14.06.2014 von Mag. Marlies Gruber

Neue WHO-Zuckerguideline – für Österreich relevant?

Ist es das Aus für den Zucker im Kaffee? Darf man Kuchen nur noch mit schlechtem Gewissen essen und Marmelade bloß hauchzart aufs Brot schmieren? Die WHO hatte 2003 die Empfehlung ausgesprochen, nicht mehr als 10 % der täglich aufgenommenen Kalorienmenge (Energieprozent)  in Form von zugesetztem Zucker aufzunehmen. Nun sollen es nur noch 5 Energie% sein, also rund 25 g oder sechs Teelöffel Zucker.

Begründet wird der Entwurf der neuen WHO-Empfehlung damit, dem Auftreten von Zahnkaries und Adipositas vorzubeugen. Die Beweislage für gesundheitliche Effekte einer weiteren Reduktion wurde jedoch zum Teil nur mit „moderat“ bewertet. Zudem sind nationale Gegebenheiten zu berücksichtigen. Deswegen handelt es sich laut WHO um eine „bedingte Empfehlung“. In Bezug auf die Zahngesundheit und das Auftreten von Adipositas bietet in Österreich ein weiterer Verzicht auf Zucker aber kaum effektives Potenzial. Denn:

Österreich ist Vorbild in Sachen Zahngesundheit

Sieht man sich die WHO-Ziele zu Zahnkaries und den im Fünfjahres-Rhythmus erhobenen Status dazu in Österreich an, so zeigt sich, dass hierzulande Mundhygiene großgeschrieben wird. Bei den Sechsjährigen ist seit 1996 ein deutlicher Rückgang von Milchzahnkaries zu verzeichnen. Über die gesamte Altersgruppe gesehen ist jedes zweite Kind kariesfrei. 80 % der Kariesfälle konzentrieren sich auf ein Viertel der Sechsjährigen. Den Erfolg der oralen Basisprophylaxe (Gruppenprogramme und individuelle zahnärztliche Prävention) belegen die Daten der Jugendlichen. Im Durchschnitt haben aktuell Zwölfjährige 1,4 von Karies betroffene Zähne. Damit wird der von der WHO für 2020 vorgegebene Zielwert von 1,5 bereits unterschritten. Auch bei den 18-Jährigen sieht es gut aus:
97 % weisen ein lückenloses Gebiss auf. Die WHO definierte hier als Ziel für 2020 eine Zahnverlustrate aufgrund von Karies von Null. Die durchschnittliche Anzahl der wegen Karies gezogenen Zähne liegt in Österreich bei den 18-Jährigen derzeit bei 0,05.
Im Erwachsenenalter ist erwiesenermaßen der häufigste Grund für Zahnverlust Parodontitis (Zahnbettentzündung). Die WHO richtet das Augenmerk daher bei Erwachsenen nicht auf Karies, sondern auf die Vollständigkeit des Gebisses und parodontale Gesundheit.

Was Karies betrifft, so tragen nicht nur zuckerhaltige Lebensmittel zur Entstehung bei, sondern alle stärkehaltigen Nahrungsmittel, z. B. auch Brot, Reis oder Kartoffeln. Generell ist jedoch weniger die Art und Menge der Kohlenhydrate ausschlaggebend. Vielmehr kommt es auf die Häufigkeit des Konsums an. Ständiges Zwischendurchessen und -trinken bildet dabei die größte Gefahr für die Zähne. Ein Glas Wasser nach dem Snack oder nach gesüßtem Tee oder Saft hilft, vorzubeugen.

Entwicklung von Adipositas

Fest steht, dass es über die vergangenen Jahre  immer häufiger zum Auftreten von Übergewicht und Adipositas kommt. Während zwischen 2003 und 2012 bei Erwachsenen die Übergewichtsrate mit 28 % konstant blieb, wurden immer mehr Menschen fettleibig (6 % vs. 12 %). Bei den Kindern nahm die Prävalenz von Übergewicht von 10  auf 17 % zu, jene von Adipositas von 5  auf 7,3 %.
Der jährliche Zuckerverbrauch pro Kopf ging dagegen laut Statistik Austria seit 1994 von 41 kg auf 37 kg in 2010 zurück. Dem Österreichischem Ernährungsbericht 2012 zufolge liegt der aktuelle Zuckerkonsum hierzulande bei rund 10 Energieprozent – also bei genau der grundlegenden WHO-Empfehlung und damit im akzeptablen Bereich.

Zivilisationskrankheiten entstehen aufgrund  indirekter und direkter Einflüsse. Bei Adipositas spielen die gesamte Energieaufnahme sowie der Energieverbrauch eine wichtige Rolle. Für beide sind wiederum soziale, psychologische, genetische, kognitive u. a. Faktoren wesentlich. Laut Wiener Ernährungsbericht 1994 und Österreichischen Ernährungsbericht 2012 liegt die tägliche Energieaufnahme seit zwanzig Jahren bei rund 2.000 kcal.  Während die tägliche Energiezufuhr in den vergangenen Jahrzehnten nahezu gleich blieb, bewegen sich die Menschen immer weniger.

Literatur

Evidenzbasierte Leitlinie: Kohlenhydratzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten Version (2011).

STATCube – Statistische Datenbank von Statistik Austria: Versorgungsbilanz für Zucker ab 1994/95: statcube.at/superwebguest/login.do

Gesundheit Österreich GmbH: Zahnstatuserhebungen. www.goeg.at/de/Bereich/Zahnstatuserhebungen.html

Elmadfa I et al: Österreichischer Ernährungsbericht 2012, 1. Auflage, Wien (2012).

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