22.01.2018 von Nina Grötschl

Essen teilen statt entsorgen

Zahlreiche Lebensmittel landen im Müll, obwohl sie noch essbar wären. Sozialverbände und unkonventionelle Projekte wie das „Foodsharing“-Netzwerk engagieren sich für einen nachhaltigen Umgang mit übriggebliebenen Nahrungsmitteln, indem sie diese weitergeben. Wurden Lebensmittel anfangs nur privat geteilt, hält „Foodsharing“ nun auch in der Gastronomie Einzug.

Müsli oder Topfen sind bereits abgelaufen, beim Einkauf war der Appetit zu groß oder es wurde zu viel gekocht. Was man nicht aufbewahren und essen möchte, wird weggeworfen. Ein Großteil der Lebensmittelabfälle stammt aus privaten Haushalten. Aber auch in der Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung wird vieles weggeworfen. Denn oft sind die ausgegebenen Portionen zu groß, der vollgeschaufelte Teller vom All-you-can-eat-Buffet wird nicht aufgegessen und vom Frühstücksangebot bleiben Gebäck und Aufschnitt über.
Aktuelle Daten zur Erhebung heimischer Lebensmittelabfälle lassen aufhorchen:

  • Die Summe der Lebensmittelabfälle in Österreich beläuft sich auf 756 000 t pro Jahr. Davon gelten 65 % als vermeidbar.
  • Gut die Hälfte des privaten Hausmülls sind vermeidbare Lebensmittelabfälle. Das entspricht 19 kg weggeworfener Nahrungsmittel pro Kopf und Jahr.
  • Jedes zehnte unnötig weggeworfene Nahrungsmittel entfällt auf originalverpackte oder nur teilweise aufgebrauchte Ware. Beispielsweise werden jährlich ca. 25 Mio. Becher Joghurt ungeöffnet entsorgt.
  • Ca. 280 000 t Lebensmittelmüll pro Jahr gehen auf das Konto von Großküchen beispielsweise in der Gastronomie oder Hotellerie.
  • Von den ausgegebenen Speisen und Lagerbeständen entsorgen Gastrobetriebe täglich ca. 14 %. Beherbergungs- und Cateringbetriebe kommen auf 21 % bzw. 38 %.
  • EU-weit gehen jährlich 11 % der Nahrung bei der Urproduktion verloren, auf die Lebensmittelverarbeitung und den Handel entfallen 19 % bzw. 5 %. 

Hauptgrund für Nahrungsmittel in privaten Haushalten:  Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) wurde überschritten. Doch das bedeutet noch nicht, dass das Produkt verdorben ist. Denn die Mindesthaltbarkeitsangabe beschreibt den Zeitpunkt, bis zu dem das Lebensmittel seine typischen Eigenschaften wie Geschmack, Geruch, Konsistenz und Farbe behält. Viele Produkte sind häufig noch eine Zeit lang genießbar, obwohl deren Mindesthaltbarkeitsfrist abgelaufen ist. Das gilt z. B. für Teigwaren oder Sauermilchprodukte. Hier lohnt es sich, die Produkte zu testen und auf die eigenen Sinne zu vertrauen.

Wissenswert

Wer seinen Einkauf plant und richtig lagert, minimiert nicht nur den Müllberg: Pro Jahr kann jeder Haushalt bis zu 300 Euro sparen, wenn er einige Tipps in die Praxis umsetzt.

Um einwandfreie Lebensmittel und Speisereste vor dem Wegwerfen zu bewahren, kann jeder Einzelne aktiv werden. Kreative Projekte und Initiativen zeigen, wie es geht und retten noch genusstaugliche Ware vor der Tonne.

Teilen statt verschwenden

Die Foodsharing-Plattform verfolgt seit mittlerweile vier Jahren einen nachhaltigen Ansatz: Wer zu viel eingekauft hat, Lebensmittel nicht rechtzeitig vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums verwenden oder die Früchte seines Obstbaumes nicht verwerten kann oder möchte, stellt sie anderen zur Verfügung, anstatt sie zu entsorgen. Dadurch sollen überschüssige Nahrungsmittel wieder einen ideellen Wert erhalten, ohne dass dabei Geld fließt.

Wissenswert

Seit 2013 zählt die Plattform über 200 000 Mitglieder in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Darunter engagieren sich 25 000 „Foodsaver“ für die Weitergabe noch genießbarer Lebensmittel. Bis dato wurden knapp 8000 t überschüssige Lebensmittel „geteilt“.

Das Prinzip dahinter ist einfach: Via App und Webportal finden Produkte kostenlos Abnehmer in der Umgebung. Registrierte Nutzer können einzelne Nahrungsmittel oder selbstgekochte Gerichte nach Städten sortiert eintragen oder aufstöbern. Obst, Milch oder Aufläufe werden dann persönlich abgeholt oder in allgemein zugänglichen Kühlschränken zur freien Entnahme bereitgestellt. Neben Privathaushalten können auch „Fair-Teiler“ wie Bauern, Bäckereien, Greißlereien, Bistros oder Gasthäuser Nahrungsmittel kostenfrei u. a. als Essenskörbe weitergeben. Gebäck vom Vortag oder krummes Gemüse müssen so ihr Dasein nicht frühzeitig auf dem Müllberg fristen, sondern werden sinnvoll verwertet. Im Gegensatz zu gemeinnützigen Essenstafeln müssen die Abnehmer nicht bedürftig sein.

Wissenswert

Beim Lebensmitteltausch geht es auch um die Sicherheit. Es darf nur einwandfreie Ware angeboten werden. Als Tabu gelten auch beispielsweise Fisch(produkte), Faschiertes oder Lebensmittel mit rohen Eiern, da sie rasch verderben können. Letztendlich basiert das Foodsharing-Konzept auf vertrauensvollem und ehrlichem Austausch. Die Ware vor dem Verzehr mit all seinen Sinnen zu prüfen, ist dennoch ratsam.   

Umverteilung zum Wohl aller          

Österreichische Tafeln geben Lebensmittel bereits seit 14 Jahren an sozial Schwache und armutsgefährdete Menschen weiter. Gleichzeitig leisten sie einen wertvollen Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung. Neben Warenüberschuss, falsch etikettierten Lebensmitteln oder Produkten mit leichten Verpackungsschäden spenden Lebensmittelproduzenten und -händler auch Nahrungsmittel, deren Mindesthaltbarkeitsfrist beinahe überschritten wurde. Tafelmitarbeiter kümmern sich um das Logistische, holen die Waren direkt ab, verteilen diese oder „verkaufen“ Nahrungsmittel für einen symbolischen Preis an bedürftige Konsumenten. So verteilen die österreichischen Tafel-Organisationen (u. a. Wiener Tafel, Tafel Süd usw.) jährlich ca. 900 t genießbare Lebensmittel an karitative Einrichtungen wie Obdachlosenherbergen, Flüchtlings- oder Mutter-Kind-Heime. Alleine die Wiener Tafel (Verein für sozialen Transfer) versorgt pro Tag ca. 19 000 Bedürftige mit wertvollen Lebensmitteln, die sonst entsorgt werden müssten.

Später essen und spenden  

Wie man unnötigen Lebensmittelmüll im „Außer-Haus-Bereich“ sinnvoll reduzieren kann, zeigt die Wiener Tafel mit ihrem Projekt „Tafel-Box“. Nach der Veranstaltung bieten Caterer und Gastronomen ihren Gästen eine lebensmittelechte, biologisch abbaubare Klarsichtbox an, um (Buffet-)Reste handlich und ansprechend verpackt mit nach Hause zu nehmen. „Tafel-Boxen“ können von Unternehmen und Privatpersonen über die Projektwebsite bezogen werden. Pro gekaufter „Tafel-Box“ fließen rund 20 Cent als Spende an die Österreichischen Tafeln.

Wissenswert

Die Plattform www.lebensmittelwertschaetzen.de des deutschen Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft und der FH Münster liefert Analysetools zur Abfallvermeidung für Lebensmittelproduzenten und -händler sowie Akteure in der Gemeinschaftsverpflegung.

Fazit

In Österreich engagieren sich neben karitativen Einrichtungen wie Tafel-Organisationen auch unabhängige Initiativen wie „Foodsharing“ für die Weitergabe von einwandfreien Lebensmitteln. Nicht nur Privatpersonen, sondern auch Gastronomiebetriebe leisten dadurch einen nachhaltigen Beitrag zur Müllreduktion, indem sie Reste von Buffets oder übrig gebliebene Mahlzeiten kostenfrei weitergeben

Zum Weiterlesen:      
Restl-los einkaufen      
Lebensmittel richtig lagern                     
f.eh-Symposium „Markt. Wert. Wahrnehmung. Was ist Essen wert?“
Projektwebsite „Tafel-Box“

 

Quellen

www.foodsharing.at
Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus: Foodsharing – Lebensmittel teilen statt entsorgen. www.bmnt.gv.at/land/lebensmittel/kostbare_lebensmittel/initiative/foodsharing.html (Zugriff am 17.01.2018).
Wiener Tafel - Verein für sozialen Transfer: Grundinformationen zur Wiener Tafel. https://www.wienertafel.at/index.php?id=399 (Zugriff am 17.01.2018)
Universität für Bodenkultur Wien (BOKU): Datenlage zu Lebensmittelabfallmengen in Österreich (2016).
Stenmarck et al.: Estimates of European food waste levels. FUSIONS Reducing food waste through social innovation (2016).

Pladerer C et al.: Lagebericht zu Lebensmittelabfällen und -verlusten in Österreich. WWF & MUTTER ERDE (2016).Greenpeace Österreich: Greenpeace: 25 Millionen Becher Joghurt landen jährlich im Müll – obwohl oft einwandfrei. Presseinformation am 13.09.2017. www.greenpeace.org/austria/de/presse/presseaussendungen/Greenpeace-25-Millionen-Becher-Joghurt-landen-jahrlich-im-Mull--obwohl-oft-einwandfrei/ (Zugriff am 17.01.2018)

 

 

 

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