05.07.2005 von Helga Cvitkovich-Steiner

Kaffee: rehabilitierter Flüssigkeitsräuber

Die alte Regel, dass koffeinhaltige Getränke bei der täglichen Flüssigkeitsaufnahme nicht mitberechnet werden dürfen, ist offenbar überholt. Warum der Sinneswandel?

Stimmt es, dass Kaffee dem Körper Wasser entzieht? „Die Geschichte vom Kaffee als Flüssigkeitsräuber beruht auf einem Irrtum, ist also eine Mär“, stellt dazu die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in einer Stellungnahme fest. Uns interessiert, wie diese Fehlmeinung entstand und welche Empfehlungen man aus neuem Datenmaterial ableiten kann.

Fehlinterpretationen

Eine Forschergruppe der Justus Liebig Universität in Gießen untersuchte an zwölf jungen Freiwilligen den Einfluss von Kaffee auf den Flüssigkeitshaushalt [Neuhauser-Berthold et al., 1997]. Im Vergleich zum Vortag ohne Kaffeekonsum führten 6 Tassen Kaffee (900 ml/d bzw. 642 mg Koffein) bei insgesamt gleicher Trinkmenge zu einer Abnahme des Körpergewichts und des Gesamtkörperwassers. Gleichzeitig nahmen das Urinvolumen und die renale Natriumausscheidung zu. Diese Ergebnisse sind jedoch nur bedingt alltagsrelevant. Der Haupteinwand: Die Teilnehmer durften vor Beginn der Studie mehrere Tage lang keinen Kaffee trinken, wurden sozusagen „entwöhnt“. Außerdem kann die Abnahme des Gesamtkörperwassers nicht automatisch als Verschlechterung des Flüssigkeitshaushaltes interpretiert werden.

Zum Anhören in aller Kürze:

"Kaffee entzieht dem Körper Wasser?"
                     

Kennzeichen eines Flüssigkeitsmangels

Bei einem Wassermangel erhöhen sich die Osmolalität von Plasma und Urin (Osmolalität = Anzahl der gelösten Teilchen). Leicht erkennbar ist dies an einem dunkel gefärbten, konzentrierten Harn. Weiters werden Kompensationsmechanismen, wie die Erhöhung des Plasmavasopressinspiegels, aktiviert. Der Konsum großer Mengen von Kaffee führt nicht nur zu einer gesteigerten Wasserausscheidung über die Nieren (Diurese), sondern auch zu einer vermehrten Natriumausscheidung (Natriurese). Werden Wasser und Natrium im Verhältnis des Extrazellularraumes ausgeschieden, stellt dies kein Problem dar. In diesem Fall berührt die Abnahme der Gesamtkörperwassermenge den Flüssigkeitsversorgungsstatus nicht. Kompensationsmechanismen werden erst bei großen Verlusten des Extrazellularvolumens aktiviert.

Escape-Phänomen

Wird regelmäßig Kaffee konsumiert, besteht keine erhöhte Wasser- und Natriumausscheidung, da verschiedene Kompensationsmechanismen effektiver arbeiten. Der Körper kann den diuretischen Effekt von Koffein unter Dauereinwirkung offensichtlich ausgleichen. Diese Annahme stützt sich auf Ergebnisse einer bilanzierten Crossover-Studie. Nach mehrtägigem Konsum identischer Mengen verschiedener koffeinfreier und koffeinhaltiger Getränke fanden sich in den 24-Stunden-Sammelurinproben keine Unterschiede des Volumens, der Osmolalität und der Elektrolytausscheidung [Grandjean et al., 2000].

Die harntreibende Wirkung von Kaffee wird von verschiedenen Größen beeinflusst:

  •     der gesamten Flüssigkeitsbilanz
  •     der diuretischen Wirkung (individuell unterschiedlich)
  •     dem Gewöhnungseffekt
  •     der Menge und Konzentration des Kaffees insgesamt
  •     der Verteilung des Kaffeekonsums über den Tag

Laut DGE sind koffeinhaltige Getränke demnach ein Teil der täglichen Gesamt-Wasserzufuhr und können in der Flüssigkeitsbilanz so wie jedes andere Getränk behandelt werden.

Mit Vorbehalt

Auch wenn Kaffee nicht länger als Flüssigkeitsräuber gilt, sollte man deshalb nicht über das Ziel hinausschießen. Wegen seiner anregenden Wirkung auf Herz und Kreislauf ist er nicht als Durstlöscher, sondern als Genussmittel zu verstehen. Gegen den täglichen Genuss von bis zu vier Tassen Kaffee, das entspricht etwa 350 mg Koffein, ist nichts einzuwenden.

Fazit

Richtig ist, dass im Kaffee enthaltenes Koffein einen harntreibenden Effekt hat. Sowohl die Menge des Koffeins als auch die Frequenz des Kaffeekonsums haben hierauf einen Einfluss. Bei Personen, die an den Genuss von koffeinhaltigen Getränken gewöhnt sind, ist der harntreibende Effekt jedoch gering.
Die etablierte Praxis, zum Kaffee ein Glas Wasser zu reichen, ist sicher kein Nachteil. Immerhin trinken viele insgesamt noch zu wenig. Es kann daher nicht schaden, wenn das Glas Wasser weiterhin treuer Begleiter des Kaffees bleibt. Nicht zuletzt können dadurch auch die Röstprodukte von Kaffee verdünnt werden – und das freut besonders den empfindlichen Magen.

Literatur

Neuhäuser-Berthold M, Beine S, Verwied SC, Lührmann PM: Coffee consumption and total body water homeostasis as measured by fluid balance and bioelectrical impedance analysis. Ann Nutr Metab 41: 29–36 (1997).

Grandjean AC, Reimers KJ, Bannick KE, Haven MC: The effect of caffeinated, non-caffeinated, caloric and non-caloric beverages on hydration. J Amer College Nutr 19: 591–600 (2000).

Maughan RJ, Griffin, J: Caffeine ingestion and fluid balance: a review. J. of Human Nutr & Dietetics 16: 411ff (2003).

Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: Ist Kaffee ein „Flüssigkeitsräuber“? DGE-aktuell 01 (2005).

Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: Bedeutung von Kaffee für den Flüssigkeitshaushalt. DGE-info 04 (2004).

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