04.03.2015

Neue WHO-Zuckerguideline verkennt Ursachen

Ist es das Aus für den Zucker im Kaffee? Darf man Kuchen nur noch mit schlechtem Gewissen essen und Marmelade bloß hauchzart aufs Brot schmieren? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Hinblick auf die Prävention von Adipositas und Zahnkaries eine neue Leitlinie für den Konsum von Zucker herausgegeben, deren Begründung durchaus zweifelhaft ist.

Bereits 1989 und 2002 hatte die WHO die Empfehlung ausgesprochen, nicht mehr als 10 % der täglich aufgenommenen Kalorienmenge (Energieprozent)  in Form von freiem Zucker* aufzunehmen. Unter dem Aspekt der Prävention von Adipositas bekräftigt die WHO nun diese Empfehlung. „Die wissenschaftlichen Belege zur Untermauerung dieser Empfehlung sind jedoch mager. Die WHO verweist selbst auf eine Meta-Analyse, wonach sich das Körpergewicht nicht ändert, wenn man beim Zucker spart, aber insgesamt gleich viel Energie aufnimmt“, sagt Marlies Gruber, wissenschaftliche Leiterin des forum. ernährung heute.

Zuckeraufnahme im grünen Bereich

Bei der Entstehung von Adipositas spielen soziale, psychologische, genetische, mentale und andere Faktoren wie Schlafmangel eine Rolle. Laut Wiener Ernährungsbericht 1994 und Österreichischen Ernährungsbericht 2012 liegt die tägliche Energieaufnahme seit zwanzig Jahren bei rund 2.000 Kalorien. „Während die tägliche Kalorienzufuhr in den vergangenen Jahrzehnten nahezu gleich blieb, bewegen sich die Menschen immer weniger. Sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene verbringen ihre Zeit heute in einem besorgniserregenden Ausmaß körperlich inaktiv und drosseln so ihren Energieverbrauch.“, so Gruber.
Der jährliche Gesamtzuckerverbrauch pro Kopf ging seit 1994 von 41 kg auf 37 kg in 2012/13 sogar zurück. Die Verwendung von Haushaltszucker zuhause nahm innerhalb von zehn Jahren um knapp ein Fünftel ab (32 g/d vs. 26 g/d), so die Statistik Austria 2009/10. Dem Österreichischem Ernährungsbericht 2012 zufolge liegt der aktuelle Zuckerkonsum hierzulande bei knapp unter 10 Energieprozent. „Wie die Konsumdaten zeigen, sind die Österreicher beim Zuckerverzehr auf einem guten Weg. Wer maßvoll und vernünftig mit Süßem umgeht, kann dies auch weiterhin entspannt und mit gutem Gewissen tun“, kommentiert Gruber.

Österreich ist Vorbild in Sachen Zahngesundheit

Zur Prävention von Zahnkaries hat die WHO eine  „bedingte Empfehlung“ herausgegeben, wonach  nur 5 Energieprozent aus freiem Zucker stammen sollen. Das sind rund 25 g pro Tag, die entsprechen einem Glas Fruchtsaft (250 ml) oder eineinhalb Portionen Honig (35 g). „Bedingte Empfehlung“  heißt, dass sie erst dann umgesetzt werden soll, wenn sie in den einzelnen Ländern für gesundheitspolitisch angemessen bewertet wurde. „In Bezug auf die Zahngesundheit bietet in Österreich ein weiterer Verzicht auf Zucker kaum effektives Potenzial“, sagt Gruber dazu.

Denn sieht man sich die WHO-Ziele zu Zahnkaries und den im Fünfjahres-Rhythmus erhobenen Status dazu in Österreich an, so zeigt sich, dass hierzulande Mundhygiene großgeschrieben wird. Bei den Sechsjährigen ist seit 1996 ein deutlicher Rückgang von Milchzahnkaries zu verzeichnen. Über die gesamte Altersgruppe gesehen ist jedes zweite Kind kariesfrei. 80 % der Kariesfälle konzentrieren sich auf ein Viertel der Sechsjährigen. Den Erfolg der oralen Basisprophylaxe (Gruppenprogramme und individuelle zahnärztliche Prävention) belegen die Daten der Jugendlichen. Im Durchschnitt haben aktuell Zwölfjährige 1,4 von Karies betroffene Zähne. Damit wird der von der WHO für 2020 vorgegebene Zielwert von 1,5 bereits unterschritten. Auch bei den 18-Jährigen sieht es gut aus: 97 % weisen ein lückenloses Gebiss auf. Die WHO definierte hier als Ziel für 2020 eine Zahnverlustrate aufgrund von Karies von Null. Die durchschnittliche Anzahl der wegen Karies gezogenen Zähne liegt in Österreich bei den 18-Jährigen derzeit bei 0,05. Im Erwachsenenalter ist erwiesenermaßen der häufigste Grund für Zahnverlust Parodontitis (Zahnbettentzündung). Die WHO richtet das Augenmerk daher bei Erwachsenen nicht auf Karies, sondern auf die Vollständigkeit des Gebisses und parodontale Gesundheit.

„Was Karies betrifft, so tragen nicht nur zuckerhaltige Lebensmittel zur Entstehung bei, sondern alle stärkehaltigen Nahrungsmittel, z. B. auch Brot, Reis oder Kartoffeln. Generell ist jedoch weniger die Art und Menge der Kohlenhydrate ausschlaggebend. Vielmehr kommt es auf die Häufigkeit des Konsums an. Ständiges Zwischendurchessen und -trinken bildet dabei die größte Gefahr für die Zähne. Ein Glas Wasser nach dem Snack oder nach gesüßtem Tee oder Saft hilft, vorzubeugen. Doch das wichtigste ist eine gute Mundhygiene. Im europäischen Vergleich kann Österreich hier gut mithalten“, erläutert Gruber. 98 % der Erwachsenen sagen laut aktuellen Zahnstatuserhebungen, dass sie ihre Zähne täglich reinigen.

*Unter freiem Zucker sind Monosaccharide wie Glukose und Fruktose und Disaccharide wie Saccharose, der gewöhnliche Haushaltszucker, gemeint, die Produkten und Speisen von den Herstellern, Köchen oder Konsumenten zugesetzt werden. Zucker in Honig, Fruchsäften, Fruchtsaftkonzentraten und Sirup zählt die WHO ebenfalls zu „freien Zuckern“.

Quellen

Evidenzbasierte Leitlinie: Kohlenhydratzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten Version 2011. www.dge.de/modules.php

STATCube – Statistische Datenbank von Statistik Austria: Versorgungsbilanz für Zucker ab 1994/95: statcube.at/superwebguest/login.do

Gesundheit Österreich GmbH: Zahnstatuserhebungen. www.goeg.at/de/Bereich/Zahnstatuserhebungen.html
Elmadfa I et al: Österreichischer Ernährungsbericht 2012, 1. Auflage, Wien 2012.

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