wohlbefinden hat. Ob dies jedoch bloß mit Semmeln und Milch oder Zwieback und Wein erreicht werden kann, ist zu bezweifeln.

Regeneration auch im Normalbetrieb

Der Begriff „Schlacken“ reüssiert hauptsächlich in der alternativen Medizin und Naturheilkunde; in der Schulmedizin und Ernährungswissenschaft wird er wissenschaftlich nicht anerkannt, weil sämtliche Stoffwechselendprodukte ausgeschieden werden. Eine „Entschlackung“ oder Entgiftung des Körpers wäre daher nicht möglich. Der Körper greift auf andere Mechanismen zurück: Die Barriere von Haut und Atemwegen schützt vor Bakterien, Viren, Schwermetallen und chemischen Giftstoffen. Das fein aufeinander abgestimmte Netzwerk der Immunabwehr eliminiert körperfremde Substanzen aus dem Körper. Die Peyer Plaques, lymphatisches Gewebe im Dünndarm, sieben Parasiten und fremde Substanzen aus, bevor die Nährstoffe vom Dickdarm ins Blut gelangen. Die nicht weiter benötigten Stoffwechselendprodukte Harnsäure, Harnstoff und Kreatinin werden durch die Niere gefiltert und im Harn entsorgt. In der Leber werden zudem Oxidoreduktasen (Cytochrome P450) produziert. Diese Enzyme sind in der Lage, körperfremde Stoffe wie Arzneistoffe und Xenobiotika (z. B. bestimmte Pestizide) oxidativ abzubauen, welche daraufhin schneller nach draußen befördert werden. Die Leber verfügt unter allen Organen des Körpers über die einmalige Fähigkeit, sich nach Schäden zu regenerieren, sobald die Ursache eliminiert ist. Klar ist jedoch, dass bei einer unphysiologisch hohen Menge ihre Kapazität nicht unbegrenzt ist. Ein chronisches Übermaß an Fett, Alkohol und Medikamenten kann die Leistungskraft beeinträchtigen oder dauerhaft schädigen.

Den Boden unter den Füßen wegziehen

Auch bei manchen Umweltgiften kann die Leber nicht mithalten. Lipophile Kontaminanten wie Dioxin und Quecksilber können nicht abgebaut werden und werden im Fettgewebe deponiert. Bei Nahrungskarenz gelangen sie durch den Fettabbau wieder in den Blutkreislauf und werden über die Nieren ausgeschieden.
Diese so genannte „Hintergrundbelastung“ ist nicht vollständig vermeidbar und schwer quantifizierbar (siehe Tabelle). In Europa wird jedoch selbst bei zeitweiligem Erreichen von wissenschaftlich festgesetzten tolerablen Mengen die derzeitige Belastung über Lebensmittel überwiegend als unbedenklich angesehen. Außerdem lässt sich die Aufnahme mancher Schadstoffe durch eine geeignete Küchenpraxis und ausreichende Nährstoffaufnahme drastisch reduzieren: Durch Waschen und Schälen von Obst und Gemüse werden die in der Rohware befindlichen Schadstoffkonzentrationen um 20 bis 95 % verringert. Bei Blei, Cadmium und Quecksilber – häufigste Vertreter der Schwermetalle in Lebensmitteln – reduziert sich die Resorption durch einen ausreichenden Status an Kalzium, Eisen, Zink und Selen. Auch Phytate und Komplexbildner wie Zitronensäure, Weinsäure, Phosphorsäure oder Lezithine (alles Inhaltsstoffe von Obst und Gemüse) können Schwermetalle binden und so die gastrointestinale Resorption verringern. Prävention vor Therapie kann also auch hier gelten: Besser ist es, die Aufnahme von Schadstoffen von vornherein so gering wie möglich zu halten als sie später durch Saftkuren zu mobilisieren.
Um zu den selbst verantworteten Es(s)kapaden zurückzukommen: So wie die Leber kann auch die Niere an ihre Grenzen stoßen. Vor allem (wasser-)trinkfaule übergewichtige Menschen mit zu hoher Proteinaufnahmeriskieren, ihren Organismus mit Harnstoff, Harnsäure und Schwefel zu überlasten. Weil die Nieren mit der Entsorgung dieser ohnehin schon schwer auszuscheidenden Substanzen nicht nachkommen, kreisen sie länger im Blut als nötig. Aber: Den Fauxpas der vergangenen Jahre kann man mit einer 14-tägigen Entschlackungskur nicht wett machen. Noch dazu entstehen im Hungerstoffwechsel besonders viele „Schlacken“ wie Ketonkörper und Purine, die bei Prädisponierten Gichtanfälle auslösen können.

Heilfasten nur unter Kontrolle

Fasten wird oftmals mit Entschlacken gleichgesetzt. Obwohl es wissenschaftlich betrachtet keine „Schlacken“ gibt, kann Heilfasten bei bestimmten Erkrankungen den Stoffwechsel günstig beeinflussen und neben der schulmedizinischen Therapie empfohlen werden: so z. B. bei rheumatischen und Gelenkserkrankungen durch Reduktion der Entzündungsprozesse, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Senkung der Blutzuckerwerte, des Cholesterinspiegels und des Blutdruckes, bei Venenerkrankungen durch Entstauung aufgrund der verbesserten Durchblutung der Kapillaren sowie bei Erkrankungen des Harntraktes durch starke Säuerung des Harns. Gute Erfolge wurden auch bei therapieresistenten Migräneattacken beobachtet.  Wichtig ist jedoch: Fasten als unterstützende Therapie gehört immer unter ärztliche Aufsicht.

Fazit

Toxische Endprodukte des Stoffwechsels sowie die meisten Chemikalien akkumulieren nicht im Körper, sondern werden über Leber, Nieren, Darm, Lunge und Haut entsorgt. Diese Organe müssen keiner Reinigung unterzogen werden - außer, man hat sich unphysiologisch hohen Mengen einer Substanz ausgesetzt. Da hilft nur mehr Magen auspumpen, Bluttransfusion oder Dialyse. Hat man einmal zu viel geschlemmt, regeneriert sich der Körper in der einfachsten Art und Weise am schnellsten: Viel frische Luft und Bewegung, ausreichend Schlaf, keine Zigaretten und Flüssigkeit in nullprozentiger Form (hinsichtlich Alkohol und Zucker).
Aber beim Entschlacken geht es im Grunde ja nicht um den puren medizinischen Nutzen. Der Mensch möchte mit dem Entschlacken als Reinigungsritual seine Altlasten abwerfen, mit asketischen Ernährungszeremonien die falsche Lebensweise hinter sich lassen. Ein Impuls für eine Lebensstiländerung kann eine Kur allemal sein.

Mögliche Schadstoffe in unserer Ernährung

  • gesundheitsschädliche Stoffe in natürlichen Lebensmitteln:
    Nitrate, Oxalsäure, Blausäure, goitrogene Stoffe, Solanin, Trypsin- und Chymotrypsininhibitoren, Phytohämagglutinine, Cumarin, Thujon, biogene Amine, u. a.
  • gesundheitsschädliche Stoffe in verdorbenen Lebensmitteln:
    Bakterientoxine, Ergot-Alkaloide, Mykotoxine, Saxitoxin, u. a.
  • Bildung gesundheitsschädlicher Stoffe bei der Zubereitung von Lebensmitteln (foodborne toxicants): Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe, Nitrosamine, aus Eiweiß entstehende Mutagene (z. B. Harman), Acrylamid u. a.
  • Rückstände in Lebensmitteln aus der landwirtschaftlichen Produktion:
    Pestizide (Insektizide, Akarizide, Nematizide, Fungizide, Rodentizide, Molluskizide), Herbizide, Antibiotika (z. B. Tetracycline, Penicillin), Thyreostatika, β- Rezeptorenblocker, Tranquilizer, Anabolika, u. a.
  • umweltrelevante Rückstände in Lebensmitteln:
    anorganische Kontaminanten (Schwermetalle wie Blei, Cadmium,...) Polyhalogenierte Aromaten (z.B. Polychlorierte Dibenzodioxine, Polychlorierte Dibenzofurane), halogenierte, leichtflüchtige Verbindungen (Perchlorethylen, FCKW, u. a.), Weichmacher (z. B. Phthalate), Monomere (z. B. Vinylchlorid), Holzschutzmittel (z. B. Pentachlorphenol), u. a.

Matissek R, Steiner G: Lebensmittelanalytik. Grundzüge, Methoden, Anwendungen (2006).


Literatur

AA: The dubious practice of detox. Internal cleansing may empty your wallet, but is it good for your health? Harv Womens Health Watch 15: 1–3 (2008).

Erbersdobler H: Schlacken. Ernährungsumschau 7:1(2005).


Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Heilfasten. DGE-Info 02 (2005).

Bundesinstitut für Risikobewertung: Quecksilber und Methylquecksilber in Fischen und Fischprodukten – Bewertung durch die EFSA. Stellungnahme des Bfr (29.03.2004).

Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin: Verbrauchertipps zur Verringerung der Aufnahme unerwünschter Stoffe über Lebensmittel. BgVV-Information (10.07.2001).

Matissek R, Steiner G: Schadstoffe, Rückstände, Kontaminanten. In: Lebensmittelanalytik. Grundzüge, Methoden, Anwendungen. Springer Verlag Heidelberg: 299 –300 (2006).

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