24.02.2011 von Marlies Gruber

Esskultur fürs Wesentliche

Noch schnell ein paar E-Mails beantworten und daneben die Jause verdrücken? Oder das Abendessen vor dem Fernsehapparat einnehmen? Das passiert schnell. Doch wer bewusst mit allen Sinnen isst, freut sich über den Genuss und zügelt zugleich die Portionsgröße.

Durch den Gesellschaftswandel werden die Mahlzeiten immer mehr zum Nebenevent. Abgesehen von der Esskultur, die dabei verloren geht, scheint sich dieses Phänomen einer aktuellen Studie zufolge auch auf die tägliche Kalorienzufuhr zu schlagen. Denn Wahrnehmung und Aufmerksamkeit gehören zu jenen psychischen Faktoren, die Appetit und Sättigung maßgeblich beeinflussen, so die Studienautoren. Ihre Ergebnisse bestätigen die Resultate früherer Untersuchungen zur Energieaufnahme von abgelenkten Essern.

Konzentration ohne Genuss

Die Forscher luden 44 Versuchsteilnehmer zum Mittagessen ein. Diese wurden nicht über die eigentliche Studie informiert. Sie nahmen an, dass lediglich ihr Erinnerungsvermögen nach dem Essen auf dem Prüfstand stehen würde. 22 davon wurden angehalten, sich während des Essens dem Computerspiel „Solitaire" zu widmen, die gleich große andere Gruppe konnte sich voll und ganz dem bereitgestellten Menü hingeben. Gleich nach dem Essen schätzten alle Versuchsteilnehmer auf Skalen ihr Hunger- und Sättigungsgefühl und ihre Stimmung ein. Weiters sollten sie sich an die genauen Zutaten des Menüs erinnern. Um den eigentlichen Versuchsgrund zu verschleiern, erhielten sie zudem eine Wortliste, die sie innerhalb von einer Minute memorieren und danach wiedergeben sollten.
In Testphase 2 nahmen die Teilnehmer 50 Minuten nach dem Mittagessen an einem vorgeblichen Sensorik-Test teil, bei dem sie Kekse verkosten sollten. Der eigentliche Grund für diesen Test war jedoch ein anderer: Die Forscher hielten fest, welche Versuchsteilnehmer nun mehr Kekse aßen.

Abgelenkte essen mehr

Das Ergebnis der Studie: Die Solitaire-Spieler fühlten sich nach dem Essen deutlich weniger satt und verlangten im Sensorik-Labor doppelt so viele Kekse wie die Vergleichsgruppe. Zudem erinnerten sie sich bedeutend weniger oft an die Menü-Zutaten.
Die Forscher stellten zwei Thesen auf, warum die Computerspieler sich nach dem Essen deutlich weniger satt fühlten. Erste Mutmaßung: Weil sie durchs Solitaire-Spielen abgelenkt waren, konnten die Teilnehmer die Sättigungssignale, die der gefüllte Magen an das Gehirn sendete, nur schwach wahrnehmen.
Die zweite These: Das PC-Spiel könnte nicht die Informationsvermittlung zwischen Magen und Gehirn an sich stören, sondern die Interpretation der Signale. Die Teilnehmer ordneten demnach die angenehmen Empfindungen nicht dem eben stattgefundenen Essen zu. Untermauert wird dies durch eine Studie an Demenzpatienten. Sie fühlten sich auch nach großen Portionen hungrig, weil sie sich nicht an die Mahlzeit erinnern konnten.

Fazit

Wer neben dem Essen abgelenkt ist, fühlt sich bald darauf wieder hungrig und isst bei der nächsten Mahlzeit mehr. Dafür können zwei Faktoren verantwortlich sein: Entweder werden die Sättigungssignale kaum registriert oder sie werden falsch interpretiert. Sich fürs Essen Zeit zu nehmen und sich darauf zu konzentrieren erhöht den Genussfaktor, hilft aber auch dem Gehirn, die Mahlzeit zu verdauen!

Literatur

Oldham-Cooper RE, Hardman CA, Nicol CE, Rogers PJ, Brunstrom JM: Playing a computer game during lunch affects fullness, memory for lunch, and later snack intake. Am J Clin Nutr 93(2):308-313 (2011).

Higgs S, Woodward M: Television watching during lunch increases afternoon snack intake of young women. Appetite 52: 39-43 (2009).

Higgs, S: Cognitive influences on food intake: The effects of manipulating memory for recent eating. Physiology & Behavior 94: 734-739 (2008).

DAS MAGAZIN

ernährung heute

Unsere Zeitschrift für informierte Leser. Kompetent. Auf den Punkt gebracht. Regelmäßig im Abo.

Foto: f.eh
Aktuelle Buchvorstellungen

NEU Aufgedeckt. Gerüchteküche und Ernährungsmythen

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Für Kinder mit Zöliakie kochen!

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Wenn das Spiegelbild ein Eigenleben führt

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

NEU Ins Leben starten

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Das Viva-Mayr Kochbuch

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Die Molekülchen Küche-Experimente für Nachwuchs-Köche

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN