19.12.2017 von Elisabeth Rudolph

Wundermittel Mariendistel?

Das ganze Jahr über verzaubern uns kulinarische Köstlichkeiten bei verschiedenen Anlässen. Alleine beim Gedanken an den Festtagsbraten nach Omas Rezept läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Wer greift da nicht gerne zu? Doch es sollte alles mit Maß und Ziel ablaufen, denn würden wir tagtäglich über die Stränge schlagen, wäre das alles andere als gut für unsere Leber. Die Mariendistel soll gegen Leberschäden gewachsen sein und Genuss ohne Reue ermöglichen. Doch stimmt das wirklich?

Die Leber ist das Kraftwerk des Körpers, denn sie bereitet Nahrungsbausteine auf, macht sie für den Körper verwertbar, reguliert den Fett- und Zuckerstoffwechsel und sorgt dafür, dass mit der Verdauung alles klappt. Ein Organ mit dieser Funktionsvielfalt will natürlich auch gepflegt werden. Dass Alkohol und kalorienreiches, fettes Essen langfristig die Leber schädigen können, ist kein Geheimnis. Immer wieder werden Wundermittel propagiert, die die Leber schützen sollen. Darunter findet sich auch die Mariendistel.
Präparate dieser Pflanze gibt es wie Sand am Meer: Kapseln, Tees, Kräuter-Extrakte oder Pflaster. Die Mariendistel war bereits in der Antike bekannt und gilt seit Mitte des 18. Jahrhunderts als Heilpflanze der Leber. Ihr wird eine leberreinigende und entgiftende Wirkung zugesprochen, die Zellmembranen sollen stabilisiert werden und Zellengifte nicht eindringen können.

Schutz bei Pilzvergiftungen

Bei Vergiftungen durch den Knollenblätterpilz scheint die Mariendistel gut zu helfen. Das Gift des Pilzes – Amatoxin – schädigt die Leber und führt bei hohen Dosen zu einem kompletten Leberversagen. Das in der Mariendistel enthaltene Silibinin senkt das Risiko, an einer Amatoxin-Vergiftung zu sterben. Diese Wirkung ist auch beim Menschen gut untersucht: Silibinin blockiert einen Transporter, wodurch das Pilzgift nicht in die Zellen aufgenommen wird.
Die Hauptursache für Lebererkrankungen ist jedoch keine Pilzvergiftung, sondern neben Hepatitisinfektionen, Alkohol und vor allem der Lebensstil. Im Vergleich zu anderen Organen regeneriert sich die Leber relativ gut, denn beschädigte Zellen werden im Idealfall wieder neu gebildet.

Wirkung nicht eindeutig bestätigt

Aufgrund ihrer vermeintlich positiven Eigenschaften werden Mariendistelpräparate gerne bei Leberschäden eingesetzt: Die Leber soll sich dadurch schneller regenerieren und Leberschäden verlangsamt werden.
Ob die Pflanze tatsächlich hilft, ist wissenschaftlich nicht gesichert. In Tierversuchen scheint der Wirkstoffcocktail zwar vor Leberschäden zu schützen, doch was bei Tieren wirkt, muss nicht zwangsläufig auch beim Menschen erfolgreich sein. Studien zu diesem Thema zeigen sehr unterschiedliche Ergebnisse und belegen keine eindeutige Wirkung der Distel. In einer Studie wurde untersucht, ob der Distelextrakt vor einem frühzeitigen Tod bewahren kann. Die Untersuchungsteilnehmer waren entweder alkoholkrank oder litten an einer Hepatitisinfektion. Ob der Extrakt wirkt, geht aus den Ergebnissen nicht eindeutig hervor, zu widersprüchlich sind die Daten.
In weiteren Studien erforschten Wissenschaftler, wie sich die Inhaltsstoffe der Distel auf alkohol- oder ernährungsbedingte Leberschäden auswirken. Doch in keiner der genannten Untersuchungen wurde ein eindeutiger Nutzen der Wirkstoffe festgestellt, weder wenn es darum geht, wie schnell sich die Leber regeneriert, noch ob Schäden eventuell verlangsamt auftreten.

Wissenswert

Der Wirkstoff in der Mariendistel heißt Silymarin. Er wird aus den Früchten der Distel gewonnen und ist ein Gemisch aus vier verschiedenen Flavonolabkömmlingen: Silibinin, Isosilibinin, Silychristin und Silydianin. Das Stoffgemisch wird bei entzündlichen Erkrankungen der Leber eingesetzt und soll leberschützend, -stärkend und entgiftend sein.

Warum die Distel dennoch so beliebt ist und immer wieder therapeutisch verwendet wird, ist unklar. Oft werden Mariendistelpräparate bei medikamentöser Therapie, wie einer Chemotherapie, eingesetzt. Durch die Mariendistelgabe verbessern sich tendenziell jene Leberenzymwerte, die vor allem bei Lebererkrankungen erhöht sind. Nebenwirkungen, die durch die Chemotherapie verursacht werden, können ebenfalls reduziert werden: Der Patient fühlt sich eher besser.

Fazit

Mariendistelextrakte werden oft zur Behandlung von Leberschäden eingesetzt, wenngleich nicht ausreichend gesichert ist, ob sie tatsächlich wirken. Vereinzelt lindern hochdosierte Distelextrakte Nebenwirkungen einer medikamentösen Behandlung. Genuss ohne Reue ist aber selbst mit der Mariendistel nicht möglich. Schlagen Sie bei einem Fest oder einem gemütlichen Beisammensein über die Stränge, dann sorgen Sie einfach für ausreichend Bewegung. Wie Sie auch bei tiefen Temperaturen aktiv bleiben, lesen Sie hier.

Welche Fähigkeiten unsere Leber besitzt und wie man sie am besten schützen kann, lesen Sie in der ernährung heute 2_2017.

Literatur

Medizin-Transparent: Mariendistel zur Leber-Erholung unklar. www.medizin-transparent.at/mariendistel-zur-leber-erholung-fragwurdig#ref1 (Zugriff am 18.12.2017)
Rambaldi A, Jacobs BP, Gluud C: Milk thistle for alcoholic and/or hepatitis B or C virus liver diseases. Cochrane Databse of Systematic Reviews 2007. www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5526770/ (Zugriff am 18.12.2017)
Buzzetti E et al: Pharmacological interventions for alcoholic liver disease (alcohol-related liver disease). Cochrane Hepato-Biliary Group. onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD011646.pub2/abstract (Zugriff am 18.12.2017)

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