28.03.2018 von Lisa Strebinger

Spannenlanger Hansl oder Nudeldicke Dirn?

Essstörungen treten nicht nur bei Teenagern und Erwachsenen auf, sondern wurzeln in vielen Fällen bereits im Kindesalter. Zeigen Babys oder Kleinkinder abnormes Essverhalten, spricht man von sogenannten Fütterstörungen. Ab dem Volksschulalter ist von tatsächlichen Essstörungen die Rede. Welche gibt es, wie erkennt man sie und was kann man dagegen tun?

Etwa jeder dritte 8-jährige Bub ist übergewichtig oder adipös. Bei den gleichaltrigen Mädchen ist es jedes Vierte (Osten Österreichs), bzw. Fünfte (Westen und Süden Österreichs). Auf der anderen Seite gibt es auch untergewichtige Kinder, wenngleich auch deutlich weniger. Laut Österreichischem Frauengesundheitsbericht sind vor allem junge Mädchen ab elf Jahren von Essstörungen betroffen. Etwa 4 % der 7-14-jährigen Kinder sind untergewichtig, Mädchen sind häufiger betroffen, als Burschen. Bei dieser Altersklasse wird jedoch die Dunkelziffer als hoch eingeschätzt, denn insgesamt liegen zu wenige Daten aus Untersuchungen vor. Bereits bei Kindern werden Essstörungen in fünf Kategorien eingeteilt. Diese gleichen jenen, die auch für Erwachsene gelten:

  • Magersucht (Anorexie),
  • Ess-Brech-Sucht (Bulimie),
  • Störung mit übermäßigen Essanfällen (Binge-Eating),
  • Fettsucht (Adipositas),
  • krankhaft gesundes Essen (Orthorexie)

Lesen Sie hier mehr über Definitionen der charakteristischen Essstörungen.

Viele Gründe stecken dahinter

Die Ursachen für Essstörungen sind facettenreich und keinesfalls steckt nur ein Grund dahinter. Neben biologischen und genetischen Faktoren spielt eindeutig das soziale Umfeld eine Rolle. Kinder neigen eher dazu an einer Essstörung zu erkranken, wenn sie unter einem mangelndem Selbstwertgefühl leiden, eine hohe Disziplin an den Tag legen müssen, stets dem Traum nach Perfektion hinterherjagen oder den Erwartungen ihrer Eltern gerecht werden wollen.
Mitverantwortlich für den Anstieg der Essstörungen ist mit Sicherheit die Einstellung unserer Gesellschaft und ihr lebensfremdes Schönheitsideal, das uns täglich begegnet. Will heißen: Egal wo man hinblickt, ob es eine Zeitschrift ist, eine TV-Sendung oder Kinderspielzeug – der vermeintlich perfekte Körper ist allgegenwärtig. Sogar die neumodische, 3D-animierte Biene Maja und ihr Freund Willi haben statt rundlichem Brummkörper nun mehr eine Wespentaille und lange Beine. Barbie und ihr Traummann Ken haben seit jeher utopische Körpermaße, die so in der realen Welt niemals existieren. Bereits die Allerkleinsten bekommen schon mit: schlank = schön = gesund = erfolgreich. Oft legen Eltern selbst sehr viel Wert auf ihr Äußeres  und erwarten das ebenso von ihren Kindern. Die Sprösslinge wollen daher mit Zwang „schön schlank“ sein, um Mama und Papa zu gefallen.

Andererseits unterstehen die Kleinen zu Hause oft vielen Regeln. Die Ernährung ist letztlich das Einzige, das ihnen bleibt, worüber sie selbst entscheiden können. Sie sind sozusagen Herrscher über ihren eigenen Körper, entscheiden wie viel sie essen können, wollen und dürfen. Oftmals spendet das Zu-viel-Essen aber auch Trost oder gibt umgekehrt den Kindern die Möglichkeit, sich selbst zu bestrafen, ganz nach dem Motto: „Ich verdiene es nicht geliebt zu werden und wenn ich dick bin, dann liebt mich bestimmt niemand!“ Weiters kann eine zu geringe Nahrungsaufnahme als Form von Selbstgeißelung betrachtet werden, da man sich hier verbietet satt zu sein. Gleichzeitig kann das dadurch entstehende Hungergefühl dem Betroffenen die Chance geben, überhaupt etwas zu empfinden. Oft geht das mit depressiven Verstimmungen einher die generell Gefühle nur bedingt zulässt. Aber genauso können schwere Lebenseinschnitte ein Auslöser sein, wie die Scheidung der Eltern, ein Todesfall, Hänseleien in der Schule, Gewalt in der Familie oder sexueller Missbrauch.

Warnsignale frühzeitig erkennen

Erkrankt ein Kind an einer Essstörung, ist diese zu Beginn oft nur leicht ausgeprägt. Mit der Zeit kann sie jedoch schwere Ausmaße annehmen. Neben einem deutlich sichtbaren gestörten Essverhalten (viel, wenig oder nichts essen), nehmen die Kinder in kürzester Zeit viel an Gewicht zu oder ab. Sie wirken häufig nervös, sind leicht reizbar, neigen zu Perfektionismus oder isolieren sich zunehmend von ihren Freunden und Verwandten. Oftmals wird Essen in der Gemeinschaft als schamhaft empfunden und vermieden. Gerne werden Lebensmittel im eigenen Zimmer versteckt und gehortet. Häufig verstricken sich die Kinder in seltsame, immer wiederkehrende Ausreden und Lügen, wie „ich habe meine Jause versehentlich zu Hause vergessen“ oder „ich habe bereits in der Schule etwas zu Mittag gegessen“ oder „ich habe die Schokolade und die Chips nicht gegessen, das muss mein Bruder gewesen sein“.

Schwerwiegende Folgen

Da der kindliche Körper stets im Wachstum ist und zahlreiche physiologische und psychologische Entwicklungsprozesse durchlebt, kann eine Über- oder Unterernährung rasch zu dramatischen körperlichen Folgeerkrankungen führen. Adipöse Kinder klagen bald über Gelenksschmerzen. Sie haben meist eine zu gering ausgebildete Muskulatur, neigen zu Bluthochdruck und ihr Risiko für Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen steigt. Kinder, die zu wenig essen, sind mit Nährstoffen unterversorgt und bleiben oft in ihrer Entwicklung zurück. Sie sind lethargisch, können sich in der Schule nicht konzentrieren und kommen später in die Pubertät als ihre Klassenkollegen. Zudem gehen Essstörungen mehrfach mit anderen psychischen Erkrankungen Hand in Hand. Zu diesen zählen: Depressionen, Angststörungen, Suchtmittelmissbrauch, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Zwangsstörungen, selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität. Anorexie oder Bulimie können im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Problem erkennen und handeln

Vermutet man als Mutter oder Vater bei seinem Sprössling eine Essstörung, ist es unumgänglich die Sache anzusprechen. Dabei ist es wichtig, über die eigenen Gefühlen und Sorgen zu reden. Es hilft ruhig zu bleiben, dem Kind keine Vorwürfe zu machen und am besten die Themen „Figur“ oder „Abnehmen“ auszusparen. Auf Diskussionen und Streitgespräche nicht eingehen, selbst, wenn der Sprössling mit scheinbar guten Argumenten alles abzustreiten versucht und aggressiv reagiert.
Eine Essstörung ist keine Phase, die man als Eltern alleine schon irgendwie wieder in den Griff bekommen wird. Das Aufsuchen einer Beratungsstelle und eines entsprechenden Arztes ist daher in den meisten Fällen unabdingbar. Auch wenn sich das Kind anfänglich sträubt, gelingt dieser Schritt häufig mittels einfühlsamer Gespräche und Bitten. Wichtig ist: Je früher man reagiert, desto eher nimmt das Kind die Therapie von sich aus an. Je länger sich das Kind in der Teufelsspirale der Krankheit befindet, umso schwieriger wird es werden, sich diese einzugestehen und sich behandeln zu lassen.

Bestehen Selbstmordgedanken oder akute Unterernährung dann wird eine Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik von Nöten sein, um das Kind vor sich selbst zu schützen. Ist dies nicht der Fall, entscheidet der jeweils behandelnde Arzt darüber, ob eine ambulante oder stationäre Behandlung zu empfehlen ist und wie diese im Konkreten ablaufen wird. Diese ist jedenfalls stets ein Zusammenspiel aus Medizinern unterschiedlicher Fachrichtungen (z.B. Internisten, Psychiater, Kinderärzte), Ernährungsberater und Psychologen. Neben immer wieder kehrenden medizinischen Kontrollen (Gewichtszunahme, Blutbild, EKG, etc.) lernen die Kinder in Therapiesitzungen mit Ernährungsberatern und Psychologen ein gesundes Selbstbild zu erlangen und richtig zu essen.

Lernen damit umzugehen

Oberstes Ziel ist, ein normales Essverhalten und Gewicht zu erreichen. Erst dann kann von einer erfolgreichen Therapie gesprochen werden. Geheilt sind die Betroffenen vermutlich niemals. Denn während Raucher oder Alkoholkranke ihre Sucht komplett aus ihren Leben verbannen können, ist es nicht möglich, niemals wieder zu essen. Aus diesem Grund ist es schwer, sich von einer Essstörung zu erholen. Essen, Essverhalten, Selbstbild und der Umgang damit, begleiten Betroffene ein Leben lang.

Wie ist das kindliche Körpergewicht einzustufen?

Anders als beim BMI für Erwachsene werden bei den Kindern das Alter, das Geschlecht und die Körpergröße zur Berechnung berücksichtigt. Der errechnete Zahlenwert wird dann in sogenannte Wachstumskurven (Perzentilenkurven) eingetragen. Hier können die Werte des Kindes mit den Normwerten für Alter und Geschlecht verglichen werden. Als Beispiel: Ein 145 cm großer, 10-Jähriger Junge mit einem Gewicht von 35 kg hat einen BMI von 16,7 und ist somit normalgewichtig (P50).

Eine Auflistung an Beratungsstellen finden Sie hier.

Buchtipps:

Lobner K, Gruber M:
Salamitaktik zum Wohlfühlgewicht – Ratgeber für Abnehmwillige,
forum. ernährung heute (2012),
78 Seiten, brochiert.
Zu beziehen über den f.eh-Online Shop.

Freudiger A:
Eine Tütü-Torte für Elise: Kindern Magersucht erklären,
Balance Buch + Medien Verlag (2013),
30 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3867390842
Preis: € 14,99

Munsch S, Schlup B, Biedert E:
Binge Eating bei Kindern: Behandlungsempfehlungen,
Beltz Verlag (2009),
108 Seiten, gebunden.
ISBN: 978-3621276719
Preis: € 19,50

Bryant-Waugh R, Lask B:
Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Rat und Hilfe für Eltern,
Huber Verlag (2008),
192 Seiten, Taschenbuch.
ISBN: 978-3456845166
Preis: € 19,95

 

Literatur

Fachstelle NÖ: Basiswissen Sucht und Suchtprävention: fachstelle.transform.at/wp-content/uploads/woocommerce_uploads/2017/03/BW_SuchtInZahlen.pdf (Zugriff am 20.3.2018)


Bundeszentral e für gesundheitliche Aufklärung: essgestört? übergewichtig?
www.bzga-essstoerungen.de/fileadmin/user_upload/medien/broschueren/Hilfe_essgestoert.pdf (Zugriff am 21.3.2018)


ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen: Was sind Essstörungen?
www.anad.de/essstoerungen/ (Zugriff am 21.3.2018)


intakt: Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen:
www.intakt.at/?cid=link6&detail=2 (Zugriff am 21.3.2018)


Österreichisches Institut für Kinderrechte und Elternbildung: Essverhalten und Körperbewusstsein bei 8-14-Jährigen


Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF): Childhood Obesity Surveillance Initiative (COSI) Bericht Österreich 2017
www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/8/3/3/CH1048/CMS1509621215790/cosi_2017_20171019.pdf (Zugriff am 27.3.2018)


Bundesministerium für Gesundheit: Österreichischer Kinder- und Jugendgesundheitsbericht.
www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/1/9/7/CH1357/CMS1453376559886/kinderjugendgesundheitsbericht.pdf (Zugriff am 28.3.2018)


Bundesministerium für Gesundheit: Österreichischer Frauengesundheitsbericht 2010/2011
www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/1/6/5/CH1572/CMS1466495497539/frauengesundheitsbericht_kurzfassung.pdf (Zugriff am 28.3.2018)

 

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