08.05.2017 von Nina Grötschl

Schlankheitswahn in der Schwangerschaft

Essstörungen können sich in belastenden Lebensphasen verstärken – besonders, wenn ein Baby unterwegs ist. Da eine Gewichtszunahme während dieser Zeit unausweichlich ist, hungern und kasteien sich werdende Mütter umso mehr. Für das heranwachsende Kind im Bauch ist krankhaftes Essverhalten nicht nur eine psychische Belastung, sondern schadet auch seiner Entwicklung. 

Essgestörte Schwangere empfinden während der Schwangerschaft meist nicht die Freiheit, mit gutem Gewissen zugreifen zu dürfen. Für sie ist diese Zeit häufig ein neunmonatiger Kampf gegen unerwünschte „Babykilos“ – mit schwerwiegenden Folgen für den Nachwuchs.

Wissenswert

Wie viele Frauen in Österreich an einer Essstörung leiden, ist unklar, da es keine Aufzeichnungen dazu gibt. Die Dunkelziffer ist dementsprechend hoch. Schätzungen zufolge erkranken in Österreich ca. 200.000 Frauen einmal in ihrem Leben an einer Essstörung.

Einige Wissenschafter vertreten die Meinung, dass eine Essstörung während der Schwangerschaft primär auf Kosten der Mutter in spe gehe: Osteoporose, Nierenprobleme, Entgleisungen des Elektrolytenhaushaltes, Anämien oder Herzrhythmusstörungen können die Folge sein. Der Gesundheitszustand des Babys im Bauch sei vom krankhaften Essverhalten allerdings nicht betroffen; denn „es hole sich, was es braucht“. Zahlreiche Untersuchungen zeigen jedoch,  dass neben der Gesundheit der werdenden Mutter auch die Entwicklung des Fötus unter Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating leidet. So ist zum Beispiel das Risiko für Entwicklungsverzögerung der kindlichen Organe zweimal so hoch als bei Babys gesunder Schwangerer.

Wissenswert

Folsäure zählt generell zu den kritischen Nährstoffen. Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere müssen durch Supplemente auf ausreichende Versorgung (400 bzw. 550 µg) achten. Denn ein Mangel hat schwerwiegende Folgen: Das Risiko für Fehlbildungen wie Herzfehler, Hasenscharten oder Neuralrohrdefekte ist bei Folsäuremangel doppelt so hoch.

Risikoreicher Start ins Leben

Essgestörte Schwangere laufen Gefahr, dass ihr Baby zu früh geboren wird. Außerdem kommt es bei ihnen häufiger zu Kaiserschnitten. Bei magersüchtigen und bulimischen Gebärenden setzen frühzeitige Wehen oft zweimal so häufig ein als bei Frauen ohne Essstörung. Die Eröffnungsphase der Geburt dauert bei Betroffenen meist kürzer. Kommen die Babies auf die Welt, steht ihr Gesundheitszustand unter besonderer Beobachtung. Vitalzeichen wie Herzschlag,  Atmung, Hautfarbe und Reflexe werden mittels Apgar-Score beurteilt. Acht bis zehn Punkt stehen für „normal“, fünf bis sieben Zähler bedeuten „zu beobachten“, null bis fünf Punkte signalisieren „Wiederbelebung“.  Für Frischgeborene bulimischer Mütter ist die Gefahr eines niedrigen Apgar-Scores (< 5) zweimal so hoch als bei Neugeborenen gesunder Mütter. Das bedeutet, dass bei den Kleinen kein Herzschlag, keine selbstständige Atmung oder Muskeltonus feststellbar ist.

Wissenswert

Magersucht während der Schwangerschaft nennt man „Pregorexie“. Dieser Begriff leitet sich von „prego“ (schwanger) und „Anorexie“ (Magersucht) ab. In Expertenkreisen ist dieses Krankheitsbild relativ neu und bislang noch nicht offiziell als eigenständige Form der Magersucht anerkannt.

Kinder magersüchtiger und bulimischer Mütter wiegen bei der Geburt durchschnittlich um ca. ein halbes Kilogramm weniger als jene von normal essenden Müttern. Leidet die werdende Mutter unter Binge-Eating, sind die Neugeborenen im Verhältnis zur Schwangerschaftsdauer oft sehr groß oder schwer. Das Risiko dafür ist bei ihnen viermal so hoch. Grundsätzlich sind Babys von Müttern, die an Essanfällen leiden, um ca. 300 g schwerer. Das liegt daran, dass die Betroffenen trotz Essstörung durchschnittlich mehr wiegen als Magersüchtige oder Bulimikerinnen. Auch in der Schwangerschaft nehmen sie vergleichsweise mehr Gewicht zu. Essanfälle erhöhen zudem das mütterliche Risiko für Bluthochdruck während der Schwangerschaft um das Zwölffache und auch Schwangerschaftsdiabetes tritt bei Betroffenen häufiger auf. Generell leiden essgestörte Mütter dreimal so oft an Wochenbettdepressionen als nicht Betroffenen. Auch Stillprobleme und frühzeitiges Abstillen werden bei Frauen mit krankhaftem Essverhalten häufiger beobachtet.

Desorganisation am Familientisch
Beginnen die Kleinen mitzuessen, halten sich essgestörte Mütter häufig abseits und vermeiden gemeinsame Mahlzeiten. Zudem bestärken sie ihre Kinder seltener, neue Speisen auszuprobieren. Die Beschäftigung mit dem eigenen Gewicht kann auch auf den Nachwuchs übertragen werden. Damit die Kinder nicht zu viel Gewicht zulegen, werden sie häufig schon im (Klein)Kindalter beim Essen gemaßregelt. Magersucht, Bulimie oder Essanfälle der Mutter gelten daher als Risikofaktoren für die Entwicklung abnormalen Essverhaltens bei Kindern. 

Feingefühl gefragt

Werdende Mütter versuchen meist, ihre Essstörung aus Schuldgefühlen geheim zu halten. Daher gilt es, krankhaftes Essverhalten bei Schwangeren so früh wie möglich aufzuspüren und zu behandeln. Schwerwiegenden Folgen für das Ungeborene und die spätere Mutter-Kind-Beziehung können so möglicherweise vorgebeugt werden. Eine Schlüsselrolle kommt hier den Frauenärzten und Hebammen zu, da sie werdende Mütter über die gesamte Dauer der Schwangerschaft begleiten. Psychologen und Gynäkologen pochen darauf, Screeningsmaßnahmen bereits während der Frühschwangerschaft zu verstärken und zu verbessern. Dabei soll besonderes Augenmerk auf folgende Faktoren gelegt werden:

  • Zufriedenheit der Patientinnen mit dem eigenen Körpergewicht,
  • vorangegangene Zyklusstörungen,
  • vermehrtes Erbrechen während der Schwangerschaft,
  • geringe Gewichtszunahme während der Schwangerschaft.

Erfahren Sie hier mehr über kompetente Hilfestellung, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen bei Essstörungen.

Mehr Informationen rund um Essstörungen finden Sie unter folgenden Artikeln:
Essstörung – kompetente Hilfe gefragt
Hungern nach Erfolg und Anerkennung
Magersucht bei reifen Frauen – ein Tabuthema?

 

Literatur

Linna et. Al: Pregnancy, obestric, and perinata health outcomes in eating disorders. American Journ. Of Obestric & Gynecology, 10. 392.e1-392.e8 (2014).

Langer M: Essstörungen – ein aktuelles Problem für Gynäkologie und Geburtshilfe. J Gynäkologie, 19: 1-10 (2009).

Wiener Initiative gegen Essstörungen: Schwangerschaft – Unterschätztes Problem Essstörungen. Presseinformation am 13.07.2010. 

 

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