30.04.2012 von Nina Grötschl

Wenn ich nur aufhören könnte…

Ein einzelnes Kartoffelchip zu essen oder nur einmal zu Pommes Frittes zu greifen, fällt den meisten schwer - drogenartig verleiten sie zum Weiteressen und im nächsten Moment sind Sackerl und Teller auch schon leer. Was steckt dahinter und worauf kann man achten?

Wieso ist es so schwer, Crackern und Co. zu widerstehen und warum läuft uns das Wasser beim bloßen Hinschauen im Mund zusammen? Dieser Frage sind eine Arbeitsgruppe des Max-Planck-Instituts in München sowie ein internationales Forscherteam nachgegangen.

Fett setzt körpereigene „Droge" frei

Anhand einer Langezeitstudie stellten die Wissenschafter fest, dass eine körpereigene Substanz Appetit auf das Weiteressen macht, und enttarnten den ursächlichen Mechanismus. Unabhängig von der Fettverdauung im Dünndarm löst der fettige Geschmack auf der Zunge einen biologischen Effekt aus: Nahrungsfette erzeugen im Mund Signale, die an den Verdauungstrakt weitergeleitet werden und die Produktion von sogenannten „Endocannabinoiden" anregen. Diese natürlichen "drogenartigen" Chemikalien entstehen im vorderen Bereich des Darms und verleiten uns dazu, noch mehr des Gleichen zu essen. Wieder löst das Fett auf der Zunge Signale aus... - aufgrund dieser positiven Feedback-Schleife entstehen erneut Endocannabinoide. Bei zucker- und eiweißreichen Speisen beobachteten die Wissenschafter keine Produktion dieser Substanzen. Neben den Endocannabinoiden sind allerdings auch die innere Einstellung und Selbstdisziplin ausschlaggebend dafür, ob man weiter isst oder nicht. Das erklärt auch, warum nicht alle Menschen auf fetthältige Speisen gleich reagieren und warum nicht jeder, der gerne zu Grillwurst und Donut greift, übergewichtig ist.

Wenn diese Substanzen die Lust auf Fettes schüren, könnte die Unterdrückung der Endocannabinoide bei Betroffenen genau das Gegenteil zur Folge haben, schlussfolgerten die Studienautoren. Z. B. könnten Medikamente Endocannabinoide inaktivieren und so auch den Gusto generell auf fetthältige Lebensmittel abschwächen. Die Forscher vermuten, so einen weiteren Behandlungsansatz für Übergewicht gefunden zu haben. Doch nicht nur Endocanabinoide beeinflussen unterbewusst den Appetit, sondern auch optische Reize können das Verlangen nach Schnitzelsemmel, Krapfen oder Schokopralinen steigern.

„Das Auge isst mit"

Diese Weisheit ist allseits bekannt und wurde auch durch Studienergebnisse aus Deutschland untermauert. Die Arbeitsgruppe um Prof. Axel Steiger am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München ging der Frage nach, warum alleine der Anblick von Lebensmitteln Appetit macht.
Welche physiologischen Effekte das Betrachten von Bildern, die Lebensmittel zeigen, hervorruft, wurde an einer Gruppe von jungen Männern untersucht. Ihnen wurden einerseits Abbildungen von appetitlichen Speisen, andererseits von nicht essbaren Objekten gezeigt. Während des Versuchsverlaufs wurde die Konzentration der Hormone Ghrelin, Leptin und Insulin kontinuierlich gemessen. Alle drei Hormone sind an der Regulation der Nahrungsaufnahme beteiligt. Das körpereigene Hormon Ghrelin wird von Zellen in der Magenschleimhaut produziert und regt den Appetit an.

In Hungerphasen steigt der Ghrelinspiegel natürlich an und fällt nach der Mahlzeit wieder ab. Während der Testphasen zeigte sich ein deutlicher Anstieg der Ghrelin-Konzentration im Blutplasma, sobald die Testpersonen Abbildungen von Lebensmitteln zu sehen bekamen. Beim Betrachten von neutralen Bildern erhöhte sich das Ghrelin allerdings nicht.
„Unsere Studienergebnisse zeigen erstmalig, dass die Ausschüttung von Ghrelin in das Blut zur Regulation der Nahrungsaufnahme auch durch äußere Faktoren gesteuert wird", erklärt Dr. Petra Schüssler, Wissenschafterin am Max-Planck-Institut. Das Gehirn verarbeitet optische Reize und dadurch wird unser Appetitempfinden unwillkürlich beeinflusst. Ein Mechanismus, der uns verleiten könnte, kurz nach einer Mahlzeit wieder Appetit auf kulinarische Köstlichkeiten zu bekommen, erklärt Schüssler.

Dass es übergewichtigen Menschen generell und speziell Frauen schwerer fällt, „Nein" zu kulinarischen Köstlichkeiten zu sagen, fand ein Forscherteam der Universität Tübingen heraus. Die Wissenschafter stellten Unterschiede der Hirnaktivität bei normal- und übergewichtigen Personen sowie bei Männern und Frauen fest, sobald sie Bilder von kalorienreichen Speisen sehen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass ein erhöhter BMI (Body Mass Index) den an der Verhaltenskontrolle beteiligten, vorderen Gehirnbereich beeinflusst. Dieses Phänomen könnte erklären, warum es übergewichtigen Menschen oft schwer fällt, die Nahrungsaufnahme zu kontrollieren. Im Vergleich zu den Männern veränderten sich die Hirnströme von Frauen während der Messung weitaus stärker; dadurch war es für sie auch schwieriger, den Appetit zu unterdrücken, während ihnen Abbildungen von Lebensmitteln gezeigt wurden. Laut den Wissenschaftern liefern die Untersuchungsresultate innovative Behandlungsansätze für die Verhaltenstherapie von Betroffenen.

Fazit

Wenn Fettes auf der Zunge schmilzt, fällt das Aufhören meist schwer. Maßgeblich dafür scheinen die Endocannabinoide zu sein, die als körpereigene "drogenartige" Substanzen zum Weiteressen verleiten. Zudem beeinflussen Umweltfaktoren (z. B. optische Reize) das Appetitempfinden. Das alleinige Betrachten von beispielsweise Leberkässemmel, Wiener Schnitzel, Pizza, Eiscreme oder Schokoladentorte lässt das appetitregulierende Hormon Ghrelin ansteigen und uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Forschung liefert damit Erklärungsansätze, warum wir oft zu essen beginnen und das Aufhören manches Mal schwer fällt.

Literatur

Langenegger T: Körpereigene Drogen machen Lust auf fettiges Essen. Tabula 3: 15 (2012).

Schüssler P et al: Ghrelin Levels Increase After Pictures Showing Food. Obesity: 1-6 (2012).

Das dicke Gehirn. Presseinformation des Kompetenznetz Adipositas, Jänner 2012.

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