25.08.2016 von Elisabeth Rudolph

Wenn Essen zum Problem wird

Ohne Essen, kein Überleben. Vielen Menschen fällt es jedoch schwer, regelmäßig und ausreichend zu essen. Was dazu kommt: Schlank sein, bedeutet attraktiv sein. Was lange Zeit als Schönheitsideal aus der Modelwelt in unseren Köpfen verankert war, wird zu einem immer größeren Problem. Wenn aus schlank sein, krank sein wird.

Vor allem in der Kindheit und Jugend kommt es immer wieder zu atypischen Ernährungsverhalten, die meist unproblematisch verlaufen und Bestandteil der Entwicklung sind. Je nachdem, in welcher Wachstums- und Entwicklungsphase Kinder oder Jugendliche gerade sind, essen sie einmal mehr, einmal weniger, und oft nur sehr wählerisch. Als Grundsatz für besorgte Eltern gilt: Solange sich die Sprösslinge gut entwickeln und gesund sind, muss man sich keine Sorgen machen.
Treten über einen längeren Zeitraum Auffälligkeiten des Essverhaltens auf, sollte man das nicht ignorieren. Unzufriedenheit mit der Figur, der Wunsch schlanker zu sein, verzerrte Selbstwahrnehmung oder Stress und psychische Belastung sind oft Begleitfaktoren. Sehr rasch können sie sich zu Risikofaktoren für Essstörungen entwickeln. An welchem Punkt man von einer manifesten Essstörung spricht, ist nicht immer einfach. Zudem gibt es viele verschiedene Begriffe für Essstörungen, die mitunter verwirrend sein können.

Wissenswert

Bei Essstörungen handelt es sich weniger um Ernährungsstörungen, vielmehr um ernsthafte psychische Erkrankungen. Der Kern der Störungen liegt in einem gestörten Selbstwert, einem niedrigen Selbstverstrauen und in der Störung der eigenen Identität. Die Zuordnung zu einer bestimmten Essstörung erfolgt nach diagnostischen Kriterien der „American Psychiatric Association“.

Zahl der Betroffenen steigt an

Wie viel Personen in Österreich an einer Essstörung leiden, ist nicht an einer bestimmten Zahl festzumachen. Die Dunkelziffer ist sehr hoch, da es keine Aufzeichnungen über die Anzahl an Betroffenen gibt. Schätzungen zufolge erkranken in Österreich ca. 200.000 Frauen einmal in ihrem Leben an einer Essstörung. Aussagekräftig sind die stationären Behandlungen, die in den letzten zehn Jahren um 80 % zugenommen haben. Stationär behandelt wird jedoch nur die Spitze des Eisbergs, das heißt die schwer Erkrankten.  Wie viele Menschen in Österreich erkranken und wie es um deren Heilungschancen steht, lesen Sie hier.

Frauen sind 10- bis 20 Mal häufiger von Essstörungen betroffen als Männer. Doch längst handelt es sich um kein reines Frauenproblem mehr. Männer erkranken aus den gleichen Gründen wie Frauen. Behandeln lassen sich nur wenige, denn oftmals fühlen Sie sich unmännlich. Essstörungen bei Männern stehen zudem häufig mit Berufsgruppen in Verbindung: Tänzer, Skispringer oder Models.

Welche Essstörungen gibt es?

Essstörungen äußern sich in erster Linie durch ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper. Es handelt sich um ernsthafte Erkrankungen, die eine gezielte Therapie erfordern. Die am besten charakterisierten Essstörungen sind Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-Syndrom.

Anorexia Nervosa (Magersucht, Pubertätsmagersucht):  Das Wort Anorexie leitet sich von den lateinischen Begriffen „orexis“ und  „an“ ab und steht für „der Appetit ist weg“. Die Magersucht ist ein facettenreiches Syndrom, das verschiedene Verhaltensweisen einschließt. In erster Linie vermeiden Betroffene zu essen. Sie nehmen nur sehr wenig Energie auf, oft nur 100 oder 200 kcal pro Tag. Bewegung, oft übertriebene sportliche Aktivität, Appetitzügler oder Entwässerungstabletten sollen helfen, das gewünschte Gewicht zu erreichen. Der Gewichtsverlust und die eingeschränkte Nahrungsaufnahme können massive körperliche Folgen mit sich bringen, wie etwa Mangelernährung oder Herzrhythmusstörungen. Im schlimmsten Fall führen sie zum Tod. Charakteristisch ist, dass sich Betroffene trotz des bereits sichtbaren Untergewichtes immer noch dick fühlen. Die Anorexie beginnt meist zwischen 12 und 15 Jahren. Zum Großteil sind junge Frauen davon betroffen, aber auch Frauen ab 50.

Bulimia Nervosa (Ochsenhunger): Die Bezeichnung leitet sich aus dem Griechischen von „bous“ = Ochse und „limos“ = Hunger ab. Charakteristisch für diese Essstörung sind unkontrollierte Fressattacken. In kurzer Zeit werden große Mengen an Nahrungsmitteln verzehrt und anschließend meist wieder erbrochen. Auslöser für Heißhungerattacken sind emotionale Faktoren, psychischer Stress oder Unzufriedenheit. Bulimie ist oft auch die Folgeerkrankung einer Anorexie und zeigt sich meist um das 17. oder 18. Lebensjahr. Die körperlichen Schäden werden hauptsächlich durch die ätzende Magensäure beim Erbrechen ausgelöst. Sie führen zu Entzündungen der Speiseröhre und Zahnschäden. Durch den gestörten Elektrolythaushalt kann es auch zu Herzrhythmusstörungen kommen.

Binge-Eating-Disorder (Störung mit Essanfällen): Das Verhaltensmuster dieser Essstörung gleicht jenem der Bulimie: Heißhungeranfälle führen dazu, dass große Mengen an Nahrungsmitteln aufgenommen werden. Anders als bei der Bulimie werden diese nicht erbrochen.

Orthorexia Nervosa = krankhaftes Gesundessen:  „Orthorexia“ kommt aus dem Griechischen und steht für „richtiges Essen“. Dieses Phänomen wird in der Literatur erst seit jüngerer Zeit beschrieben und betrifft Menschen, die aus pathologischer Angst um ihr Wohlbefinden zwanghaft gesund essen. Der gesamte Tagesablauf dreht sich um die Ernährung, beispielsweise: Habe ich ausreichend Vitamine und Mineralstoffe zu mir genommen? Stammt alles aus Bio-Landwirtschaft? Habe ich zu viel Fett zu mir genommen? Dieses zwanghafte Verhalten führt dazu, dass die Betroffenen in ihrem Privatleben eingeschränkt sind und etwa nicht mehr in einem Restaurant und bei Bekannten essen können.

Adipositas = Fettleibigkeit: Personen, die einen BMI über 30 aufweisen werden als fettleibig, also adipös bezeichnet. Das hohe Übergewicht hat aber nicht zwangsläufig eine psychische Ursache. Dann spricht man nicht von einer Essstörung. Man kann jedoch eindeutig von einem essgestörten Verhalten sprechen, da die Betroffenen trotzdem ungesunde Mengen an Nahrungsmitteln zu sich nehmen. In manchen Fällen tritt eine sogenannte reaktive Fettsucht auf. Dabei handelt es sich um eine plötzliche Gewichtszunahme nach traumatischen Erlebnissen, etwa Tod eines Angehörigen oder Vergewaltigung.

Wissenswert

Die französische Regierung hat Magermodels den Kampf angesagt. Ein Gesetz soll festlegen, dass bei Models ein BMI-Mindestmaß von 18 nicht unterschritten werden darf. Bei Verstößen drohen saftige Strafen.

Warnsignale frühzeitig erkennen

Essstörungen sind ein Zusammenspiel vieler Faktoren, selten handelt es sich um ein isoliertes Problem. Das offensichtlichste Anzeichen einer gestörten Nahrungsaufnahme ist ein stark verändertes Essverhalten. Dieses ist jedoch von den Essphasen im Laufe des Erwachsenwerdens zu differenzieren. Dauern diese Phasen länger an, oder verlieren Betroffene merkbar an Gewicht, können das bereits erste Warnzeichen sein. Diese sollten ernst genommen werden, wenngleich die Übergänge von ungewöhnlichem Essverhalten zu krankhaften Verhaltensmustern oft fließend sind.
Die wichtigsten Warnsignale von Anorexie und Bulimie im Vergleich:

Anorexia NervosaBulimia Nervosa
Nahrungsaufnahme wird stark eingeschränkt,
Hungergefühl wird unterdrückt
Unkontrollierte Fressanfälle

 

Untergewicht und weiterer Gewichtsverlust

Körpergewicht meist im normalen Bereich

Gewichtsschwankungen

Zwanghaftes dünn seinUnzufriedenheit mit dem Körper
Angst vor GewichtszunahmeAngst vor Gewichtszunahme
Zwanghaftes körperliches TrainingVerstärkte körperliche Aktivität
Kochen für andere, selber aber nicht essenHeimliches essen
Menstruation bleibt aus (Frauen), Niedriger Sexualhormonspiegel (Männer)Menstruation ist unregelmäßig
Sozialer RückzugDepression und Stimmungsschwankungen
KälteempfindlichkeitSchmerzen in Hals, Speiseröhre, Magen und Darm
Gefühl der WertlosigkeitGefühlsschwankungen und Impulsivität

Therapie erforderlich

Der Therapieansatz muss genauso wie die Symptome des Krankheitsbildes ausgerichtet sein: multidisziplinär. Ernährungswissenschafter, sowie Psycho- oder Familientherapeuten sollten in die Therapie einbezogen werden. Je früher im Krankheitsverlauf damit begonnen wird, desto größer sind die Chancen auf Heilung. Wichtig ist, dass der Therapeut Erfahrung auf dem Gebiet hat. Welcher therapeutische Ansatz im Einzelfall gewählt wird, ist von der individuellen Anamnese abhängig. Die Ziele der Therapie sollen sein: ein normales Essverhalten und Körpergewicht, zu Grunde liegende Probleme bearbeiten und die Körperwahrnehmung verbessern. Erfahren Sie mehr über Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen.

Literatur

Jacobi C, Paul T, Thiel A: Essstörungen. Hogrefe Verlag GmbH, Göttingen (2004).
Bryant-Waugh R, Lask B: Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Rat und Hilfe für die Eltern. Huber Verlag, Bern (2008).
Bundesfachverband Essstörungen: www.bundesfachverbandessstoerungen.de/essstoerungen/ess-brechsucht-bulimia-nervosa.php (Zugriff am 23.08.2016).
Ärztezeitung: www.aerztezeitung.at/fileadmin/PDF/2013_Verlinkungen/StateEssstoerungen.pdf (Zugriff am 23.08.2016).
Netzwerk Essstörungen: www.netzwerk-essstoerungen.at/deutsch/infomaterial.html (Zugriff am 23.08.2016).
Österreichischer Frauengesundheitsbericht: www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/1/6/5/CH1570/CMS1466495497539/frauengesundheitsbericht_2010_2011.pdf (Zugriff am 24.08.2016)

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