14.08.2018 von Angela Mörixbauer

Möglicher Selenmangel durch Klimawandel

Dass der Klimawandel die Umwelt beeinflusst, ist mittlerweile klar. Klimaveränderungen werden sich dadurch auch auf die Nahrungskette auswirken, z.B. auf die Verfügbarkeit einzelner Elemente, wie das Spurenelement Selen. Wie man die Selenverarmung der Böden eindämmen kann und was ein Mangel für den Menschen bedeutet, haben wir näher betrachtet. Denn Selen übernimmt wichtige Funktionen im Körper.

Eine 2017 veröffentlichte Studie eines internationalen Forscherteams zeigt den Einfluss des Klimawandels auf die Selengehalte im Boden. Demnach werden die Erderwärmung und damit verbundene Klimaveränderungen dazu führen, dass bei rund zwei Drittel der weltweiten Ackerflächen der Selengehalt abnimmt. Die Datenanalysen und -simulationen belegen, dass Ende des 21. Jahrhunderts die durchschnittliche Selenmenge im Boden um fast 9 % geringer sein wird als Ende des vergangenen Jahrhunderts. Dadurch steigt auch das Risiko, einen Selenmangel zu entwickeln.

Wozu brauchen wir’s?

Selen ist an zahlreichen Reaktionen im Körper beteiligt. Es ist Baustein vieler Enzyme und hilft, Körperzellen vor freien Radikalen zu schützen. Selenabhängige Enzyme regulieren den Haushalt der Schilddrüsenhormone und sind unverzichtbarer Baustein von Spermien. Das Spurenelement ist damit u. a. für ein starkes Immunsystem, die Schilddrüsenfunktion und die männliche Fruchtbarkeit mitverantwortlich.

Wissenswert

Der schwedische Chemiker Jöns Jakob Berzelius entdeckte 1817 das Spurenelement Selen. Aufgrund der chemischen Verwandtschaft mit dem gruppenhomologen Element Tellur (lat. Tellus = Erde) benannte er es nach der griechischen Göttin des Mondes Selene.

Selenarme Böden in Europa

Die Selenmenge in der Nahrung hängt davon ab, wie viel davon in den Ackerböden vorhanden ist. Im Unterschied zu den Böden in den USA sind jene in Europa nicht besonders reich an dem Spurenelement. Den größten Einfluss auf den Selengehalt im Boden haben Niederschläge und das Verhältnis von Niederschlägen und Verdunstung. Regnet es viel, wird Selen aus den Böden ausgewaschen. Viel Regen bedeutet jedoch auch, dass der Sauerstoffgehalt im Boden sinkt, der pH-Wert saurer wird und Selen besser an Bodenpartikel gebunden wird. Je nachdem wie die Klimabedingungen sind, wie oft und wie stark es regnet, schwanken die Selengehalte im Boden. Forscher vermuten, dass durch den Klimawandel, die Böden zunehmend selenarm werden und das betrifft vor allem weite Teile Europas. Das wirkt sich direkt auf die Nahrungskette aus, denn auch Pflanzen nehmen weniger davon auf. Kommen Nahrungsmittel aus unterschiedlichen Ländern, ist die Einschätzung der Selenkonzentration umso schwieriger.

Maßnahmen notwendig

Um die Versorgung zu verbessern, kann man auf verschiedene Weisen gegensteuern. So verwendet Finnland, dessen Böden besonders selenarm sind, bereits seit 1984 selenhaltige Düngemittel. Getreide, das für die Tierfütterung verwendet wird, enthält von Natur aus wenig Selen. Um den Gehalt in tierischen Lebensmitteln zu steigern, ist in der EU daher Selen als Zusatzstoff in Tierfutter zugelassen. Und aktuell arbeitet eine Forschergruppe um Diemo Daum an der Hochschule Osnabrück daran, Äpfel mit erhöhtem Selengehalt zu züchten.

Wissenswert

Um die Akzeptanz von Verbrauchern abzuschätzen, führte Daum eine Onlineumfrage durch, an der 356 Personen teilnahmen. Bei einer direkten Auswahl zwischen einem Apfel mit hohem Selengehalt und einem selenhaltigen Nahrungsergänzungsmittel sprachen sich rund 90 % für den Apfel aus.

Die ersten Testergebnisse weisen darauf hin, dass schon sehr geringe Selendüngegaben ausreichen, um den Gehalt in den Früchten auf das angestrebte Niveau von 10–20 µg pro 100 g Frucht zu erhöhen. Damit würde ein Apfel bereits ein Drittel der empfohlenen Tageszufuhr an Selen für einen Erwachsenen decken. Wenn alles gut läuft, könnte man in drei bis vier Jahren selenreiche Äpfel in den Obstregalen finden.

Vegetarier und Veganer aufgepasst!

Selen aus pflanzlichen Lebensmitteln kann zwar im Vergleich zu Fleisch besser aufgenommen werden, wegen der geringen Konzentration trägt es aber wenig zur täglichen Selenversorgung bei. Allesesser decken ihren Bedarf zu etwa drei Viertel über tierische Lebensmittel, also Fleisch, Fisch oder Eier. Vegetarier und Veganer haben ein erhöhtes Risiko für eine Selenunterversorgung und können über Kohl- und Zwiebelgemüse, Pilze, Spargel, Hülsenfrüchte und Paranüsse Selen aufnehmen. Gerade sie würden vom Selen-Apfel profitieren.
Einseitige Ernährung oder verschiedene Krankheitsbilder sind ebenfalls Grund für einen Mangel (siehe Tabelle).

Risikopersonen für Selenmangel

Risiko durch ErnährungRisiko aufgrund von Verlusten
Veganerschwerer, langanhaltender Durchfall
extrem einseitige Ernährung (z.B. Alkoholiker)Maldigestion- und Malabsorptionssyndrome
Künstliche ErnährungBulimie (Ess-Brech-Sucht)
MangelernährungNierenschädigung mit Proteinurie
Anorexia nervosa (Magersucht)Dialysepatienten
FrühgeboreneTherapie mit entwässernden Medikamenten
Diabetes insipidus
starke Blutverluste (z.B. Regelblutung)
lange Stillzeit
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
Mukoviszidose

Wie viel Selen braucht der Mensch?

Der genaue Bedarf an Selen ist bislang nicht restlos geklärt. Richtwerte für die empfohlene Tagesdosis beziehen sich auf jene Selenmenge, die für eine maximale Funktion der selenabhängigen Enzyme ausreichend scheint. Die deutschsprachigen Ernährungsgesellschaften geben als Referenzwerte für die Selenzufuhr 60 µg/d für Frauen und 70 µg/d für Männer an. Das erreicht man z.B. mit 100 g Roggenvollkornbrot, ca. sechs Stück Paranüssen oder zwei Scheiben Gouda.

Spärliche Datenlage zur Selenversorgung der Bevölkerung

Für Deutschland und Österreich existieren keine aktuellen Daten zur tatsächlichen Selenzufuhr. Denn die gebräuchlichen Datenbanken für den Nährstoffgehalt von Lebensmitteln liefern keine Angaben zum Selengehalt. Grund sind die großen Schwankungsbreiten je nach Anbaugebiet. Somit sind Werte für den Selengehalt in Lebensmitteln nicht besonders aussagekräftig.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat anhand von Daten aus Finnland, Deutschland, Irland, Italien, Lettland, den Niederlanden und Großbritannien die Selenzufuhr anhand einer eigenen Datenbank geschätzt. Demnach nehmen Erwachsene aus diesen Ländern zwischen 31 und 66 µg Selen pro Tag auf.

Es kann auch zu viel sein

Personen, die dauerhaft zu viel Selen über Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen, können eine Selenose (Selenvergiftung) entwickeln. Die Symptome sind sehr unspezifisch: neurologische Störungen, Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Übelkeit und Durchfall. Später kommen Haarausfall und gestörte Nagelbildung dazu. Das einzig typische an einer Selenose ist der knoblauchartige Geruch der Atemluft im späteren Verlauf. Eine akute Selenvergiftung mit mehreren Gramm Selen kann zum Tod durch Herzversagen führen. Laut EFSA ist eine Zufuhrmenge bis zu 300 µg Selen pro Tag ohne schädliche Nebenwirkungen. Nahrungsergänzungsmittel enthalten maximal 200 µg.

Fazit

Durch den Klimawandel ist neben der Umwelt auch die Nahrungskette direkt betroffen. Die Ackerböden verarmen an Selen und Pflanzen nehmen weniger von dem Spurenelement auf. Folglich enthalten unsere Lebensmittel auch weniger davon. Maßnahmen wie selenreiche Bodendüngungen oder Anreicherung der Futtermittel mit dem Spurenelement sollen das Risiko eines Selenmangels niedrig halten. Laut DGE ist eine angemessene Selenzufuhr über eine vollwertige Ernährung möglich. Vegetarier und speziell Veganer sollten besonders darauf achten, gute Selenquellen wie Paranüsse, Pilze und Hülsenfrüchte in den Speiseplan einzubauen


Literatur

Daum D: BiofortiSe – Biofortifikation von Äpfeln mit Selen zur Verbesserung der Fruchtqualität, der Lagerfähigkeit und des gesundheitlichen Wertes. Informationen zum Forschungsprojekt. Internet: www.hs-osnabrueck.de/prof-dr-diemo-daum/ (Zugriff: 18. Juli 2018).
Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE): Ausgewählte Fragen und Antworten zu Selen. Februar 2015. Internet: www.dge.de/wissenschaft/weitere-publikationen/faqs/selen/ (Zugriff: 16. Juli 2018)
Hildbrand T: Validität der Abschätzung der Jod- und Selenzufuhr anhand eines Food-Frequency-Tables und der Versorgung mit diesen beiden Spurenelementen ermittelt durch die Jodurie und Plasmaselenwerte bei omnivoren, lacto-vegetarisch und vegan sich ernährenden Personen. Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München (2014).
Jones GD et al.: Selenium deficiency risk predicted to increase under future climate change. PNAS 114(11): 2848–2853 (2017).
Schweizer U, Köhrle J, Schweizer S: Supplementieren oder nicht? Das Spurenelement Selen. Perspectives in Medicine 2: 72–78 (2014).
Wortmann L, Enneking U, Daum D: German Consumers’ Attitude towards Selenium-Biofortified Apples and Acceptance of Related Nutrition and Health Claims. Nutrients 10(2): 190 (2018).

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