20.05.2008 von Andrea Ebner-Pladerer

Ist eine ausgewogene Ernährung leistbar?

Lebensmittel und ihre Preise sind in aller Munde. Zuviel vom falschen sagen die einen, zu hoch die anderen. Nun zeigt sich: Die oft zitierte ausgewogene Ernährung zahlt sich auch preislich aus.

Als Argument gegen eine gesunde Ernährungsweise – egal ob konventionell oder biologisch - kommt an oberster Stelle nicht erst seit der letzten „Teuerungswelle“: das ist nicht leistbar. Doch was kostet vernünftig Essen und Trinken tatsächlich?

(Preis-)bewusster Ernährungsstil

Die durchschnittlichen Ausgaben für Lebensmittel sowie für Essen außer Haus variieren von Ernährungsstil zu Ernährungsstil, teilweise sogar sehr deutlich, so ein Ergebnis der deutschen Studie Ernährungswende. Die Gruppe der „fitnessorientierten Ambitionierten“, bei denen hochwertige und gesundheitsfördernde Produkte wie Bio-Lebensmittel, aber auch Functional Food eine wichtige Rolle spielen, sowie die Gruppe der „konventionellen Gesundheitsorientierten“, die gerne und reichlich kochen, geben mit knapp 20 % über dem Durchschnitt pro Kopf das meiste Geld für Ernähung aus. Dagegen geben die „Billig- und Fleisch-Esser“, für die Ernährung v. a. preiswert und unkompliziert sein muss, und die „gestressten Alltagsmanger“, die zwar hohe Ansprüche an das Essen stellen, bei denen es aber bei der Umsetzung an Zeit und Unterstützung durch andere Haushaltsmitglieder mangelt, pro Kopf das wenigste Geld für Ernährung aus.

Wissenswert

Im Durchschnitt entfallen 13 % der Haushaltsausgaben auf Lebensmittel und alkoholfreie Getränke. In absoluten Zahlen sind dies im Durchschnitt € 311,00 pro Haushalt und Monat.

Vollwertig ist nicht teurer

Mertens et al. haben für Deutschland die Kosten für präventive Lebensmittel (Vollwert) mit jenen einer üblichen Mischkost verglichen. Die Preise wurden für Lebensmittel aus konventioneller Erzeugung genommen. Die Vollwerternährung unterscheidet sich im Verzehr von Fleisch-, Getreideprodukten sowie von Obst und Gemüse. Für die Vollwertkostform sind Kosten von rund 227 Euro pro Monat und Person berechnet worden. Das sind 12,3 % weniger als für die der Mischkost mit rund 259 Euro pro Monat. "Gesünder" essen wäre also für Menschen mit durchschnittlichem Einkommen keine Frage des Preises.

Engpässe in vielen Lebenslagen

Anders sieht dies bei Menschen mit niedrigem sozial-ökonomischen Status aus. Derzeit leben rund 250 000 Menschen in Österreich in Haushalten, in denen der Verdienst trotz Erwerbstätigkeit nicht reicht, um die eigene Existenz zu sichern. Davon sind über 90 000 manifest arm.

Wissenswert

Armutsgefährdet sind Personen mit einem Monatseinkommen unter € 785,00. Kommen dazu gesundheitliche Probleme, Wohnungsprobleme, Zahlungsrückstände und unerwartete Zahlungen so wird von manifester Armut gesprochen.

Personen aus unteren sozialen Schichten oder Arbeitslosenhaushalten konsumieren Obst und Gemüse nur in geringen Mengen und ernähren sich vorwiegend von energiereichen (Grund-)Nahrungsmitteln. Häufiger als bei anderen Personengruppen werden auch Soft Drinks und Fast Food verzehrt. Gründe dafür sind u. a., dass diese Lebensmittel zumeist billiger, meist schmackhafter, weniger verderblich und einfach in der Zubereitung sind als pflanzliche Nahrungsmittel.

Einkaufsstätte macht den Preis

In einer deutschen Untersuchung wurde eine optimierte Mischkost als Basis zur Ermittlung der Lebensmittelkosten für eine gesunde Ernährung (von Kindern und Jugendlichen) heran gezogen. Es sollte abgeschätzt werden, in wie weit eine gesunde Ernährung sich mit Arbeitslosengeldleistungen vereinbaren ließe. Dafür wurden mehr als 80 Lebensmittelpreise in fünf Lebensmittelketten (zwei Supermarktketten: REWE und Edeka; zwei Discounter: Aldi und Lidl; ein Bioladen) erfasst. Die Kosten der Lebensmittel waren abhängig von der Einkaufsstätte: Discounter: 1,67 €/1000 kcal; Supermarkt: 2,66 €/1000 kcal; Bioladen: 4,64 €/1000 kcal. Die Einkaufsstätte hatte allerdings keinen nennenswerten Einfluss auf die Verteilung der Kosten. Die größten Kosten (60 %) entfielen auf die pflanzlichen Lebensmittel, 20 % trugen die tierischen Produkte. Empfohlene Getränke (Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetee) sowie Süßigkeiten machten je ca. 10 % der Kosten aus. Die Arbeitslosengeldleistungen betrugen bei Durchführung der Studie 3,42 Euro pro Tag für Jugendliche ab 14 Jahren. Dieser Betrag reichte nicht aus, um eine optimierte Mischkost in den gängigen Einkaufsstätten (für 13-14 Jährige: 4,07 Euro im Discountmarkt; 6,48 Euro im Supermarkt) zu erstehen.

Eine weitere Erhebung von Karg et al. zu Lebensmittelkosten im Rahmen einer vollwertigen Ernährung ergab durchschnittliche Ausgaben von rund sechs Euro pro Tag und Person. Die Mengen decken den Bedarf einer durchschnittlichen erwachsenen Person an allen Nährstoffen. Bei dieser Berechnung wurden allerdings die im Handel üblichen Verkaufsmengen nicht berücksichtigt. Kalkuliert man jedoch nach tatsächlichen Einkaufsmengen, dann erhöhen sich die notwendigen Ausgaben für eine vollwertige Ernährung auf durchschnittlich ca. Euro 12  pro Tag und Person – allerdings ohne Berücksichtigung von dadurch entstehenden Vorräten und folgenden geringeren Ausgaben. In einem Mehrpersonen-Haushalt ist dieser Aspekt jedoch wieder hinfällig. Bei einer preisbewussten Einkaufsweise kann laut Studie die vollwertige Ernährung für etwa 4 Euro pro Tag und Person erreicht werden. Die Arbeitslosengeld-Regelleistung zum Zeitpunkt der Erhebung lag für „Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren“ in der Höhe von rund 130 Euro pro Person und Monat. Würde dieser Betrag ausschließlich für Lebensmittel verwendet werden, wäre eine vollwertige Ernährung bei einem preiswerten Einkauf laut dieser Studie bezahlbar.

Sozialsupermärkte sind im Kommen

Den Zugang zu günstigen Lebensmitteln für einkommensschwache Bevölkerungsschichten erleichtern seit einigen Jahren so genannte Sozialsupermärkte in den Landeshauptstädten wie Graz und Linz, seit kurzem auch in Wien. Menschen mit weniger als 800 Euro Einkommen pro Monat können in diesen Märkten deutlich verbilligte Lebensmittel einkaufen. Jeder Einkauf ist etwa mit 30 Euro pro Woche limitiert und der Einkauf kann nur mit einem dafür ausgestellten Berechtigungsausweis getätigt werden. Diese Einrichtungen sind auf Produktspenden von Firmen angewiesen, wobei verpackte Waren oft leichter zur Verfügung gestellt werden können als Frischwaren wie Obst oder Gemüse. Aber auch in diesem Bereich gibt es bereits Kooperationen mit regionalen Lieferanten.
Die Haupteinflüsse für die Lebensmittelauswahl sind laut zahlreichen Studien aber neben dem Preis auch die Erreichbarkeit. Menschen, die nicht das Einkommen oder die Erreichbarkeit für „gesundes“ Essen haben, werden kein „gesundes“ Essen kaufen (können). Die WHO fordert daher, dass eine leistbare Verfügbarkeit von frischen nährstoffreichen Lebensmitteln zur Erhaltung der Gesundheit für die Bevölkerung notwendig ist.

Ressourcenverschwendung

Von der gesundheitlichen Seite einer ausgewogenen Ernährungsweise abgesehen, kann auch die Nachhaltigkeit mit in Betracht gezogen werden. Doch welche ökologischen Auswirkungen die Wahl der Lebensmittel, Transportwege, Lagerung und Zubereitung hat, wird oftmals noch wenig bedacht. Dabei verursacht der Bereich Ernährung etwa ein Fünftel der gesamten Treibhausgasemissionen und die landwirtschaftlich nutzbare Fläche der Erde ist begrenzt.

Wissenswert

Ernährungsbedingter Ausstoß an klimaschädigenden Treibhausgasen im Bereich Landwirtschaft: Kohlendioxid, Methan und Lachgas.

In den wohlhabenden Ländern wird etwa die Hälfte des angebauten Getreides an Tiere verfüttert. In Österreich sind es 63 % des geernteten Getreides. Hinzu kommen Futtermittelimporte aus den so genannten Entwicklungsländern. Der Umweg über das Tier in der Nahrungsmittelproduktion stellt eine enorme Ressourcenverschwendung dar. Dass die Höhe der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen von unserem jeweiligen Ernährungsstil abhängt, zeigt ein weiteres Ergebnis der deutschen Studie Ernährungswende. Dort wurde das Ernährungshandeln mit sieben Ernährungsstilen charakterisiert. Die Gruppe der „desinteressierten Fast-Fooder“ verursacht dabei die höchsten Umweltauswirkungen. Dieser Ernährungsstil zeichnet sich durch einen überdurchschnittlichen Konsum an Fleisch aus. Frisches Gemüse und Obst werden selten gegessen.
Ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz kann mit einer nachhaltigen Ernährungsweise, d. h. einer Reduktion von negativen Auswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – „vom Feld bis zum Teller“ geleistet werden. Die Reduktion des Fleischkonsums und der Umstieg auf biologische Produkte haben dabei das größte Potenzial.

Preislich auf einem Niveau: Bio und konventionelle Premiummarke

Verschiedene seit 1990 durchgeführte Preiserhebungsstudien für Bio-Lebensmittel bestätigen, dass diese über den Preisen für konventionelle Lebensmittel liegen. In einer Untersuchung von Aschemann et al. wurden die Preise sämtlicher Artikel einer Reihe häufig gekaufter Lebensmittelprodukte im jeweiligen Geschäft erhoben und die Preisstellung von Artikel konventioneller und biologischer Herstellung vergleichend analysiert. 45 Verkaufsstätten des allgemeinen Lebensmittelhandels (ohne Discounter) in 16 verschiedenen Städten unterschiedlicher Größe wurden ausgewählt. Die untersuchten Produkte waren Milch, Butter, Fruchtjoghurt, Früchtemüsli, Ketchup, Mehl, Spaghetti, Rosinen und Marmelade sowie Apfel- und Karottensaft. Nur Artikel ohne Preisaktion und mit ähnlicher Packungsgröße wurden erfasst. Die Ergebnisse der Studie waren etwas überraschend, zeigten sie doch, dass Bio-Produkte nicht grundsätzlich teuerer sind als konventionelle. Sie bewegen sich vielmehr im selben preislichen Rahmen wie konventionelle Premiummarken (Durchschnittspreis des oberen konventionellen Preissegments). Lediglich bei Butter und Mehl überstieg der durchschnittliche Preis der biologisch erzeugten Produkte den durchschnittlichen Preis der Premiummarkenartikel.

Fazit

Künftig sollten die Themen Ernährung, Gesundheit und Umwelt als ein Handlungsfeld erkannt werden. Die Herausforderungen werden darin liegen, die Wertschätzung für Ernährung und insbesondere für nachhaltige Lebensmittel zu erhöhen, um die derzeit noch geringe Preisbereitschaft vieler Menschen zu überwinden. Denn das Preis-Argument ist kein schlagendes gegen eine ausgewogene, pflanzenbetonte Kost.

Mehr zum Thema:

Bewusst Kaufen: www.bewusstkaufen.at
Ökologischer Fußabdruck: www.footprint.at
Sozialsupermärkte: Beispiel VinziMärkten: www.vinzi.at

Literatur

Aschemann J, Hamm U, Riefer A: Wie teuer sind Öko-Produkte wirklich? Ökologie&Landbau 146,2: 39-42 (2008).

Karg G, Wagner K, Gedrich K: Lebensmittelkosten im Rahmen einer vollwertigen Ernährung. Ernährungs Umschau 4: 2-13 (2008).

Kersting M, Clausen K: Wie teuer ist eine gesunde Ernährung für Kinder und Jugendliche? Ernährungs Umschau 9: 508-513 (2007).

Mertens E, Hoffmann I, Schneider K, Claupein E, Spiller A: Lebensmittelkosten bei verschiedenen Ernährungsweisen. Ernährungs Umschau 3: 139-147 (2008).

Dossier zum 8. f.eh Symposium
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