28.10.2014 von Nina Grötschl

Fördert Schnaps die Verdauung?

Wer sich nach einem ausgiebigen Essen einen Grappa oder Obstler genehmigt, tut sich nur scheinbar etwas Gutes. Der berühmte Verdauungsschnaps ist ein Mythos: Denn Hochprozentiges verlangsamt die Verdauung anstatt Erleichterung zu verschaffen.

Nach einer üppigen und fettreichen Mahlzeit ist vielen ein Verdauungsschnaps willkommen, weil er die Verdauung beschleunigen und das Völlegefühl lindern soll. Doch diese Annahmen entpuppen sich als Irrtum: Harte Alkoholika wie Cognac, Schnaps oder Whiskey kurbeln die Verdauung nicht an. Denn Alkohol geht im Magen direkt ins Blut über und beeinflusst im Gehirn Areale, die für die Verdauung zuständig sind. Der Körper ist in erster Linie mit dem Abbau des Alkohols beschäftigt, anstatt die Nahrung zu verdauen. So wird die Verdauung im Magen verzögert und der Weitertransport der Nahrung in den Dünndarm gehemmt.

Wie Blei im Magen

Dass ein Gläschen Schnaps keine Verdauungshilfe ist, haben Schweizer Wissenschafter des Universitätsspitals Zürich anhand eines kleinen Käsefondue-Experiments gezeigt: Zwanzig Testpersonen aßen jeweils 200 g geschmolzenen Käse mit 100 g Weißbrot. Ein Teil der Probanden trank dazu ein Glas Weißwein, den anderen Teilnehmern wurde eine Tasse Schwarztee gereicht. Eineinhalb Stunden nach der fettreichen Mahlzeit konsumierten die Weintrinker zusätzlich ein Gläschen Schnaps. Die Schwarztee-Trinker nahmen Wasser als „Digestif" zu sich. Um herauszufinden, ob Alkohol die Verdauung ankurbelt, markierten die Forscher den Fonduekäse mit speziellen Marker-Molekülen (C13-Isotope).

Mittels Atemtests verfolgten sie den Abbau der Moleküle im Magen und Darm und erfassten so die Geschwindigkeit, mit der die Mahlzeit verdaut wurde. Interessantes Ergebnis: Wein-/Schnapstrinkern machte die Verdauung des Käsefondues wesentlich mehr zu schaffen, als den Tee-/Wassertrinkern. Der Alkohol des Digestifs verlangsamte die Verdauung und die Teilnehmer klagten über Völlgefühl. Sie verdauten den Käse langsamer als die Testpersonen, die Tee und Wasser zum Fondue tranken.
Obwohl lediglich zwanzig Personen getestet wurden, weisen die Ergebnisse in eine eindeutige Richtung: Hochprozentiger Alkohol verzögert die Verdauung.

Entspanntes Gefühl     

Hochprozentiger Alkohol vermittelt dennoch ein wohliges und entspannendes Gefühl nach einem deftigen Essen. Der Grund dafür: Alkohol erweitert die Blutgefäße und übt eine entspannende Wirkung auf Muskelzellen aus. Da der Magen ein Muskel „par excellence" ist, entspannt er sich, das unangenehme Völlegefühl wird dadurch weniger und ein trügerisches Gefühl der Erleichterung setzt ein. Die magenstimulierende Wirkung des hochprozentigen Digestifs ist also ein Mythos.

Alkohol regt nur in geringen Konzentrationen (<5 Vol. %) den Verdauungsvorgang an. Ein Glas Bier oder Wein bewirkt, dass die Schleimhautzellen im Magen mehr Säure produzieren. Dadurch wird die Verwertung der Nahrung gefördert. Hätten die Weintrinker im Käsefondue-Experiment auf den Digestif verzichtet, wäre die Verdauung eher in Schwung geblieben. Doch das wurde nicht untersucht.

Die Verdauung ankurbeln  

Damit der Hosenbund nach einem üppigen Mahl nicht spannt, bietet sich eine Tasse Tee an. Ideal sind z. B. Salbei,- Fenchel- oder Pfefferminztee, denn die ätherischen Öle der Kräuter wirken verdauungsfördernd. Auch Kaffee ist ein Magensäure-Kitzler, der positiv auf die Verdauung wirkt. Ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft regt den Kreislauf sowie die Verdauung zusätzlich an und entspannt den Bauch.

Fazit

Kurzfristig verschafft ein hochprozentiger Absacker zwar ein angenehmes Gefühl nach dem Essen, langfristig verfehlt das „Schnapserl in Ehren" jedoch seinen Zweck. Alkoholika betäuben lediglich das Völlegefühl und bewirken, dass die Verdauung verlangsamt wird. Nach einer üppigen Mahlzeit sollte man lieber zu einer Tasse Tee oder Kaffee greifen, spazieren gehen oder einfach die Hose etwas lockern.

Literatur

Heinrich H et al.: Effect on gastric function ans dymptoms of drinking wine, black tea, or schnaps with a Swiss cheese fondue: randomised controlled crossover trial. Brit Med J 341 (2010).

Chari S, Teyssen S, Singer MV: Alcohol and gastric acid secretion in humans.
Gut 34: 843–847 (1993).

Bisovsky S, Unterberger E: Aufgedeckt! Gerüchteküche und Ernährungsmythen. Österreichischer Agrarverlag, Wien (2009).

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