11.07.2019 von Carina Kern

Familiäres Umfeld: Was Kinder dick macht

Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen ist weltweit ein großes Problem. Dass Stress Übergewicht begünstigt, ist bekannt. Aber was stresst Kinder und welche Rundumfaktoren beeinflussen sie am meisten? Häufig genannte Gründe sind Bildungsstatus und Einkommen der Eltern. Doch daran alleine liegt es nicht. Umgebung, Erziehung und häusliches Umfeld spielen ebenso eine Rolle.

Widrige Umstände in der Kindheit begünstigen Adipositas später im Leben. Emotional negative Eltern-Kind-Beziehung, chronische Disharmonie der Eltern, autoritäre Erziehung, geringe Finanzkraft und niedrige Schulbildung zählen zu den Risikofaktoren bei der kindlichen Entwicklung. Umgekehrt gilt: Eine stabile gute Beziehung und sichere Bindung zu den vorrangigen Bezugspersonen zählt zu den wichtigsten positiven Faktoren für das Wohlergehen und die Gesundheit von Kindern. Auch bei der Entwicklung von Übergewicht und Adipositas mehren sich die Hinweise auf den Einfluss des sozialen Umfelds und der familiären und häuslichen Umgebung. Geht doch die „nährende“ Versorgung des Kindes weit über das Essen hinaus. Eine Langzeitstudie aus Chile gibt nun Aufschluss über konkrete Faktoren. Die Ergebnisse zeigen: Können Eltern ihren Kindern kein stimulierendes Umfeld bieten, werden Kinder eher dick. Ebenso stellte sich heraus, dass frühes Übergewicht mit einer rascheren Entwicklung von Adipositas verbunden ist. Besonders betroffen davon sind Familien sozial benachteiligter und einkommensschwacher Bevölkerungsschichten.

Zuwendung und Aufmerksamkeit

Entscheidend für ein gesundes Aufwachsen ist die Qualität der Beziehung zu Mutter und Vater. Während Mütter natürlicher Weise das emotionale Bindungsvermögen prägen, interagieren Väter oftmals spielerisch und regen früh zu Bewegung an. Beteiligen sich Väter aktiv an der Erziehung, und erfahren Kinder einen liebevollen Umgang, kann sich das positiv auf einen bewegten Lebensstil auswirken. Damit verbunden wurde auch eine niedrigere BMI-Wachstumsrate beobachtet. Ist die Bindung zwischen Mutter und Kind schwach oder fehlt die Vaterfigur, kann daher angenommen werden, dass der BMI rascher ansteigt. Mangelnde Fürsorge spiegelt sich zudem im Essverhalten, weil Hunger und Sättigungsgefühl auch emotional gesteuert sind. Je trauriger und gelangweilter Kinder sind, desto eher essen sie, um ihre emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen oder die Aufmerksamkeit der Eltern zu gewinnen. Umso mehr, je eher sie sich von ihren Vorbildern emotionales Essen bei Trauer, Ärger oder Ängstlichkeit abschauen können. Zwar ist es völlig normal, dass unsere Gefühle das Essverhalten beeinflussen. Ein sehr stark ausgeprägtes emotionales Essverhalten kann allerdings mit Essstörungen und Übergewicht verbunden sein. Wissen Eltern zudem nicht ausreichend über nährstoffreiche Lebensmittel Bescheid und bieten einseitige Kost in unkontrollierten Mengen an, essen Kinder oft zu viel. Auf die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas nehmen aber auch Spielmöglichkeiten und die Struktur und Ordnung des Umfelds Einfluss. 

Auf einen Blick:
Positive Faktoren:
•    Liebevolle Zuwendung und Aufmerksamkeit durch beide Elternteile
•    Spielen mit Geschwistern
•    Ausreichend Raum für Bewegung (Kinderspielplätze, kinderfreundliche Wohnräume, Garten)
•    Sauberes Umfeld
•    Gesunde Ernährung
•    Lern- und bewegungsfördernde Spielzeuge

Negativ wirkende „Stressoren“:
•    Ablehnung und Vernachlässigung
•    Unsauberkeit
•    Zerrüttete Familienverhältnisse (fehlende Vaterfigur)
•    Depression bei Müttern
•    Bewegungsmangel

Über die Studie:

Die Studie in Chile lief über 21 Jahre. Im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern gibt es hier die meisten übergewichtigen und adipösen Kinder: Bereits 10,6 % der Vorschulkinder und 18,5 % der Erstklässler sind adipös. Forscher begleiteten 1000 chilenische Kinder. Untersucht wurden Familien mit Kleinkindern im Alter von 6 bis 18 Monaten sowie dann mit 5, 10, 15 und 21 Jahren. Bei regelmäßigen Hausbesuchen wurde Körpergewicht, BMI und BMI-Wachstumsrate ermittelt. Um sämtliche Einflüsse auf den BMI bei Studienbeginn auszuschließen, wurden Frühgeborene und Kinder unter 3 kg Körpergewicht von der Studie ausgeschlossen. Nachdem Mütter zu den familiären Umständen und der mentalen Verfassung befragt wurden, beobachteten die Forscher auch das Verhalten der Kinder in ihrer natürlichen Umgebung. Besonderes Augenmerk legten sie darauf, ob Spielzeuge im Haus sind und ob diese das Kind zum Lernen oder zur Bewegung anregten.

BMI-Wachstumsrate: im Kindesalter geprägt

Zum Ende der Studie mit 21 Jahren waren 46 % der Studienteilnehmer normalgewichtig, 31 % übergewichtig, 21 % adipös sowie 2 % extrem adipös (BMI ≥ 40). Die BMI-Wachstumsrate unterschied sich ab dem Alter von fünf Jahren, wobei schwere Kinder besonders zwischen 10 und 15 Jahren rascher dicker wurden. Familiärer Stress, Abwesenheit des Vaters, Depressionen der Mutter, Unsauberkeit und ein häufiger Aufenthalt in der Gehschule im Alter von einem Jahr waren mit einem höheren BMI mit 21 Jahren verbunden. Während die Abwesenheit des Vaters im Alter von zehn Jahren nicht mehr mit dem späteren BMI zusammenhängt, bleiben mütterliche Depressionen, ein unattraktives häusliches Umfeld, familiärer Stress als Einflussfaktoren bestehen. Als weitere Risikofaktoren kommen wenig entwicklungsfördernde Erfahrungen, wenig aktive Stimulation sowie eine geringer elterliche Wärme und Akzeptanz hinzu. Die Beobachtung über 21 Jahre zeigte, dass im Vergleich zu Normalgewichtigen dickere Kleinkinder schneller zunahmen. Abhängig vom Körpergewicht stieg die BMI-Wachstumsrate pro Altersintervall (5, 10, 15 und 21 Jahren) um durchschnittlich 2 % (normalgewichtig), 4 % (übergewichtig), 5 % (adipös) und 8 % (extrem adipös) an.

Fazit

Die Studienergebnisse weisen einmal mehr darauf hin, dass eine frühe und rasche Gewichtszunahme im Kindesalter das Risiko für Adipositas später im Leben stark erhöht. Zudem wird immer deutlicher: Der Fokus alleine auf das Ess- und Bewegungsverhalten greift zu kurz. Eltern können (auch) die Entwicklung des Körpergewichts unterstützen, indem sie eine gute Bindung zum Kind aufbauen, eine insgesamt gesundheitsfördernde Lebensweise vorleben sowie durch ausreichend Spielmöglichkeiten und ein attraktives Umfeld sorgen. In den Präventions- und Therapieansätzen sind die elterlichen Erziehungskompetenzen und –ressourcen noch zu wenig integriert. Auch in der praktischen Arbeit mit adipösen Kindern und Jugendlichen werden die Wechselwirkungen von sozialem Status und psychosozialen Ressourcen oftmals vernachlässigt. Hier ließe sich künftig durch mehr Förderung unterstützen.

Mehr zum Thema „System Familie“ in der ernährung heute 4_2018.

Literatur

East P et al.: Home and Family Environment Related to Development of Obesity: A 21-Year Longitudinal Study. Child Obes. 15 (3): 156-166 (2019).

Weltgesundheitsorganisation (WHO): Die Herausforderung Adipositas und Strategien zu ihrer Bekämpfung in der europäischen Region der WHO (2007). Internetquelle: www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0003/98247/E89858G.pdf (Zugang am 24.04.19).

Hink M: Wenn Familie dick macht. Adipositas im Kontext familiärer Beziehungen. Master-Thesis. Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (2016).

Meule A: Emotionales Essverhalten. ernährung heute 4: 15-17 (2018).

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