25.06.2009

Kann man Kalorienbomben "entschärfen"?

Dass es keine Lebensmittel mit „negativen" Kalorien gibt, steht außer Frage. Könnten aber manche Nahrungsmittelinhaltsstoffe den Energieverbrauch zusätzlich ankurbeln und so einer schleichenden Gewichtszunahme entgegen wirken?

Übergewicht passiert nicht über Nacht. Es ist vielmehr ein langfristiges Resultat einer positiven Energiebilanz. Diese kann einerseits aus einem Zuviel an aufgenommener Energie über die Nahrung sein, oder einem Zuwenig an Energieabgabe durch mangelnde Bewegung. Der Energieumsatz kann aber nicht nur durch Bewegung allein gesteigert werden: Bestimmte Nahrungsmittelinhaltsstoffe erhöhen die Energieabgabe, indem sie die Thermogenese ankurbeln.

In Diskussion steht besonders das scharfe Capsaicin, das in Chili enthalten ist. Aber auch Koffein und Katechin aus grünem Tee könnten die Thermogenese erhöhen und durch den gesteigerten Stoffwechselaufwand helfen, das Gewicht in Balance zu halten. Dass der Genuss dieser Inhaltsstoffe keine alleinige Strategie sein kann, um Gewicht zu verlieren bzw. zu halten, ist klar. In wie fern aber könnten sie unterstützend wirken?

Scharf macht schlank?

Das Alkaloid Capsaicin ist der Hauptverantwortliche für die Schärfe von Paprika- und Chilischoten. Was das Erlebnis zusätzlich feurig macht: Capsaicin aktiviert den Sympathikus und erhöht somit die Thermogenese. Das bekommt man sofort nach dem Genuss einer mexikanischen Salsa am eigenen Leib zu spüren. Capsaicin wirkt demnach auf jeden Fall indirekt auf die Wärmeproduktion. Außerdem wirkt sich Capsaicin auch auf die Portionsgrößen aus, die wir zu uns nehmen: Es wurde in Studien weniger gegessen, wenn Capsaicin in der Mahlzeit enthalten war: Zwölf Männer und zwölf Frauen erhielten 30 Minuten vor den Mahlzeiten 0,9 g Chili in Tomatensaft oder ein Plazebogetränk ohne Chili. Wurde Chili vor der Mahlzeit konsumiert, war die täglich aufgenommene Energiemenge etwa 2360 kcal pro Tag (+/- 170 kcal) für Männer und 1887 kcal (+/-  120 kcal) für Frauen. Wurde hingegen das Plazebo ohne Capsaicin konsumiert, wurden 2750 kcal pro Tag von Männern (+/- 239 kcal) und 2245 kcal pro Tag von Frauen (+/- 190 kcal) an Energie aufgenommen.
Man vermutet zudem, dass Capsaicin vermehrt Depotfett mobilisiert und so die Fettgewebsmasse verringern kann. In einer zwölfwöchigen Studie an 40 Männern und 40 Frauen zeigte sich bei einer Gabe von Capsaicin ähnlichen Substanzen eine erhöhte Gewichtsabnahme, besonders im Bauchbereich: Der Gewichtsverlust betrug in der Capsaicin-Gruppe 0,9 kg (+/- 3,1 kg) und 0,5 kg (+/-2,4 kg) in der Plazebo-Gruppe. Capsaicin könnte demnach in kleinen Ausmaßen an beiden Seiten der Energiegleichung wirken: auf Seiten der Energiezufuhr und der -abgabe. Die wirkungsvolle Menge an Capsaicin (6 mg oder 4 EL Chilipulver) pro Tag ist aber auch für Hartgesottene schwer zu verkraften.

(Genuss-) Mittel zum (Abnehm-) Zweck

Dass bei der Zufuhr von Koffein ebenfalls weniger Fett eingelagert wird, wie das bei Capsaicin der Fall ist, wurde bis jetzt nur in Tierversuchen festgestellt. Der stimulierende Effekt von Koffein auf die Thermogenese ist hingegen auch beim Menschen bewiesen. Es wird vermutet, dass er bei langfristiger Koffeinzufuhr erhalten bleibt.
In einer kleinen Studie (randomisiert, Plazebo-kontrolliert, doppelblind) wurde die Wärmeabgabe von zwölf normalgewichtigen Männern nach einer 50 mg Koffeingabe (soviel wie in einer Tasse Schwarztee) in den darauf folgenden vier Stunden untersucht. Im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöhte sich die Thermogenese erheblich: Sie war um 6 % höher als in der Gruppe, die kein Koffein einnahm. Ein möglicher Mechanismus, über den Koffein die Thermogenese beeinflusst: Es stimuliert den Umbau von Glukose und Glykogen (die Speicherform von Glukose) zum Endprodukt Laktat, das die Thermogenese fördert. Hier gibt es eine Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je mehr Koffein aufgenommen wird, desto höher ist der thermogene Effekt. In einer Studie wurde innerhalb von drei Stunden gemessen, wie viel Energie mehr verbraucht wurde: Bei der Zufuhr von 100 mg Koffein (zwei Tassen Tee) waren es 9,2 kcal (+/- 5,7 kcal) pro Stunde mehr, bei 400 mg waren es 32,4 kcal (+/- 8,2 kcal). Diese Mengen können bei empfindlichen Personen starkes Herzklopfen, Unruhe und Schwindel hervorrufen. Da sich bei regelmäßigem Konsum jedoch ein Gewöhnungseffekt einstellt, reduzieren sich diese Nebenwirkungen.

Grüner Tee als Fettkiller?

Grüner Tee enthält neben Koffein hohe Mengen an mehreren sekundären Pflanzenstoffen aus der Gruppe der Katechine. Die Menge an diesen Gerbsäuren in einer Tasse Grüntee schwankt je nach Sorte zwischen 50 und 100 mg. Katechine sind nur in grünem Tee vorhanden: Werden die Teeblätter fermentiert, wie es bei Schwarztee der Fall ist, werden die Katechine zerstört. Man vermutet auch bei Katechinen, dass sie Thermogenese und Fettabbau erhöhen. Eine Studie an 15 normalgewichtigen Männern ergab, dass sich die Energieabgabe um 2 % erhöhte. Sie erhielten an einem Tag eine Dosis von 150 mg Koffein und 600 mg Katechinen, was etwa sechs Tassen grünem Tee entspricht. Dieser kleine Erfolg könnte über einen längeren Zeitraum seinen Teil zu Gewichtskontrolle beitragen. Langfristig angelegte Studien sind hier aber noch gefordert, um diese Annahme zu bestätigen.
Bei der Wirkung könnte Noradrenalin beteiligt sein, das anregend auf das Herz-Kreislaufsystem wirkt. Ein weiterer möglicher Faktor in der Behandlung von Übergewicht mit Katechinen ist, dass sie die Neubildung von Blutgefäßen vermindern. Diese sind notwendig, damit sich die Vorstufen von Fettzellen (Präadipozyten) zu Fettzellen entwickeln können.

Fazit

Übergewicht kann nur erfolgreich bekämpft werden, wenn man das Problem multifaktoriell behandelt. Dazu zählen neben einer Ernährungs- und Bewegungsumstellung auch eine Verhaltensänderung. Capsaicin, Koffein und der sekundäre Pflanzenstoff Katechin in grünem Tee haben in Versuchen kleine positive Effekte auf den Gewichtsverlust erzielt. Sie können als Mosaiksteinchen bei der Gewichtskontrolle angesehen werden. Wundermittel gegen Übergewicht sind sie auf keinen Fall.

Literatur

Snitker S et al.: Effetcs of novel Capsinoid treatment on fatness and energa metabolism in human: possible pharmacogenegtic implications. Am J Clin Nutr 89: 45-50 (2009).

Belza A, Toubro S, Astrup A: The effect of caffeine, green tea and tyrosine on thermogenesis and energy intake. Eur J Clin Nutr 63: 57-64 (2009).

Gregersen et al.: Effect of moderate intakes of different tea catechins and caffeine on acute measures of energy metabolism under sedentary conditions. Br J Nutr 18: 1-8 (2009).

Diepvens K, Westerterp KR, Westerterp-Plantenga MS: Obesity and thermogenesis related to the consumption of caffeine, ephedrine, capsaicin, and green tea. Am J Physiol Regul Integr Comp Physiol 292: 77-85 (2007).

Diepvens K, Kovacs EMA, Nijs IMT, Vogels N, Westerterp-Plantenga MS: Effect of green tea on resting energy expenditure and substrate oxidation during weight loss in overweight females. Br J Nutr 94: 1026-1034 (2005).

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