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Adipositasprävention: motivieren statt einengen

Das Bewusstsein für einen gesunden Lebensstil muss von klein auf geschärft werden. Dass rigide Verbote bei der Vorbeugung von Übergewicht und Adipositas fehl am Platz sind, sollte dabei selbstverständlich sein. Darin waren sich Experten aus den Bereichen Ernährung, Medizin, Gesellschaft und Politik bei der Round-Table-Diskussion anläßlich des ersten „Europäischen Tag zur Bekämpfung der Adipositas" einig.

Um das Problem an der Wurzel zu packen, so die Experten, muss die Ernährungsaufklärung
ab dem Kindergartenalter beginnen - Kinder erziehen bekanntermaßen auch ihre Eltern, die vielleicht nicht immer als gutes Beispiel vorangehen. Dabei sollen den Kindern die unmittel-
baren Konsequenzen vermittelt werden, denn für sie ist Gesundheit auf lange Sicht kein Thema. Wie bei den Kindern, geht es auch bei den Erwachsenen um Essmotive, die nichts
mit Gesundheit zu tun haben. Laut dem Ernährungspsychologen Dr. Thomas Ellrott sind die wichtigsten Genuss und Geschmack. Erst nach Convenience und Preis rangiert das Gesund-
heitsargument auf dem fünften Platz. Soll also mehr Gesundes konsumiert werden, macht es keinen Sinn mit Gesundheitsaspekten zu werben, sondern mit den attraktiveren Werten Genuss und Spaß.

Info zwischen den Zeilen: Laut österreichischem Ernährungsbericht 2008 sind etwa 42 % der 18- bis 65-Jährigen übergewichtig, 11 % davon adipös. Bei Kindern im Schulalter ist Über-
gewicht oder Adipositas ebenfalls häufig anzutreffen: 18 % der Mädchen und 21 % der Buben im Alter von 6-15 Jahren weisen ein erhöhtes Körpergewicht auf.
Ebenso ist ein Umdenken in der Schule angesagt. Denn den Turnunterricht über die Leis-
tungserbringung zu bewerten, motiviert die Schüler der höheren Gewichtsklassen nicht
zu mehr Bewegung. Vielmehr wäre eine Turnnote resultierend aus dem Prozentsatz von erbrachter Mitarbeit sinnvoll. Anhand des Beispiels der „Fitten Schule" in Deutschland wird erkennbar, dass sich Bewegung günstig auf die schulische Leistung auswirkt. Es wurde gezeigt, dass die Schüler besser in Mathematik abschnitten, wenn eine zusätzliche Turnstunde am Lehrplan stand - und nicht eine zusätzliche Mathematik-Stunde. Auch kurze Bewegungspausen während des Unterrichts in spielerischer Form sind wirkungsvoll.

Auf den Umfang kommt es an
Dass das Bauchfett in der Regel negativere Auswirkungen auf die Gesundheit hat als Fett, das an anderen Stellen des Körpers eingelagert ist, wird immer deutlicher.
Info zwischen den Zeilen: Derzeit werden folgende Werte in der Praxis als Richtlinien hergenommen: Ab einem Taillenumfang von mehr als 80 cm bei Frauen und mehr als 94 cm bei Männern erhöht sich das Risiko für metabolische und kardiovaskuläre Erkrankungen sowie für Diabetes Typ II. Liegen die Werte über 88 cm bzw. 102 cm ist das Risiko deutlich erhöht.
Eine neue Maßzahl, das „Waist to Heigt Ratio (WHtR)" wird nun in Fachkreisen als Methode diskutiert, um die Gesundheitsrisiken besser einschätzen zu können. Zur Berechnung des WHtR wird der Taillenumfang in cm durch die Körpergröße in cm dividiert. Ein Beispiel: Eine Frau ist 168 cm groß und hat einen Taillenumfang von 83 cm. Ihr WHtR beträgt demnach 0,49 und befindet sich somit im Normalbereich.

Grundsätzlich sollte das WHtR für beide Geschlechter bis zum 40. Lebensjahr unter 0,50 liegen, zwischen 40 und 50 Jahren dürfen pro Jahr 0,01 Punkte addiert werden. Bei Über-50-Jährigen sollte der WHtR-Wert nicht über 0,60 liegen. Für Jugendliche gelten Normalwerte zwischen 0,34 und 0,45, während für Kinder kein WHtR festgelegt ist.

Gewichtsmanagement step by step
Wichtig war es den Experten hervorzuheben, dass beim Gewichtsmanagement die kleinen Erfolge essentiell sind: Schon eine Abnahme von 5-10 % des Körpergewichts bei Über-
gewichtigen geht mit eindrucksvollen Verbesserungen von Risikofaktoren für Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen einher. Bei der Prävention dieser Krankheiten geht es daher nicht darum, Idealmaße zu erreichen. Viel wichtiger ist das schrittweise Herantasten an realistische Ziele.

Fazit
Schon im Kindergarten sollte behutsam und ohne Verbote über eine gesunde Lebensweise aufgeklärt werden, um gegen Übergewicht und Adipositas vorzugehen. Dabei ziehen bei den Kindern die Argumente Freude und Genuss am Essen mehr als Gesundheitsaspekte. In der Therapie von Übergewicht und Adipositas verbessert sich der Gesundheitsstatus schon bei einer Gewichtsabnahme von 5-10 %. Spannend wird in nächster Zeit, welcher Messwert für
das Gesundheitsrisiko sich in Zukunft durchsetzen wird.


Quelle:
Round-Table-Gespräch mit Experten aus den Bereichen Ernährung, Medizin, Gesellschaft und Politik, veranstaltet von der Österreichischen Apothekerkammer und der Diabetes Initiative Österreich am 21. Mai 2010 in Wien.

Es diskutierten:
Dr. Sophie Karmasin, Geschäftsführerin der Karmasin Motivforschung
Karin Kadenbach, Mitglied im Europäischen Parlament (Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit)
Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Endokrinologe und Stoffwechselexperte, Klinik für Innere Medizin III, AKH Wien, Präsident der Diabetes Initiative Österreich
Prof. Dr. Hermann Toplak, Endokrinologe und Stoffwechselexperte, Univ. Klinik für Innere Medizin Graz, Vizepräsident der Österreichischen Adipositasgesellschaft
Prof. Dr. Lothar Kolmer, Leiter des interdisziplinären Zentrums für Gastrosophie. Ernährung Kultur Gesellschaft, Universität Salzburg
PD Dr. Thomas Ellrott, Ernährungspsychologe, Leiter des Instituts Ernährungspsychologie, Universität Göttingen
Mag. Max Wellan, Vizepräsident der Apothekerkammer Wien

Bachmann C: WHtR: Bedeutung je nach Alter. http://www.gesundheit.ch/whtr
(Zugriff am 31.5.2010).


[Artikel erstellt/geändert am: 14.06.2010]