30.04.2012 von Nina Grötschl

Essen, auch wenn es nicht schmeckt?

Jeder hat Leibgerichte, die einem richtig gut schmecken. Doch viele Menschen verzehren Lebensmittel, die ganz und gar nicht den persönlichen Geschmackspräferenzen entsprechen. Heidelberger Wissenschafter der Dr. Rainer-Wild-Stiftung gingen dieser Frage anhand einer Geschmacksstudie nach und lieferten erstaunliche Ergebnisse.

Die Dr. Rainer-Wild-Stiftung erhob in Zusammenarbeit mit dem Institut für Markt- und Sozialforschung in Frankfurt am Main im September 2011 von insgesamt 1000 Personen Daten zum Auswahlverhalten bei Lebensmitteln. Die Resultate waren durchaus überraschend:

  • 81 % der Befragten essen Lebensmittel und Speisen, die nicht ihrem persönlichen Geschmack entsprechen.
  • 38 % gaben an, dass sie die Gerichte und Lebensmittel generell nicht mochten.
  • Für 28 % war die Zubereitung nicht zufriedenstellend.
  • Für 19 % war das Essen nicht nach ihrem Geschmack gewürzt.
  • 73 % der Teilnehmer aßen sogar weiter, obwohl ihnen die Gerichte nicht schmeckten.
  • 40 % leerten dabei mitunter den gesamten Teller.

Lebensmittel und Speisen, die den Befragten nicht schmeckten, wurden zumeist außer Haus, z. B. in Restaurants, Kantinen oder Imbissständen verzehrt (45 %) und überwiegend von gewerblichen Herstellern oder professionellen Köchen zubereitet (57 %).

Geschmacksvorstellung

Tag für Tag überlegen viele Menschen, worauf sie zu Mittag Gusto haben und was sie als Abendmahlzeit zubereiten sollen. Dabei werden sie eher von Gewohnheiten ge- und verleitet als von Geschmacksvorstellungen. „Der gute Geschmack mag zwar wichtig sein, er ist jedoch nicht unbedingt ausschlaggebend", erläutert Dr. Gesa Schönberger, Geschäftsführerin der Stiftung für Gesunde Ernährung. Der persönliche Geschmack dürfte demnach nur ein Puzzleteil bei der Nahrungsauswahl sein. Häufig ist uns auch gar nicht bewusst, dass uns Speisen oder Getränke schmecken, weil wir sie gewöhnt sind und nicht, weil sie uns auf Anhieb geschmeckt haben. Denken Sie an den ersten Kaffee, ans erste Bier, an die erste Bitterschokolade oder manche Gemüsesorten wie Brokkoli. Gewohnheit spielt eine große Rolle.

Besser gut als viel

Dass Essen und Trinken jedoch mehr kann, nämlich wirklich Freude bereiten, merkt man beim bewussten Genießen. Dann, wenn es wirklich schmeckt. Dabei heißt genießen nicht zwingend viel essen - gerade das Maß halten ist eine wichtige Komponente beim Genuss. Sich Zeit zum Essen zu nehmen und aufmerksam zu schmecken gehören dazu (siehe Regeln der Kleinen Schule des Genießens). Dass es sich lohnt, genießen zu können und sich das zu gönnen, was einem schmeckt, zeigen die Ergebnisse des Österreichischen Genussbarometers: Genießer ernähren sich abwechslungsreicher und tendenziell gesünder. Sie nehmen sich mehr Zeit zum Essen, sind schlanker und fühlen sich auch wohler als Genusszweifler oder -verweigerer.

Anders als gedacht

Oft kommt es vor, dass Waren im Einkaufswagen landen, mit denen ad hoc eine positive Erwartungshaltung verbunden ist. Zu Hause angekommen ist der Gusto darauf bereits verflogen. Passiert einem das öfters, lohnt sich eine Einkaufsliste ganz besonders. Manches Mal schmecken die Produkte aber einfach anders als erwartet. Hier darf man auch seinen kritischen Gaumen zu Wort kommen lassen, auf Kompromisse verzichten, das Gericht stehen lassen und lieber zu etwas anderem greifen.

Tipps für mehr Genuss beim Essen:

  • Essen kann viel Freude bereiten, wenn es schmeckt. Lernen Sie daher, auf Ihren Gaumen zu achten.
  • Gehen Sie keine Geschmackskompromisse ein.
  • Kaufen und essen Sie nur, was Ihnen wirklich schmeckt - sonst trösten Sie sich mit einem Naschpflaster.
  • Hören Sie auf, wenn Sie satt sind!
  • Essen Sie nicht aus Frust, Langeweile oder Stress - und schon gar nicht Lebensmittel, die Ihnen nicht zusagen.
  • Achten Sie beim Einkaufen auf die Qualität der Zutaten. Ein Gericht kann nur so gut werden, wie die Ausgangsprodukte sind.
  • Der Appetit beeinflusst, was im Einkaufswagen landet - gehen Sie nicht hungrig einkaufen!
  • Essen Sie langsam - Genuss braucht Zeit und Übung. Die Genussregeln helfen dabei!


Mehr Anregungen für einen bewussten Umgang mit Essen und Trinken finden Sie in der aktuellen Broschüre „Salamitaktik* zum Wohlfühlgewicht".

Fazit

Vom Hunger getrieben essen viele in der Kantine oder im Restaurant Gerichte, die ihnen nicht zusagen, um einfach satt zu werden. Oder sie verzehren aus Gewohnheit Speisen, die ihnen nicht schmecken. In Summe greifen einer Untersuchung in Deutschland zufolge 81 % zu Lebensmitteln, die den eigenen Geschmacksvorlieben nicht entsprechen. Doch Essen und Trinken haben ein starkes Potenzial, Freude zu bereiten sowie das Wohlbefinden und die subjektive Lebensqualität zu steigern. Schon allein deswegen gilt es, keine „Geschmackskompromisse" einzugehen und einen kritischen Gaumen zu entwickeln!

Mehr zum Thema:

Feinschmeckers sensorische Intelligenz
Wer gesund bleiben will, sollte genießen lernen
Schwerpunktthema: Kompetent genießen
Mehr zum Thema „Geschmack" lesen Sie als Schwerpunktthema in der ernährung heute 6_2007.

Literatur

Vier von fünf Verbrauchern essen Dinge, die ihnen nicht schmecken. Presseinformation der Dr. Rainer-Wild-Stiftung 2011.

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