08.05.2017 von Angela Mörixbauer

Superlative am Teller?

In Buchhandlungen stapeln sich Superfood-Kochbücher, in coolen Bars schlürfen Hipster Smoothies mit Moringapulver und Blogger versprechen druch Goji-Beeren und Co. Gesundheit und Schönheit. Fast monatlich wird ein vermeintliches Wunder-Lebensmittel entdeckt. Doch was können die - meist exotischen - Beeren, Blätter und Körner tatsächlich?

In der heutigen komplexen Welt verlangen Konsumenten nach einfachen Lösungen. Wir wünschen uns im Ernährungsalltag Schnelligkeit, Convenience und gleichzeitig gesunde, natürliche Nahrungsmittel. Beeren, Samen und Körner mit heilsversprechenden Inhaltsstoffen und Wohlfühlgarantie kommen diesem Bedürfnis nach. Superfood fügt sich somit nahtlos in den Ernährungs- und Fitnesstrend unserer Gesellschaft ein. Dazu kommen mystisch klingende Bezeichnungen wie „Heilsamen der Maya“, untermauert durch – vermeintlich – aktuelle wissenschaftliche Studienergebnisse.

Was ist ein Superfood?

Der Begriff ist ein Marketingwort. Eine wissenschaftlich anerkannte Definition oder gesetzliche Regelung existiert bislang nicht. Gemeint sind Lebensmittel mit herausragenden gesundheitsfördernden Eigenschaften. Im Oxford English Dictionary wird Superfood als „nährstoffreiches Lebensmittel, das als besonders förderlich für Gesundheit und Wohlbefinden erachtet wird“ beschrieben. Das Merriam-Webster-Wörterbuch schreibt zu Superfood: „...ein äußerst nährstoffreiches Nahrungsmittel, vollgepackt mit Vitaminen, Mineralien, Ballaststoffen, Antioxidantien und/oder Phytonährstoffen“.

Wissenswert

Erstmals erwähnt wurde der Begriff „Superfood“ 1915 in der Jamaikanischen Zeitschrift „The Gleaner“ als Beschreibung für Wein. Erst mit dem zunehmenden Interesse an Gesundheit und Fitness erlangte das Modewort schließlich im heutigen Sinn den Einstieg in die Alltagssprache. 

Sogar die Blunz’n ist schon super

Die Produkte sind selten frisch, sondern meist getrocknet, als Pulver, Saft, Extrakt, Kapseln oder Teeaufgüsse am Markt. Oder sie kommen als Zutat in Müslis, Konfitüren und Desserts daher. Besonders häufig finden sich exotische Lebensmittel im Superfood-Ranking. Immer öfter werden auch ganz normale Nahrungsmittel wie Heidelbeeren, Lachs oder Rote Rüben als Superfood bezeichnet. Ja, sogar die gemeine Blutwurst – in Österreich unter „Blunz’n“ bekannt, in England als „Black Pudding“ beliebt – hat dank ihres hohen Eisen- und Zinkgehalts bereits den Superfood-Ritterschlag erhalten 

Die Mär von der super Wirkung

Besonders häufig werden die antioxidativen Eigenschaften einzelner Superfoods hervorgehoben. Sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole, Anthozyane u. ä. sollen für zahlreiche Gesundheitswirkungen verantwortlich sein. Viele Hersteller werben mit dem sogenannten ORAC-Wert (Oxygen-Radical-Absorption-Capacity). Jener gibt an, wie viele freie Radikale pro Gramm Saft oder Frucht neutralisiert und somit unschädlich gemacht werden können. ORAC-Werte sind allerdings reine Laborwerte, sie werden in vitro, also im Reagenzglas, gemessen. Die bei der ORAC-Messung ablaufenden Reaktionen finden allerdings im Körper nicht in dieser Weise statt. Darüber hinaus müsste auch die Bioverfügbarkeit der antioxidativen Inhaltsstoffe bekannt sein, also ob der Stoff überhaupt vom Körper aufgenommen wird.

Wissenswert

Aus diesem Grund stellt auch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) in einer Stellungnahme klar, dass Claims, die sich auf die antioxidative Kapazität eines Lebensmittels oder Nahrungsinhaltsstoffes beziehen, oder die im Laborversuch antioxidative Enzyme aktivieren, nicht geeignet sind, um daraus auf einen gesundheitsförderlichen Effekt im Menschen zu schließen. Auch Aussagen wie „verlangsamt die Zellalterung“ oder „Anti-Aging-Effekt“ im Zusammenhang mit antioxidativen Inhaltsstoffen in Lebensmitteln sind laut EFSA nicht klar definiert und damit unzulässig.

Erfahrungsberichte statt wissenschaftlicher Evidenz

Die Liste von Beschwerden und Krankheiten, gegen die diverse Superfoods helfen sollen, liest sich wie das Who-is-Who des Medizinklassikers Pschyrembel: Stress, Müdigkeit, Erschöpfung, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Zellalterung, Immunschwäche, Entzündungen, Übergewicht, Krebs, Alzheimer, Bluthochdruck, ...

Der Schönheitsfehler dabei: Für diese Wirkzuschreibungen fehlen weitgehend die wissenschaftlichen Nachweise. Die meisten gesundheitsbezogenen Aussagen stammen von gewerblichen Anbietern, einzelnen Beratern oder Interessengruppen. Dabei überwiegen Anekdoten und Erfahrungsberichte. Gesicherte Daten fehlen in der Regel.

Ökologisch bedenklich

Häufig finden Superfoods aus abgelegenen Teilen der Erde den Weg zu uns. Damit verbunden sind lange Transportwege, teilweise hohe Nährstoffverluste oder großer Energieaufwand für die Kühlung. So kann die leicht verderbliche Acai-Beere nur tiefgekühlt, als Fruchtmark oder gefriergetrocknet nach Europa transportiert werden. Aus ökologischer Sicht ist dies fraglich, zumal der ausgepriesene Inhaltsstoff in der Regel auch mit heimischen Lebensmitteln abgedeckt werden könnte.

Nicht nur ökologische, auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen sind damit verbunden. Wenn ein Lebensmittel trendy wird und die Nachfrage plötzlich stark steigt, bedeutet das steigende Marktpreise. Dies wirkt sich auf die Menschen im Ursprungsland aus. So kostete laut Greenpeace ein Liter Acai-Saft 1994 noch 1,5 brasilianische Real, im Jänner 2015 waren es mehr als 16 Real.

Super nur aus biologischem Anbau

Ein weiteres Thema ist die Schadstoffbelastung. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) etwa fand bereits 2010 deutliche Pestizidrückstände auf konventionell angebauten Goji-Beeren. 13 von 14 Proben mussten aufgrund von Höchstmengenüberschreitungen beanstandet werden! Insgesamt wurden in den 14 Proben 34 unterschiedliche Pestizide nachgewiesen, durchschnittlich 13 pro Beerenprobe. Bei Goji-Beeren aus biologischem Anbau gab es dagegen keine Beanstandungen.
Selbst Angaben wie „Wildwuchs“ bedeuten nicht zwangsläufig, dass die Produkte schadstofffrei sind. Sie könnten im Herkunftsland auch direkt neben einer stark befahrenen Autobahn, einer Eisenbahnstrecke oder im Einzugsgebiet einer Chemiefabrik geerntet worden sein.

Kritik am Superfood-Konzept

Organisationen wie das Europäische Food Information Council (EUFIC), Verbraucherverbände und Ernährungswissenschaftler sparen nicht mit Kritik an den vermeintlichen Super-Lebensmitteln.

    • Unter Untersuchungsbedingungen werden oft deutlich höhere Mengen der ausgelobten und für die Wirkung verantwortlich gemachten Nährstoffe zugeführt, als im Kontext einer üblichen Ernährung aufgenommen werden.
    • Die physiologische Wirkung vieler sogenannter Superfoods bzw. der einzelnen Inhaltsstoffe hält meist nur kurze Zeit an.
    • Viele wissenschaftliche Arbeiten, auf die sich Superfood-Vertreiber berufen, wurden an Tieren oder als in vitro-Studien mit isolierten Zellkulturen durchgeführt. Solche Ergebnisse sind jedoch nicht ohne weiteres auf den menschlichen Organismus übertragbar. Sie sind lediglich für Wissenschaftler interessant, um Hinweise zu erhalten, was die konkrete Wirkweise bzw. die Eigenschaften von Substanzen sein könnten und damit die Forschung weiter zu präzisieren. Um die Wirkung von Nahrungsmitteln für den Menschen zu erforschen, sind Interventions- und Beobachtungsstudien erforderlich.
    • Manche Superfoods können mit Medikamenten wechselwirken und deren Wirkung verstärken oder hemmen.
    • Streicht man einzelne Lebensmittel als besonders gesund heraus, vermittelt das den Eindruck, dass herkömmliche, heimische Produkte schlechter wären. Tatsächlich liefern diese aber ebenso viele wertvolle Inhaltsstoffe.
    • Einzelne Super-Lebensmittel können eine ansonsten ungesunde Ernährung nicht wettmachen. Erst die Komposition der verschiedenen Lebensmittel macht eine Ernährungsweise gesund. Die sich gegenseitig ergänzende Nährstofffülle kann ein einzelnes Lebensmittel nicht bieten.
    • Die Bewerbung von Lebensmitteln mit der Verhütung, Linderung oder Beseitigung von Krankheiten ist in der EU grundsätzlich verboten.
    • Nährwert- und gesundheitsbezogene Werbeaussagen dürfen nur dann verwendet werden, wenn sie wissenschaftlich abgesichert sind und von der EU genehmigt wurden. Das ist für kaum ein Superfood der Fall.

Fazit

Superfoods können – sofern sie nicht gerade in Kapsel- oder Pulverform verzehrt werden – den Speiseplan durchaus bereichern und für neue Geschmackserlebnisse sorgen. Oft wird allerdings der Eindruck vermittelt, dass sie „normale“ Nahrungsmittel übertreffen. Was ihre Inhaltsstoffe betrifft, sind sie aber in der Regel nicht besser als heimisches Obst und Gemüse. Zudem kann kein einzelnes Lebensmittel eine ansonsten ungesunde Ernährungsweise ersetzen. Dazu kommt, dass die behaupteten Gesundheitswirkungen maßlos überzogenen sind. Meist werden Ergebnisse aus Tier- und Zellkulturversuchen als Argumentation herangezogen. Eine Evidenz für gesundheitliche Wirkungen beim Menschen fehlt bei fast allen als Superfood gehypten Lebensmitteln. Und schließlich: Das Superfood von heute wird morgen schon wieder vom nächsten Alleskönner abgelöst.

 

Literatur

EFSA: Scientific Opinion. Guidance on the scientific requirements for health claims related to antioxidants, oxidative damage and cardiovascular health. EFSA Journal 9(12): 2474 (2011). Internet: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.2011.2474/epdf (Zugriff: 5.3.2017).


Europäische Kommission: Entscheidung der Kommission vom 27. Juni 2008 zur Genehmigung des Inverkehrbringens von getrocknetem Baobab-Fruchtfleisch als neuartige Lebensmittelzutat im Sinne der Verordnung (EG) Nr. 258/97 des Europäischen Parlaments und des Rates. Amtsblatt der Europäischen Union vom 11.7.2008. Internet:
http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32008D0575&from=DE (Zugriff: 7.3.2017).

Hillemacher M: Wirkung von Acai, Noni und Co kaum belegt. www.welt.de vom 18.9.2013. Internet: https://www.welt.de/gesundheit/article120141232/Wirkung-von-Acai-Noni-und-Co-kaum-belegt.html (Zugriff: 5.3.2017).

Huwyler N: Superfoods – Revolution oder Mythos? Tabula 1/2016, S. 4–9. Internet: http://www.sge-ssn.ch/media/Tabula-1-16-D-Superfoods.pdf (Zugriff: 5.3.2017).

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NN: Giftige Pestizidcocktails in traditionellen chinesischen Kräutern. www.greenpeace.org vom 25.6.2013. Internet: http://www.greenpeace.org/austria/de/News/Aktuelle-Meldungen/Gentechnik-News/2013/Giftige-Pestizidcocktails-in-traditionellen-chinesischen-Krautern/ (Zugriff: 5.3.2017).

NN: Lebensmitteltrends: Was sind Superfoods? www.Ernährungs-Umschau.de vom 14.4.2015. Internet: www.ernaehrungs-umschau.de/news/12-03-2015-lebensmitteltrends-was-sind-superfoods/ (Zugriff: 5.3.2017).

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NN: Superfood – Nur relativ super. Lebensmittel Praxis. lebensmittelpraxis.de vom 28.2.2017. Internet: http://lebensmittelpraxis.de/industrie-aktuell/17187-superfood-nur-relativ-super.html (Zugriff: 6.3.2017).

Safire W: Locavorism. The New York Times Magazine, online 9.10.2008. Internet: http://www.nytimes.com/2008/10/12/magazine/12wwln-safire-t.html (Zugriff: 5.3.2017)

Saleh-Ebrahimi S: Superfood – Ich ess nur noch super! ZEIT ONLINE vom 20.4.2016. Internet: http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-03/superfood-gesundheit-ernaehrung-acai-goji-beere-kritik (Zugriff: 5.3.2017).

 

Schüle E: Nachgefasst: Pestizide in Gojibeeren. Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart. 3.3.2010. Internet: http://www.cvuas.de/pub/beitrag.asp?subid=1&Thema_ID=5&ID=1276&Pdf=No&lang=DE (Zugriff: 5.3.2017).

 

 

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