07.06.2018 von Sabine Nußbaumer

Wasser und Kirschen: Bauchgrimmen?

Die Kirschblüte ist vorbei, langsam reifen die Früchte am Baum. Aufgrund ihrer Aststruktur eignen sich Kirschenbäume herrlich zum Klettern. Kein Wunder also, dass unsere Sprösslinge die Bäume erklimmen und als Belohnung die schönsten und reifsten Früchte hoch oben aus dem Juche essen. Oft bekommen sie von besorgten Eltern und Großeltern den Rat, danach kein Wasser zu trinken. Davon bekommt man nämlich Bauchschmerzen. Aber stimmt das?

Gleich vorweg: Es gibt keine wissenschaftliche Begründung dafür, auf das Wassertrinken nach dem Kirschenessen zu verzichten. Vermutet wird jedoch, dass das früher hygienisch nicht einwandfreie Trinkwasser schuld an diesem Mythos ist. Die Keime im Wasser könnten gemeinsam mit den Hefen und Bakterien auf der Schale zu einer Zuckergärung im Magen geführt haben. Das wiederum könnte für Bauchschmerzen und Durchfall gesorgt haben. Sollte dem so gewesen sein, hätte dieser Ratschlag aber auch andere Lebensmittel betreffen müssen.
Bauchschmerzen könnten allerdings aufgrund des hohen Fruchtzuckergehaltes auftreten. Fruchtzucker (Fruktose) ist von Natur aus in Obst und Gemüse zu finden und wird in Form von Fruktosesirup auch zur Süßung von Lebensmitteln und Getränken verwendet. Während im Dünndarm Traubenzucker (Glukose) unbegrenzt aufgenommen werden kann, ist bei Fruktose physiologisch nach 35 g bis 50 g pro Stunde Schluss. Nimmt man mehr Fruktose zu sich, gelangt diese in tiefere Darmabschnitte, in den Dickdarm. Dort ansässige Bakterien verstoffwechseln den Überschuss. Die dabei entstehenden Stoffe fördern die Darmbewegungen und zusätzlich kommt es zu einer verstärkten Gasbildung. Kurz gesagt, man verspürt Bauchschmerzen, hat Blähungen und eventuell auch Durchfall. Wenn die Dickdarmbakterien keine Fruktose mehr erhalten, ist der Spuk nur von kurzer Dauer.
Kirschen zählen zum Steinobst und enthalten ebenso wie Zwetschgen von Natur aus viel Fruktose. Auch Honig, Datteln, Rosinen, Müsliriegel, Weintrauben, Äpfel, Birnen, Kohlgemüse sowie Säfte und Limonaden sind besonders fruktosereich. Doch ab welcher Menge sind Reaktionen zu erwarten? Bei Apfelsaft reichen beispielsweise zwei bis drei Gläser auf nüchternen Magen und von Kirschen muss man je nach Sorte etwa ein halbes Kilogramm auf einmal verschlingen, um Bauchschmerzen zu bekommen. Bei normalen Mengen verursachen die Früchte aber keine Beschwerden.

Bauchschmerzen bei Fruktosemalabsorption

Kirschen enthalten neben Fruktose auch den Zuckeralkohol Sorbit. Ist das bei Nahrungsmitteln der Fall, werden sie schlechter vertragen. Denn Sorbit hemmt die Aufnahme von Fruktose im Darm. Ein bis zwei Handvoll Kirschen können bei einer vorliegenden Fruktosemalabsorption (auch als Fruktoseunverträglichkeit bezeichnet) bereits Blähungen, Durchfall, Übelkeit und Bauchschmerzen verursachen. Und das unabhängig davon, ob Wasser dazu getrunken wird oder nicht. Eine Malabsorption liegt vor, wenn die individuelle Aufnahmegrenze für Fruktose im Dünndarm auf unter 25 g pro Stunde reduziert ist. Betroffene vertragen Obst meist symptomfrei, wenn sie es als Dessert nach einer fett- und eiweißreichen Hauptmahlzeit essen.
Treten nach dem Konsum von Smoothies, Fruchtsäften oder Obst immer wieder Beschwerden auf, liegt der Verdacht auf eine Fruktosemalabsorption nahe. Ein Wasserstoff-Atemtest kann den Verdacht bestätigen. Nach der Diagnose erfolgt eine Fruktose-Karenzphase von ein bis zwei Wochen, um die Beschwerden zu lindern. In der Anschlussphase wird die individuelle Verträglichkeitsgrenze ausgetestet. Ziel ist eine angepasste, beschwerdefreie Langzeiternährung, bei der alle Lebensmittel inklusive Obst erlaubt sind.

Wissenswert

Die Fruktosemalabsorption ist nicht mit der hereditären Fruktoseintoleranz (HFI) zu verwechseln. HFI bezeichnet einen sehr seltenen vererbbaren Enzymdefekt, der sich bereits im Kindesalter zeigt. HFI kann zu lebensgefährlichen Unterzuckerungen und toxischen Leberschäden führen. Während bei der Malabsorption die Fruktosezufuhr nur an die individuelle Verträglichkeit angepasst werden muss, ist bei der hereditären Fruktoseintoleranz eine streng fruktosefreie Ernährung notwendig.

Fakten zu Kirschen:

  • Pro Jahr essen Frau und Herr Österreicher im Durchschnitt 1,9 kg Kirschen und Weichseln.
  • 2017 wurden in Österreich 1400 t Kirschen und 140 t Weichseln geerntet.
  • Süßkirschen sind ein kalorienarmer Genuss mit 70 kcal pro 100 g.
  • Kirschen sind Steinobst und gehören zu den Rosengewächsen, zur Gattung Prunus. Es gibt über 500 verschiedene Kirschsorten.
  • Süßkirschen kamen vor rund 2000 Jahren aus Kleinasien nach Europa.
  • Eine Kreuzung aus Süßkirschen und heimischer wildwachsender Zwergweichsel ergab die Sauerkirsche oder Weichsel.
  • Süßkirschen reifen je nach Witterung ab Ende Mai bzw. Anfang Juni neun Wochen lang in den sogenannten Kirschwochen.
  • Ein frisch gepflanzter Kirschbaum braucht rund zehn Jahre bis er erntereif ist.
  • Kirschen reifen nach der Ernte nicht nach.
  • Kaufen Sie Kirschen mit Stiel. Wird der Stiel nach der Ernte entfernt können über diese Verletzung Bakterien eindringen. Die Früchte faulen schneller.
  • Bis zu drei Tage halten sich die Früchte im Gemüsefach des Kühlschranks frisch. Lose, ungewaschen und mit Stielen breiten Sie die Früchte am besten auf altem Zeitungspapier aus.
  • Früchte mit Druckstellen sollten noch am selben Tag gegessen werden, sie faulen rasch.
  • Ein Kirschenvorrat in der Tiefkühltruhe eignet sich für Desserts, als Kuchenbelag und für Sommerbowlen. Entfernen Sie dafür die Stiele, waschen und entsteinen Sie die Kirschen und frieren Sie sie dann portionsweise ein.

 

 

Literatur

Lieberei R, Reisdorff C: Nutzpflanzenkunde 7. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart (2007)

Medizin transparent: Bauchschmerzen durch Kirschen und Wasser? www.medizin-transparent.at/kirschen-wasser (Zugriff am 18.5.2018)

nmi Portal: Fruktose und Sorbit www.nahrungsmittel-intoleranz.com (Zugriff am 21.5.2018).

nmi Datenbank: Süßkirschen www.nmidb.de (Zugriff am 5.6.2018)

Schäfer C: Fruktose: Malabsorption oder Intoleranz? Ernährungs-Umschau 12: 694-700 (2009).

Schäfer C et al.: Fruktosemalabsorption, Stellungnahme der AG Nahrungsmittelallergie in der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI). Allergo Journal 19: 66-69 (2010).

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