17.01.2012 von Nina Grötschl und Marlies Gruber

Neuer Referenzwert für Vitamin D

Über kein anderes Vitamin wird derzeit so intensiv diskutiert und längst hat es sich vom reinen „Knochenvitamin" zum viel erforschten Präventionsvitamin gemausert: Vitamin D. Nun hat die DGE die Zufuhrempfehlung der aktuellen Datenlage entsprechend angepasst.

Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre lieferten Hinweise auf das präventive Potenzial von Vitamin D bei verschiedenen chronischen Krankheiten. Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) hat das wissenschaftliche Datenmaterial hierzu bewertet. Die derzeitige Beweislage bestätigt eindeutig, dass eine gute Vitamin D-Versorgung bei älteren Menschen das Risiko für Stürze, Knochenbrüche, Kraftverlust, Mobilität und Gleichgewicht sowie vorzeitigen Tod senken kann. Hypothesen wie zum Beispiel eine Risikosenkung für Krebskrankheiten oder Diabetes mellitus durch Vitamin D sind hingegen nicht ausreichend belegt.

Vitamin D - ein Risikonährstoff

Laut Ernährungsbericht 2012 zählt Vitamin D in Österreich zu den Risikonährstoffen. Um zu bewerten, ob die Bevölkerung genug Vitamin D mit der Nahrung aufnimmt, wurden die alten Zufuhrempfehlungen herangezogen: 5 µg für Kinder und Erwachsene bzw. 10 µg für Senioren. Keine Altersgruppe erreichte diese Empfehlung. Man entschied sich für die alten DACH-Referenzwerte, da die untersuchten Probanden durchaus der Sonne ausgesetzt waren. Die neu entwickelten Referenzwerte schließen aufgrund der individuellen Unterschiede eine Sonnenexposition aus.
Bei Sonnenbestrahlung kann der Körper Vitamin D auch selbst bilden - wie effizient, hängt vom Breitengrad, von der Jahres- und Uhrzeit, der Witterung, Kleidung, Aufenthalstdauer im Freien sowie vom Hauttyp ab. Um 10 μg Vitamin D zu bilden, muss sich ein Mensch mit dem Hauttyp III (Mischtyp, siehe unten) von April bis Oktober auf dem 42. Breitengrad (z. B. Barcelona) zur Mittagszeit mit zu einem Viertel unbedeckter Haut schätzungsweise 3 bis 8 Minuten in der Sonne aufhalten. In Deutschland und Österreich reicht die Stärke der Sonnenbestrahlung nur zirka sechs Monate im Jahr aus, um eine ausreichende Vitamin D-Bildung zu gewährleisten.
Da über Lebensmittel nur zwischen 2 und 4 µg Vitamin D pro Tag aufgenommen werden, ist es nicht verwunderlich, dass rund 60 % der deutschen Bevölkerung nach internationalen Kriterien eine unzureichende Vitamin D-Versorgung aufweisen. Bei ihnen liegt der Marker für die Versorgung im Blut, die Konzentration des 25-Hydroxyvitamin D (25(OH)D), unter dem gewünschten Wert von 50 nmol/l. Für den österreichischen Ernährungsbericht 2012 hat man erstmals auch das Blut untersucht. Es zeigte sich, dass hierzulande der Vitamin-D-Status bei Kindern und Senioren kritisch ist: Über die Hälfte weisen einen zu niedrigen Plasmawert auf. Erwachsene haben einen marginalen Mangel: 40% von ihnen sind zu gering mit Vitamin D versorgt.

Referenzwert ohne Sonnenlicht

Infolge des öffentlichen Interesses und der neuen Forschungsergebnisse hat die DGE die Stellungnahme Vitamin D und Prävention ausgewählter chronischer Krankheiten" erarbeitet, die unter anderem Grundlage für die Ableitung der neuen Referenzwerte für die Vitamin D-Zufuhr ist. Da die körpereigene Bildung von Vitamin D von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird und deren Menge nicht klar beziffert werden kann, werden die neuen Referenzwerte für die Vitamin D-Zufuhr als Schätzwerte angegeben - unter der Annahme, dass der Körper selbst kein Vitamin D produziert.

Wenn die körpereigene Bildung ausbleibt, ist eine Vitamin D-Zufuhr von 20 µg pro Tag notwendig, um die gewünschte Konzentration von 50 nmol/l im Blut zu erreichen. Diese 20 µg/Tag gibt die DGE nun als neuen Referenzwert an.

Versorgung sicherstellen

Mit der üblichen Ernährung wird diese Menge nicht erreicht. Die Differenz zwischen der Zufuhr mit der Ernährung und dem Referenzwert bei fehlender körpereigener Bildung kann entweder über eine vermehrte Vitamin D-Bildung in der Haut und/oder über die Einnahme eines Vitamin D-Präparates gedeckt werden. Bei häufigem Aufenthalt im Freien, insbesondere auch bei körperlicher Aktivität im Freien und mit ausreichenden Partien unbedeckter Haut, kann die gewünschte Vitamin D-Versorgung ohne Einnahme eines Vitamin D-Präparates erreicht werden. Personen, die sich bei Sonnenschein kaum oder gar nicht bzw. nur mit bedeckten Körperpartien im Freien aufhalten, oder Personen mit dunkler Hautfarbe benötigen zur Sicherstellung der gewünschten 25(OH)D-Serumkonzentration in unseren Breiten die Einnahme eines Vitamin D-Präparats, so die aktuelle Empfehlung der DGE.

Notwendige Sonnenexpositionsdauer

Um in Mitteleuropa (42,5° nördliche Breite) täglich 25 μg Vitamin D zu bilden, sind je nach Hauttyp, Jahres- und Uhrzeit verschiedene Sonnenexpositionsdauern (in Minuten) notwendig.

Hauttyp nach Fitzpatrick

9:00 Uhr

10:30 Uhr

12:00 Uhr

21.12.

21.3.

21.6.

21.12.

21.3.

21.6.

21.12.

21.3.

21.6.

Typ I (Keltisch)

131

26

8

75

11

4

70

8

4

Typ II (Nordisch)

148

31

10

91

14

6

94

10

5

Typ III (Misch)

165

36

12

107

16

7

127

12

6

Typ IV (Mediterran)

213

49

17

161

24

10

999

19

8

Typ V (Dunkel)

214

60

22

999

31

13

999

25

11

Typ VI (Schwarz)

999

86

35

999

49

21

999

41

19

Hauttypen

  • Typ I: Sehr helle Hautfarbe; rötliches oder hellblondes Haar; blaue Augen; wird nicht braun, sondern bekommt Sommersprossen; hohe Sonnenbrandgefahr.
  • Typ II: Helle Hautfarbe; blonde oder hellbraune Haare; blaue, graue oder grüne Augen; oft Sommersprossen; langsame, geringfügige Bräunung; häufig Sonnenbrand.
  • Typ III: Mittlere Hautfarbe; dunkelbraunes, hellbraunes, manchmal auch blondes oder schwarzes Haar; braune, blaue, grüne oder graue Augen; kaum Sommersprossen; langsame, aber fortschreitende Bräunung; manchmal Sonnenbrand.
  • Typ IV: Bräunliche oder olivfarbene Haut; braune Augen; braunes oder schwarzes Haar; keine Sommersprossen; schnelle Bräunung; selten Sonnenbrand.
  • Typ V: Dunkle Haut; dunkle Augen; schwarzes Haar; keine Sommersprossen; schnelle Bräunung; kaum Sonnenbrand.
  • Typ VI: Dunkelbraune bis schwarze Haut; schwarze Augen; schwarzes Haar; keine Sommersprossen; praktisch nie Sonnenbrand.


Quelle: Webb AR, Engelsen O (2006).

Gute Vitamin D-Lieferanten

Wenige Lebensmittel enthalten Vitamin D in bedeutenden Mengen, dazu gehören insbesondere Fettfische (z. B. Hering) und in deutlich geringerem Maße Leber, Margarine (mit Vitamin D angereichert), Eigelb und einige Speisepilze. Vitamin D wird durch Lagerung und Zubereitung von Lebensmitteln in seiner Aktivität nicht wesentlich beeinflusst. Es ist während der üblichen Garzeiten bis 180 °C hitzestabil und in Lebensmitteln nur gegenüber Sauerstoff und Licht empfindlich. Der durchschnittliche Zubereitungsverlust wirdmit 10 % beziffert.

Vitamin D-Gehalte ausgewählter Lebensmittel

Lebensmittel

Vitamin D (μg/100 g)

Hering

26,0

Lachs

16,3

Sardinen

10,8

Eigelb

6,0

Steinpilze

3,1

Schmelzkäse (45 % F.i.T.)

3,1

Hühnerei

3,0

Champignons

1,9

Gouda (45 % F.i.T.)

1,3

Butter

1,2

Schlagobers (30 % Fett)

1,1

Kalbsleber

0,3

Quelle: Wolters M, Ströhle A, Hahn A (2005).

Wissenswert

Vitamin D wird in Mikrogramm (μg) oder in internationalen Einheiten (IE) angegeben. 1 μg entspricht 40 IE bzw. 1 IE entspricht 0,025 μg.

Vitamin D als Supplement

Für frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel existieren derzeit in der EU keine verbindlichen Höchstmengen für den Vitamin D-Gehalt. Als Arzneimittel z. B. zur Behandlung von Osteoporose werden Vitamin D-Präparate mit Tagesdosen von über 10 μg (> 400 IE) verwendet. Dabei sind Präparate mit einer Tagesdosis von über 10 bis 25 μg (> 400 bis 1000 IE) apothekenpflichtig und solche mit einer Tagesdosis von über 25 μg (> 1000 IE) verschreibungspflichtig.

Für Personen ab 65 Jahren ist die Einnahme eines Vitamin-D-Präparates eher notwendig, da im Alter die körpereigene Bildung von Vitamin D deutlich abnimmt. Halten sich Ältere zudem weniger im Freien auf, nimmt der Beitrag der endogenen Synthese zur Versorgung zusätzlich ab. Dies ist insbesondere bei mobilitätseingeschränkten, chronisch kranken und pflegebedürftigen älteren Menschen oft der Fall.

Fazit

Mit dem neuen Referenzwert für Vitamin D trägt die DGE der aktuellen Evidenzlage Rechnung. Will man auf Supplemente verzichten, sind eine Vitamin-D-orientierte Ernährungsweise sowie bewusstes Sonnentanken notwendig. In der kalten Jahreszeit und gerade für ältere Personen ist die zusätzliche Einnahme von Vitamin-D-Präparaten sinnvoll.

Mehr zum Thema:

Die neuen D-A-CH-Referenzwerte für Vitamin D
DGE-Stellungnahme "Vitamin D und Prävention ausgewählter chronischer Krankheiten"
Die ernährung heute 04/2011 behandelt Vitamin D als Schwerpunktthema.

Literatur

DGE e.V.: Presseinformation 01/2012 „Neue Referenzwerte für Vitamin D".  http://www.dge.de/pdf/presse/2012/DGE-Pressemeldung-aktuell-01-2012-Vitamin-D.pdf (Zugriff am 10.1.2012).

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