19.01.2016 von Marlies Gruber

Süße Getränke: eine Gewohnheit mit Ablaufdatum?

Hochrechnungen lassen aufhorchen: weniger süße Limonaden sollen Übergewicht und Adipositas in Schach halten. Wie effektiv ist eine Adaption tatsächlich und stammen die überschüssigen Kilos bloß von den Getränken?

Ein Minus von 40 % Zucker in Limonaden und Fruchtsäften über fünf Jahre soll zu einer im Durchschnitt um 38 kcal geringeren Energieaufnahme pro Tag führen. Das prognostizieren die britischen Wissenschafter Yuan Ma und Kollegen in einer Modellrechnung, die Anfang des Jahres im Lancet veröffentlicht wurde. Sie meinen, damit einen Stein der Weisen in der Übergewichtsproblematik gefunden zu haben.  Sicherlich, das Thema ist brisant und gesundheitspolitisch darf ihm hohe Relevanz zugeschrieben werden.

So werden bis 2035 rund 700 000 neue und durch Übergewicht bedingte Krebsfälle prognostiziert. Weltweit wurde erstmals die 4-Millionnen-Grenze bei den Diabetesfällen überschritten, in den vergangenen zehn Jahren nahm die Zahl der Diabetiker um 65 % zu. Die Zusammenhänge mit massivem Übergewicht sind bekannt und die Entwicklungen überraschen kaum. Die Prävention und Therapie von Adipositas steht zwar in vielen Ländern auf der gesundheitspolitischen Agenda, allerdings mit geringer Erfolgsquote. Daher häufen sich auch die Vorschläge für Sonder-Steuern auf süße oder fette Lebensmittel und jene für eine Änderung von Rezepturen.

Selbstverständlich gehören alle Möglichkeiten für effektive Lösungen ausgelotet. Dass süße Getränke ein Ansatzpunkt sein können, ist nicht abwegig. Auch die DGE kam in ihrer evidenzbasierten Leitlinie für Kohlenhydrate zu dem Ergebnis, dass zuckergesüßte Getränke wahrscheinlich einen Beitrag zur Entstehung von Übergewicht leisten. Überzeugend ist die Datenlage dafür aber nicht.

Könnte das „Entsüßen“ dennoch etwas bringen? Immerhin: Damit ginge ein Verlust von rund 1,2 kg Körpergewicht nach fünf Jahren einher – im Durchschnitt. Und auch nur, wenn bei den Fruchtsäften der Zuckergehalt ebenfalls nach unten geschraubt wird. Das könnte schon bei der Produktion problematisch werden. Werden nur Soft Drinks gerechnet, fällt das Ergebnis mit einem Minus von 0,9 kg Körpergewicht pro Person noch magerer aus. Bei Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Personen mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status wird der Effekt höher bewertet. Kein Wunder, sie zählen auch zu den „Heavy Usern“. Für den Einzelnen bleibt der Effekt so oder so überschaubar, auf Bevölkerungsebne würde sich den Hochrechnungen zufolge die Zahl der Übergewichtigen um 0,7-1 Prozentpunkte (von 35,5 %) reduzieren, jene der Adipösen um 1,7-2,1 Prozentpunkte (von 27,8 %). Das sind keine ganz großen Hebel.

Sieht man sich den Beitrag von Limonaden zur Energieaufnahme in Österreich an, schaut die Lage nochmal etwas anders aus. Im Durchschnitt trinken Frauen 86 ml und Männer 190 ml täglich. Damit nehmen Frauen 32 kcal pro Tag über Soft Drinks auf, Männer 72 kcal.  Das sind bescheidene 1,6  bzw. 3,6 % der gesamten Tagesenergieaufnahme. Mit Verlaub: Die werden es nicht sein… 

Ziel einer großflächigen Zuckerreduktion ist auch, die Wahrnehmung von Süß nach unten zu korrigieren. Deswegen soll eine Zuckerreduktion auch nicht durch Süßstoffe kompensiert werden. Doch können weniger süße Limonaden das grundsätzliche Süß-Empfinden eklatant verändern? Sind sie der Hauptlieferant für „Süß“? Und lässt sich damit eine breite Masse den Gaumen umdrehen? So wie das bei Salz mit dem Grundnahrungsmittel Brot versucht wurde? Das ist nicht zu erwarten. Sinn macht also eher eine breite Auswahl an Geschmäckern und Süßstufen, damit jeder seinen Vorlieben entsprechend und situationsspezifisch wählen kann.

Multikausales Geschehen

Ganz generell: Übergewicht und Adipositas resultieren aus einem Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und –verbrauch und entstehen aufgrund einer Reihe von Einflüssen. Dazu zählen genetische Faktoren, Stoffwechselprogrammierung, Stress, Schlafverhalten, sozio-ökonomische Gegebenheiten ebenso wie die Umwelt, der gesellschaftliche Wandel und das Lebensmittelangebot. Getränke leisten selbstverständlich auch ihren Beitrag und hier einzusparen kann ebenso sinnvoll sein wie bei der restlichen Speisenauswahl. Wesentlich sind jedoch langfristige Essmuster und ein aktiver Lebensstil. Um hier gute Entscheidungen zu treffen, bedarf es einer kulinarischen Bildung, am besten von klein an und im Unterricht verankert.  Zudem brauchen Kinder und Jugendliche ausreichend Möglichkeiten, sich zu bewegen – vor allem abseits vom Wettkampfsport. Ein gesundes Ess- und Bewegungsverhalten zu entwickeln und  à la longue zu leben sollte demnach in Gesundheitsresorts ebenso wie in Unterrichts- und Verkehrsresorts verstärkt auf der Agenda stehen. Adipositas zu begegnen, bedeutet an allen Ursachen anzusetzen. Ansonsten werden jegliche Bemühungen immer nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein sein können.

Literatur

Ma Y et al.: Gradual reduction of sugar in soft drinks without substitution as a strategy to reduce overweight, obesity, and type 2 diabetes: a modelling study. The Lancet, published online January 6, 2016.

Elmadfa I et al.: Österreichischer  Ernährungsbericht 2008, 1. Auflage, Wien, 2009.

NN: Obesity: we need to move beyond sugar. The Lancet. Vol 387, January 16, 2016. www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2816%2900091-X/fulltext

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