14.06.2009 von Ulrike Keller

Reguliert Sport den Appetit?

Steigert Sport den Appetit? Oder steuert er nicht nur den Energieverbrauch, sondern macht auch Gusto auf ein gesundes Essverhalten? Und wenn ja, welche Mechanismen stecken dahinter?

O-Ton mancher  Bewegungsabstinentler: Vom Sporteln wird man doch erst recht hungrig und schießt in Summe dann über das Energieziel hinaus. Gegenteiliges zeigten Catenacci und Wyatt (2007), die in ihrer Übersichtsstudie eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Bewegung und Gewichtsabnahme bzw. -erhaltung ermittelten. Die Hypothesen dahinter? Erstens erhöht antrainierte Muskelmasse den Grundumsatz, der sich sonst im Gleichschritt mit dem Gewicht reduziert. Zweitens halten sich sportelnde Abnehmwillige häufiger an energiereduzierte Ernährungsweisen. Last but not least: Sport wird für eine verfeinerte Kopplung von Energieaufnahme und –verbrauch verantwortlich gemacht, womit es „automatisch“ zu einer ausgeglicheren Energiebalance kommt. Könnte dahinter eine verbesserte Appetitregulation stecken?

Balanceakt

Die Beziehung zwischen Energieaufnahme und –verbrauch bei verschiedenen Belastungslevels wurde bereits 1956 untersucht: Waren indische Fabriksarbeiter moderaten bis hohen physischen Belastungslevels ausgesetzt, folgte dem gesteigerten Energieverbrauch eine proportional angepasste Energieaufnahme. Die Bewegungsarmen hingegen aßen mehr als sie verbrauchten. Eine spätere Studie bestätigte, dass körperliche Aktivität Menschen sensibler auf die  Energiezufuhr reagieren lässt: Regelmäßig sportelnde Männer passten ihre Energieaufnahme nach einer energiedefinierten Testmahlzeit besser an ihre Bedürfnisse an als die inaktive Kontrollgruppe. Die Ergebnisse lassen demnach vermuten, dass Sport die appetitregulierenden Mechanismen „feintunen“ könnte.

Wissenswert

Um Gewicht nach der Gewichtsabnahme zu halten, ist ein zusätzlicher Energieverbrauch von 10–11 kcal/kg/Tag notwendig. Das entspricht etwa 80 min/Tag moderater Bewegung (schnelleres Gehen, langsames Radfahren, Volleyball) oder 35 min/Tag intensiver Bewegung (Laufen, schnelles Radfahren, Fußball spielen) zu einem sonst inaktiven Lebensstil.

Hormonstatus

Gesagt, untersucht: Besonders beliebte Prüfkandidaten waren Leptin und Ghrelin. Die Resultate waren anfangs ernüchternd: Gesamtghrelin- und Leptinplasmaspiegel wurden durch körperliche Aktivität unter der Erschöpfungsgrenze im Sattzustand nicht bedeutend beeinflusst. Was die meisten Studien unberücksichtigt ließen: Sie erfassten den Gesamtghrelinplasmaspiegel, obwohl nur die acetylierte Form von Ghrelin (AG) appetitanregend wirkt. Deacetyliertes Ghrelin (DG) bedingt eine negative Energiebilanz, indem es konträr zur acetylierten Form die Essensaufnahme reduziert und die Magenentleerung verzögert. Betrachtet man die Plasmaspiegel der Ghrelinbrüder getrennt, zeigt sich, dass diese durch Sport sehr wohl beeinflusst werden, und das zeitabhängig: Je länger die Sporteinheit, desto niedriger das Verhältnis AG/DG und daher desto geringer auch das Hungergefühl.
Wie sich Sport auf die Plasmaspiegel der Sättigungshormone Glucose-Like-Peptide-1 (GLP-1), Pankreaspolypeptid (PP), Polypeptid (YY/PYY) und Cholecystokinin (CKK) auswirkt, wurde ebenfalls erforscht. Festgestellt wurde, dass die postprandialen Plasmaspiegel von GLP-1, PYY und PP nach Sporteinheiten ansteigen: Die Plasmaspiegel wurde für drei Stunden an normalgewichtigen, nicht restriktiv essenden Probanden gemessen. Sie erhielten ein Frühstück mit 500 kcal. Eine Stunde später mussten sie für 60 Minuten in die Pedale treten, mit einer Intensität von 65 % der maximalen Herzfrequenz, also im Bereich der unteren Belastungsgrenze. Während dem Untersuchungszeitraum wurden subjektiver Hunger und Sättigung fortlaufend gemessen. Am Ende (drei Stunden nach dem Frühstück bzw. eine Stunde nach dem Sport), durften sich Probanden an einem Buffet laben. Das Ergebnis: Die Plasmaspiegel von PYY, GLP-1 und PP erhöhten sich in der Sportlergruppe verglichen mit der inaktiven Gruppe deutlich. Das Hungergefühl und der Plasmaspiegel der appetitanregenden Hormone waren hingegen bei den Sportlern nicht erheblich verändert. Trotzdem langten die Sportler beim Buffet bedeutend mehr zu – hatten die Bewegungsmuffel am Ende doch recht?

Wissenswert

Sehr intensive sportliche Betätigung (> 60 % des maximalen Sauerstoffverbrauchs) führt während und kurze Zeit nach dem Sport zur so genannten aktivitätsinduzierten Anorexie: Das Hungergefühl wird unterdrückt.

Kognitive Faktoren ...

... zwischen Theorie und Praxis: Normalgewichtige Frauen ohne gezügeltes Essverhalten, so genannte „Kompensatoren“,  bremsen möglicherweise die positiven Effekte der hormonellen Sättigungsmechanismen aus: Sie sind überzeugt, dass Sport den Hunger erhöht, oder sehen Essen als Belohnung nach dem Sport – und essen daher mehr.  Normalgewichtige Männer, adipöse Frauen und Frauen mit kontrolliertem Essverhalten weisen hingegen eine sportbedingte negative Energiebilanz auf. Natürlich sind auch Studien zu finden, die Gegenteiliges behaupten, dafür sind allerdings zum Großteil methodische Unterschiede verantwortlich. Dazu zählen u. a. Belastungsintensität, das Makronährstoffverhältnis der Testmahlzeit und die Zeit zwischen Sport und Nahrungsaufnahme.

Fazit

Regelmäßiger Sport kann positiv auf die Plasmaspiegel appetitbeeinflussender Hormone und folglich auf die Energiebalance wirken. Entgegen der weitläufigen Meinung führt Sport aber weder zu akuten noch chronischen hormonellen Anpassungen, die für einen vermehrten Hunger nach sportlicher Betätigung verantwortlich sind. Die interindividuellen Schwankungen bei der postsportiven Energieaufnahme scheinen demnach nicht physiologischer, sondern vorrangig psychologischer Natur zu sein. Allerdings stützen sich die meisten Studienergebnisse auf Daten mit normalgewichtigen Personen und sind kurzfristig angelegt. Mehr Langzeitstudien mit übergewichtigen Versuchspersonen sind gefragt, die die Rolle von regulärem Sport auf die Appetitkontrolle ermitteln lassen und das positive Bild von Sport auf die nachhaltige Gewichtskontrolle festigen.

Literatur

Martins C, Morgan L, Truby H: A review of the effects on appetite regulation: an obesity perspective. International Journal of Obesity 99: 1337–1347 (2008).

Martins C, Robertson MD, Morgan LM: Effects of exercise and restrained eating behaviour on appetite control. Proceedings of the Nutrition Society 67: 28–41 (2008).

Blundell JE, Stubbs RJ, Hughes DA, Whybrow S, King NA: Cross talk between physical activity and appetite control: does physical activity stimulate appetite? Proceedings of the Nutrition Society 62: 651–661 (2003).


Catenacci VA, Wyatt HR: The role of physical activity in producing and maintaining weight loss. Nat Clin Endocrinol Metab 3: 518–529 (2007).

Ausblick 8. f.eh Symposium am 10.10.2019
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