07.06.2018 von Sabine Nußbaumer

Stillen am Arbeitsplatz

Der Wiedereintritt ins Berufsleben ist nicht nur mit finanziellen Überlegungen und Karrieresorgen verbunden. Denn neben den organisatorischen Problemen der Kinderbetreuung drehen sich die Gedanken stillender Mütter auch um grundlegende Fragen: Abpumpen, Abstillen oder gar Stillen am Arbeitsplatz? Eventuell macht ein Umstieg auf Säuglingsnahrung alles einfacher?

Muttermilch ist die ausgewogenste Babynahrung. Sie passt sich den individuellen Bedürfnissen des Kindes an und versorgt es neben Wasser, Nährstoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen auch mit Verdauungsenzymen, Immunabwehrstoffen und Wachstumshormonen. Zudem ist sie rund um die Uhr optimal temperiert und kostenlos verfügbar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt ausschließliches Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten. Trotz der vielen Vorteile: Nicht jede Mutter kann und keine Mutter muss stillen! Mit Unterstützung und Stillberatung ist es während des achtwöchigen Mutterschutzes nach der Geburt möglich, eine adäquate Milchmenge aufzubauen. Um den Milchfluss aufrecht zu erhalten, wird zu Beginn der Stillzeit empfohlen alle zwei bis drei Stunden zu stillen oder abzupumpen. Die Zeiten erweitern sich, wenn das Baby älter wird.

Wissenswert

In Österreich wird etwa jedes zweite Baby unter sechs Monaten gestillt. Damit liegt Österreich über dem weltweiten Durchschnitt von 40 %. Mit dem Ziel die Stillrate zu erhöhen, laufen weltweit Studien und Projekte. Einerseits soll erforscht werden, warum nicht gestillt wird, andererseits sollen die Gründe stillender Mütter für vorzeitiges Abstillen herausgefunden werden. Ein Projekt ist die von der WHO und der UNICEF gegründete Baby-friendly Hospital Initiative (BFHI). Dabei geht es darum, das Geburtserlebnis positiv zu gestalten und Mütter aktiv beim Stillen zu unterstützen. Derzeit gibt es in Österreich 16 als „Baby-friendly“ zertifizierte Krankenhäuser.

Mit etwa sechs Monaten zeigen Kinder dann je nach Entwicklungsstand erstes Interesse an Lebensmitteln. Laut den österreichischen Stillempfehlungen ist das auch der ideale Zeitpunkt, mit der Beikost zu beginnen (zwischen der 17. und 26. Woche, mehr zur Beikost lesen Sie hier). So lange Mutter und Kind es möchten, kann über den sechsten Lebensmonat hinaus gestillt werden.

Stillen, Arbeiten und das Gesetz

Studien zeigen, dass sich Stillen und Beruf erfolgreicher kombinieren lassen, wenn vor dem Arbeitsantritt bereits eine gute Stillroutine zwischen Mutter und Kind besteht.
Baby‘s Recht auf Muttermilch wird in Österreich auch gesetzlich geregelt. Im Mutterschutzgesetz ist ein Anspruch auf Stillzeiten verankert. Damit soll Müttern die Rückkehr ins Berufsleben erleichtert werden. Der gesetzliche Rahmen sieht für arbeitende Mütter ab einer Tagesarbeitszeit von über viereinhalb Stunden, eine Dreiviertelstunde pro Tag als Stillpause vor. Alternativ kann diese Zeit auch zum Abpumpen verwendet werden. Bei Tagesarbeitszeiten über acht Stunden verdoppelt sich die Pausenzeit. Diese 90 Minuten können geteilt oder am Stück konsumiert werden. Die Stillpausen unterliegen keiner Altersbegrenzung des Kindes und die Stillpausen sind bezahlte Arbeitszeit.
Stillende Mütter können die Stillpausen außerhalb des Betriebes verbringen. Die Stillzeit kann auch an den Beginn oder das Ende des Arbeitstages gelegt werden. Bei Bedarf sollte im Betrieb ein ruhiger Raum mit bequemer Sitzmöglichkeit gefunden werden. Die Toilette ist aus Hygienegründen ungeeignet. Das Zimmer sollte jedoch verschließbar sein oder es sollte zumindest ein Schild mit „Bitte nicht stören, hier wird gestillt“ an der Türe hängen. Eine Mehrfachnutzung des Stillzimmers ist möglich. Entscheidet sich die Mutter fürs Abpumpen, so erleichtern eine entspannende Musik und ein Foto oder Video des Baby’s den Milchfluss. Eine Waschgelegenheit in der Nähe sowie eine Aufbewahrungsmöglichkeit für das Zubehör zum Abpumpen und ein Kühlschrank für die Muttermilch machen das Abpumpen darüber hinaus praktikabler.

Stillen im Job: wenige reden darüber

Wenn Mütter ein stillfreundliches Betriebsumfeld vorfinden, schließen sich Berufstätigkeit und Stillen nicht aus. Entscheidet sich eine Mutter nach der Karenz weiter zu stillen, sollte sie im Vorfeld mit ihrem Arbeitgeber darüber sprechen. Die mündliche und formlose Ankündigung reicht meist aus, er darf aber auch eine schriftliche Stillbestätigung des Gynäkologen verlangen. Für ein konfliktfreies Stillen am Arbeitsplatz ist es sinnvoll, sich vor dem Gespräch mit dem Arbeitgeber realistische Möglichkeiten für die Umsetzung der Stillpausen zu überlegen. Besprechen Sie auch, ob individuelle Arbeitszeitmodelle in Form von flexiblen Arbeitszeiten, Homeoffice, Jobsharing und ähnliches in Betracht kommen.
Vor dem ersten Arbeitstag gibt es somit räumliche und organisatorische Herausforderungen zu bewältigen. In Büroräumlichkeiten wird ein geeigneter Raum leicht zu finden sein. Im Außendienst, in Werkstätten, in der Gastronomie, im Einzelhandel, bei Schichtarbeit, in Pflege- und Betreuungsberufen, bei Berufskraftfahrerinnen, bei Pilotinnen sowie Zug- und Flugbegleiterinnen gestaltet sich die Suche nach einem Raum bzw. das Einhalten zusätzlicher Pausen als schwierig bis unmöglich. Manchmal bleibt den Müttern nur, erst nach dem Abstillen wieder in ihren Beruf zurückzukehren.

Wissenswert


Für Schwangere und stillende Mütter gilt übrigens gleichermaßen: Sie dürfen keine schweren Lasten heben oder tragen, mit Ausnahme einzelner Branchen nicht in der Nacht sowie nicht an Sonn- oder Feiertagen arbeiten und keine Überstunden machen.

 

Tipps für stillende Mütter für den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben:

  • Informieren Sie Ihren Arbeitgeber rechtzeitig über Ihre Stillabsichten.
  • Ziehen Sie für die Kinderbetreuung eine Tagesmutter oder eine Kindertagesstätte in Arbeitsplatznähe in Betracht, dadurch können Sie die Stillpausen mit Ihrem Baby verbringen.
  • Bedenken Sie bei der Kleiderauswahl das Stillen oder Abpumpen. Wechselkleidung am Arbeitsplatz für den Notfall ist empfehlenswert.
  • Holen Sie sich Unterstützung von einer professionellen Stillberatungsstelle.
  • Planen Sie vor und beginnen Sie schon zwei Wochen vor Arbeitsantritt mit dem Abpumpen und frieren einen Vorrat ein.
  • Planen Sie realistische Stillpausen, in den ersten Monaten sollte alle drei bis vier Stunden angelegt oder abgepumpt werden, um einen schmerzhaften Milchstau zu vermeiden.
  • Beachten Sie beim Abpumpen die Hygiene!
  • Bedenken Sie auch die begrenzte Haltbarkeit von Muttermilch:
    3 – 4 Stunden bei Zimmertemperatur (16 bis 29 °C)
    72 Stunden im Kühlschrank (≤ 4 °C)
    6 Monate im Gefrierschrank (< -17 °C)

 

Lesen Sie mehr über die Vorteile des Stillens für Mutter und Kind aber auch über die Stolpersteine in der Anfangsphase hier.

Weiterführende Links und Informationen finden Sie in der Rubrik Schwangere und Stillende sowie in der ernährung heute 3/2014.

Der Verband der Still- und Laktationsberater Österreich unterstützt bei Stillproblemen: https://www.stillen.at/

 

Literatur

Empfehlung der Nationalen Ernährungskommission: Österreichische Stillempfehlungen 2014 (Abgerufen am 6.6.2018)

Österreichische Argentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF) und Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger: Richtig essen von Anfang an! Baby’s erstes Löffelchen (2017)

Bundeskanzleramt, Beitrag auf help.gv.at: Beschäftigungsverbote in der Stillzeit (Abgerufen am 6.6.2018)

Nutricia-Forum für Muttermilchforschung: Stillen und Beruf (2016) (Abgerufen am 5.6.2018)



 

 

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