21.06.2012

Essen – Privatsache oder Staatsaffäre?

Symposium in Wien beleuchtete die Frage nach Privatheit der Ernährung versus Politikum

Die Themen Eigenverantwortung und Privatheit im persönlichen Ernährungs- und Lebensstil versus Sinn und Legitimität von staatlichen Eingriffen in die individuelle Ernährungsweise standen aktuell im Fokus des Symposiums „Freiheit oder Fremdbestimmung: Wie privat ist Essen?". Bei der vom forum. ernährung heute initiierten Veranstaltung erörterten namhafte Experten Positionen, kontroversielle Sichtweisen und Denkansätze. Soziale Stigmatisierung von ‚Präventionsverweigerern‘ wurde ebenso heftig diskutiert wie der vorherrschende Gesundheitswahn an sich. Ausgehend von den internationalen Diskussionen und auch hierzulande geplanten „Gesundheitszielen" wurden die Grenzen zwischen privater Verantwortung und öffentlichen sowie moralischen Eingriffen beim Thema Gesundheit und (falscher) Ernährung beleuchtet. Die Vortragenden näherten sich dem Thema aus sozialwissenschaftlicher wie auch politischer, philosophischer und alltagspraktischer Sicht.

Egal ob die aktuelle Diskussion zum Verbot von zuckerhaltigen, übergroßen Limonaden in New York, die angedachte Einführung einer „fat tax" in Großbritannien oder die erst unlängst kommunizierten Gesundheitsziele des heimischen Gesundheitsministeriums - Gesundheit und Ernährung des Individuums und die Verantwortung der Gesellschaft sind ein hochemotionales, spannungsgeladenes Thema: Wie privat ist Essen, und wie privat darf es sein? Der persönliche Ernährungs- und Lebensstil wird traditionell als Teil des Privaten gesehen, aber ganz schnell zum Politikum, wenn es um Themen wie Übergewicht, Adipositas bzw. Belastung des allgemeinen Gesundheitswesens geht. Aktuelle Entwicklungen in den USA und Europa in einem Vergleich der letzten Jahrzehnte weisen auf ein massives Public-Health Problem hin, das sich weiter zuspitzt und die Hauptkrankheitslast der Gesellschaft ausmacht. Die Zahl der Übergewichtigen und Adipösen ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.

Dabei darf nie nur allein das Essen betrachtet werden, denn mangelnde Bewegung spielt immer auch eine ausschlaggebende Rolle bei ernährungsmitbedingten Krankheiten. Darüber hinaus - und das hat das Symposium ganz deutlich gezeigt - geht die Diskussion weit über die ernährungswissenschaftliche Komponente hinaus und mündet direkt in eine soziale und politische Debatte, die auch Gefahren der sozialen Stigmatisierung von übergewichtigen Menschen birgt. „Die aktuellen ernährungspolitischen und sozialen Entwicklungen bzw. die internationale Berichterstattung zu den Diskussionen rund um die Fett- bzw. Zuckersteuer zeigt, dass unser Thema nicht aktueller und vor allem kontroverser hätte sein können. Damit sind wir mit unserem Symposium genau am Puls der Zeit", so Mag. Marlies Gruber, wissenschaftliche Leiterin des forum. ernährung heute.

Positionen, Ansatzpunkte und Handlungsfelder

Für den Spannungsbogen bei den Vorträgen und Diskussionen des Symposiums sorgte die Annahme von zwei Extrempositionen: Der Mensch muss durch staatliche Verbote und Gebote geleitet werden. Oder: Selbstbestimmte und vernunftgelenkte Menschen leben in einer aufgeklärten Gesellschaft, die durch Wissen und Bildung gestärkt wird.

Wie unterschiedlich dies wahrgenommen wird, zeigten die verschiedenen Plädoyers der Referenten: Aus gesundheitspolitischer Sicht lässt sich aus der suboptimalen Ernährungssituation der Österreicher(innen) ein klarer politischer Handlungsauftrag ableiten, um die in Gesundheit verbrachte Lebenszeit zu verlängern. Doch auch aus privater Perspektive - frei nach dem Motto „Mein Bauch gehört mir und geht niemanden etwas an" - werden politische Maßnahmen gefordert. Denn um selbst für gute Ess-Entscheidungen sorgen zu können, muss das Schulfach „Kochen und Lebensmittelkunde" etabliert werden. Dabei geht es um eine frühe Geschmacksschulung, den verstärkten Ausbau der Genusskompetenz bis hin zum Aufbau einer persönlichen „kulinarischen Bibliothek" im eigenen Kopf. Dass das eigene Essverhalten auch weitreichende Auswirkungen haben kann, zeigten die Ausführungen zum lebensmittel-bezogenen CO2-Fußabdruck: Wer auf ein Kilo Rindfleisch verzichtet, hat CO2-mäßig ein Jahr PC-Nutzung inkl. Produktion des Geräts eingespart. Vor allem was den Fleischkonsum betrifft ist unsere Gesellschaft nicht zukunftsfähig und benötigt einen ökologischen kategorischen Imperativ, der im Sinne einer globalen Ethik den Rahmen für neue zukunftsfähige Lebensstile bildet. Essen - eine individuelle Angelegenheit? Aus dieser Perspektive: keineswegs! Um Ethik ging es auch beim Vortrag zu veganen Lebensweisen, die derzeit als Megatrend ausgemacht werden - die Zahl der Veganer wird konsequent größer und ruft auch immer mehr Flexitarianer - Menschen, die vegane Elemente in ihren Ernährungsstil einbeziehen - hervor.

Univ.-Prof. Dr. Jürgen König, Universität Wien, stellte als Fazit des Symposiums provokante Fragen in den Raum: „Leben wir in einer infantilen Gesellschaft, die geschützt und durch Verbote und Gebote gelenkt und gesteuert werden muss? Und was müssen wir tun, welche Maßnahmen müssen wir setzen, damit unsere Gesellschaft erwachsen wird und nicht mehr vor sich selbst geschützt werden muss?".

Politische und soziale Komponente: Neue maßvolle und bewusste Kulturen ausbilden

Darüber, dass es sich bei Essen, Übergewicht und Fehlernährung um sozial indizierte kulturelle Phänomene handelt, waren sich die Diskutierenden einig. Kulturell geprägtes Verhalten zu ändern, zählt jedoch zu den schwierigsten Aufgaben. Daher können nur gesamt-
gesellschaftliche Ansätze erfolgreich sein, die in alle Politik- und Lebensbereiche reichen und soziale Ungleichheiten berücksichtigen und aufwiegen. Es geht vor allem um die Stärkung des Individuums und dessen Selbstverantwortung durch Bildung und Wissen allgemein, wie auch konkret um Kompetenzschulungen für den bewussten Umgang mit Lebensmitteln und Genuss. Kulinarische Intelligenz sollte bereits im Rahmen des Schulsystems über eigene Unterrichtsfächer gefördert werden: Nur wer um Differenzen im Geschmack weiß, kann sie auch benennen, und wird bei seiner Ernährung dementsprechend agieren. Das ist Kulturpolitik, die alle Gesellschaftsbereiche berücksichtigen muss und soziale Träger braucht, die vernünftige und maßvolle Ernährung lehren. Denn Politik kann und darf nur die Rahmenbedingungen schaffen, damit persönliche Freiheit aktiv gelebt werden kann. Nachhaltig wirksam, so der einhellige Tenor, ist demnach nur ein umfassendes Konzept, das Politik, Wirtschaft, Bildungsstätten, Institutionen, Vereine, NGOs usw. - also alle Gesellschaftsbereiche - umfasst und von allen gleichermaßen getragen wird. 

Dogmen und Prinzipien der Gesundheitsgesellschaft - Gesundheit als „Ersatzreligion"?

Hitzig debattiert wurde die Position, dass die Gesundheit zwar das höchste Gut des Menschen sei, aber mittlerweile als wichtigster Lebensinhalt, ja als neue Ersatzreligion gesehen werde. Denn heute wird der Mensch in der Ordination des Arztes so wahrgenommen wie früher im Beichtstuhl. Doch während „Sünder" in der Kirche von der Schuld entbunden werden, sprechen Ärzte einen nicht „frei", sondern verweisen auf die dringende Eigenverantwortung. Das dauernde „eigentlich sollte ich..." führe zu einem massiven Verlust an Lebensfreude, der gegenübersteht, das Leben zu genießen und auszukosten, und lebenssatt - satt von der ganzen Fülle des Lebens - zu sterben. Wünschenswert wäre also, dem Diktat der Gesundheitsgesellschaft und der geforderten Askese zu widerstehen und die Lebensfreude stärker zum Zug kommen zu lassen. Einig waren sich Vortragende und Publikum darüber, dass das korrekte Zitat der landläufig als „mens sana in corpore sano" bekannten Redewendung des Dichters Juvenal (Satiren 10, 356) das Gebot der Gesundheitsgesellschaft angemessen relativiert: Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano: Beten sollte man darum, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei. Es wäre also wünschenswert und ist nicht als Imperativ zu verstehen.

Fettsteuer: Stigmatisierung von Lebensmitteln und Eingriff in die Privatsphäre?

Länder wie Dänemark und Ungarn preschen derzeit mit staatlichen Steuerungsinstrumenten wie Steuern auf fett- oder  zuckerreiche Lebensmittel vor und sorgen damit international für Debatten. Die Wirkung dieser Maßnahmen wird allerdings als gering eingeschätzt. Auch von Seiten des Gesundheitsministeriums wird attestiert, dass Fettsteuern keine steuernde Wirkung haben. Zudem werden mit steuerlichen Maßnahmen nicht nur die Lebensmittel  „bestraft und gebrandmarkt", sondern auch Konsumenten und deren Lebenswandel sanktioniert und stigmatisiert. „Bei den derzeit hitzig geführten Debatten um eine Fettsteuer wird übersehen, dass die Steuerungswirkung mehr als fraglich ist und dies kein Allheilmittel sein kann. Darüber waren sich auch die Experten beim Symposium einig", so Marlies Gruber. Derzeit liegen zum gesamten Wirkungsgrad derartiger Maßnahmen noch keinerlei evidenzbasierte Aussagen vor: Kein Mensch weiß, ob sich Ess- und Trinkverhalten durch fiskalpolitische Maßnahmen in relevantem Ausmaß in eine gesundheitsorientierte Richtung ändern (würden).

Weitere Informationen sowie die Abstracts der Vorträge sind online verfügbar.

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