19.08.2008 von Mag. Petra Borota-Buranich

Soup-Kultur gegen Erkältung

Wenn der Hals kratzt und die Nase rinnt, tut Hühnersuppe gut. Wer aber glaubt, dass Großmutters Rezept nur Aberglaube ist, wird durch wissenschaftliche Studien eines Besseren belehrt.

Hühnersuppe wurde bereits im 12. Jahrhundert vom jüdischen Gelehrten Moshe ben Maimon als Medizin gegen Erkältung der oberen Atemwege beschrieben. Er wiederum basierte seine Erkenntnisse auf der klassischen griechischen Lehre. In der jüdischen Tradition ist Hühnersuppe gegen Erkältungen so weit verbreitet, dass sie in den USA schwerzhaft auch als „Jewish penicillin“ bezeichnet wird. Die chinesische Medizin kennt Hühnersuppe nicht nur bei grippalen Infekten, sondern vor allem zur Stärkung der Frauen nach der Geburt. Was ist dran an der „Hühnersuppen-Erfolgsstory“?

Abwehrsystem auf Hochtouren

Erkältungen oder grippale Infekte gehen meist mit Husten, Schnupfen, leichtem Fieber und Angeschlagenheit einher. Der grippale Infekt verläuft meist recht mild und kurz und ist nicht mit der „echten“ Grippe zu verwechseln. Im Laufe des Jahres kommt im Durchschnitt jeder Mensch auf drei Erkältungen, Kinder sind sogar bis zu zehn Mal erkältet. Warum kommt es zu den unangenehmen Symptomen? Gelangen Erkältungsviren in die Nase und Bronchien, wird das körpereigene Abwehrsystem alarmiert: Schleimhäute werden stärker durchblutet und es wird vermehrt Sekret abgesondert, um die Fremdkörper herauszuschleusen. Der Körper hilft sich mit Schnupfen und Husten. Weiters verursachen neutrophile Granulozyten Entzündungen der Schleimhäute, wodurch diese anschwellen. Da gegen die verursachenden Erkältungsviren Arzneimittel unwirksam sind, spielen Hausmittel bei der Behandlung seit jeher eine wichtige Rolle: Ruhe, Wärme und genügend Flüssigkeitszufuhr sind die Grundlage.

Wissenswert

Neutrophile Granulozyten sind bestimmte Arten der weißen Blutkörperchen. Sie sind maßgeblich bei der Immunabwehr beteiligt, können dabei jedoch selbst entzündungshemmende Stoffe freisetzen. Bei Virusinfektionen werden sie in großen Mengen produziert und lösen Entzündungen und Schwellungen der oberen Atemwege aus.

Lässt die Nase rinnen, hemmt Entzündungen

Die ersten Anzeichen einer Erkältung sind meist trockene Schleimhäute und eine verstopfte Nase. Dies verhindert, dass Sekrete abfließen bzw. abgehustet werden können. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr hält die Schleimhäute feucht und löst den Schleim. Dadurch werden die Krankheitserreger aus dem Körper gespült. In Untersuchungen konnte der schluckweise Verzehr von heißer Hühnersuppe den Abfluss der Nasensekrete stärker erhöhen als heißes oder kaltes Wasser. Die ForscherInnen vermuten, dass bestimmte Aromastoffe diesen zusätzlichen positiven Effekt auslösen.
Eine amerikanische Studie untersuchte die Wirkung von Hühnersuppe an Zellkulturen. Das Ergebnis: Hühnersuppe schränkt die Bewegung von neutrophilen Granulozyten ein, wodurch sie kaum Entzündungen der Atemwege auslösen können. Die entzündungshemmende Wirkung wurde sowohl bei hausgemachter Hühnersuppe als auch bei verschiedenen Fertigsuppen beobachtet – abhängig von der Konzentration der Inhaltsstoffe. Welche Bestandteile der Hühnersuppe im Speziellen für die heilsamen Kräfte verantwortlich sind, ist derzeit allerdings noch unklar. Die einzelnen Suppenbestandteile wie Hühnerfleisch und Gemüse zeigten jedenfalls unabhängig von einander ebenso eine entzündungshemmende Wirkung. Denn das verwendete Gemüse in der Hühnersuppe wie z. B. Lauch, Sellerie, Petersilienwurzel und Karotten ist für eine Vielzahl an wirksamen Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen bekannt. Im Hühnerfleisch steckt der Eiweißstoff Cystein, der entzündungshemmend und abschwellend auf die Nasenschleimhäute wirkt. Zusätzlich enthält Hühnerfleisch beträchtliche Mengen an Zink – und zwar gebunden an das Eiweiß Histidin. Durch die Kombination soll das bei Infekten hilfreiche Zink besonders gut resorbierbar sein. Der Zinkgehalt von Hühnerfleisch liegt allerdings deutlich unter dem von Rindfleisch. Zur Abwechslung kann daher wahrscheinlich auch eine kräftige Rindsbouillon (Alt Wiener Suppentopf), wenn auch noch nicht wissenschaftlich bestätigt, die Lebensgeister wieder wecken.

Heilende Temperatur

Schnupfenviren fühlen sich bei Temperaturen unter 37 °C am wohlsten. Fieber ist im Zusammenhang mit viralen Infektionen in der Regel eine sinnvolle Reaktion des Körpers, da sich Virennicht mehr reproduzieren, wenn ihnen zu heiß wird. Die Dämpfe der heißen Hühnersuppe erhöhen die Temperatur der Atemwege zwar nur leicht, das ist aber ausreichend, um die Viren an Ihrer Vermehrung zu hindern. Heiße Hühnersuppe sollte daher öfter am Tag langsam genossen werden.

Wohlfühlfaktor

Da die psychische Verfassung bei der Genesung auch eine große Rolle spielt, schließen WissenschafterInnen die Wirksamkeit des so genannten TLC-Faktors nicht aus. TLC steht für „Tender Loving Care“ – also für sanfte, liebevolle Fürsorge. Schon der Duft erinnert viele Menschen an die liebevoll zubereitete und servierte Hühnersuppe aus der Kindheit. Wenn sich die Seele wohlfühlt, ist das Immunsystem doppelt gestärkt.

Fazit

Wissenschaftliche Studien gingen dem lindernden Effekt der Hühnersuppe auf den Grund. Es zeigte sich, dass Hühnersuppe Entzündungsprozesse hemmte und Symptome eines grippalen Infektes erleichterte. Außerdem verflüssigte der Genuss von Hühnersuppe stärker als andere heiße Flüssigkeiten die Nasensekrete. Auf welche genauen Inhaltsstoffe die Wirkung zurückzuführen ist, konnte nicht eruiert werden. Wahrscheinlich ist auch eine gewisse Portion Placebo-Effekt beteiligt. Klar ist aber, dass bei Komplikationen oder hohem Fieber ein grippaler Infekt in ärztliche Hände gehört.

Rezept für Hühnerbrühe

  • 1 Suppenhuhn mit Innereien
  • Salz
  • 1 l Wasser
  • 1 Petersilienwurzel
  • 50 g Sellerie
  • 50 g Lauch
  • 100 g Karotten
  • Petersilie, Schnittlauch

Suppenhuhn und Innereien waschen. Mit Salz und kaltem Wasser aufsetzen und zum Kochen bringen. 1–2 Stunden köcheln lassen, zehn Minuten in der Nachwärme fertig garen. Petersilienwurzel und Karotten putzen, waschen und nach der halben Gardauer zufügen. Huhn herausnehmen, Brühe durch ein Sieb gießen und wieder in den Kochtopf geben. Huhn häuten, zerlegen, Knochen herauslösen, Fleisch klein schneiden und in die Brühe geben. Brühe erhitzen und abschmecken. Mit gehackten Kräutern bestreuen.
Wer die entzündungshemmende und wärmende Wirkung von Hühnersuppe noch steigern möchte, kann sie zusätzlich mit Chillis oder frischem Ingwer würzen.



Literatur

Bender BS: The Scientific Basis of Folk Remedies for Colds and Flu. Chest 118: 887–888 (2000).

Rennard BO, Ertl RF, Gossmann GL, Robbins RA, Rennard SI: Chicken soup inhibits neutrophil chemotaxis in vitro. Chest 118: 
1150–1157 (2000).

Saketkhoo K, Januszkiewicz A, Sackner MA: Effects of drinking hot water, cold water, and chicken soup on nasal mucus velocity and nasal airflow resistance. Chest 74: 408–10 (1978).

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