24.04.2018

Palmöl-Boykott ist keine Lösung

5. feh-Dialog diskutiert über Folgen des Palmölkonsums

Die ökologischen und sozialen Folgen der Palmölwirtschaft sind massiv. Initiativen sind mehr denn je gefragt. Daher lud das forum. ernährung heute am 19. April zum 5. f.eh-Dialog „Reden wir über Palmöl“ in Wien. Der Einladung folgten rund 70 Vertreter aus den Bereichen Konsumentenschutz, Handel, Landwirtschaft, Ernährungswissenschaft und Medien. Die geladenen Experten beleuchteten Palmöl aus unterschiedlichen Perspektiven. Erste Erkenntnis am Ende des Tages: Palmöl ist ein hochkomplexes Thema. Zweite Erkenntnis: Kein Palmöl ist auch keine Lösung.

Weniger Emotion, mehr Rationalität

Palmöl ist ein emotional und kontrovers diskutiertes Thema. Gerodete Regenwälder, Verlust der Biodiversität, verlorener Lebensraum für Tiere und indigene Völker sowie fragwürdige Arbeitsbedingungen in den Anbaugebieten sind berechtigte Bedenken. „Das Ziel des forum. ernährung heute ist, bewusst auf wissenschaftlich fundierte Informationen zu bauen und auch kontroverse Themen auf sachlicher Ebene zu diskutieren“, betont Peter Reinecke, Präsident des f.eh.

Sachlichkeit ist gerade in der Palmölproblematik gefragt. Die auf den ersten Blick einfache Lösung – der Ersatz von Palmöl durch andere Pflanzenöle wie Kokos-, Soja- oder Rapsöl – stellt sich auf den zweiten Blick als kontraproduktiv heraus. Denn Palmöl hat im Vergleich zu alternativen Ölsaaten eine eindeutig höhere Flächeneffizienz. Ein Hektar Land liefert bis zu 4 t Palmöl, aber nur 0,7 t Kokos-, Raps- oder Sonnenblumenöl bzw. 0,4 t Sojaöl. „Insbesondere wenn wir beginnen, Palmöl durch andere tropische Öle zu ersetzen, hat das fatale ökologische Auswirkungen“, warnt Helene Glatter-Götz vom WWF Österreich.

Experten: Palmöl ist kein schlechtes Fett

Regine Schönlechner vom Institut für Lebensmitteltechnologie der BOKU Wien stimmt zu: „Palmöl zerstört Regenwald und vertreibt Menschen aus ihren angestammten Gebieten. Das ist aber bei anderen Rohmaterialien wie Zuckerrohr oder Sojabohnen auch der Fall, nur Palmöl steht eben in der medialen Kritik.“ Schönlechner betont, dass Palmöl aus technologischer Sicht oft nicht zu ersetzen ist. Es besteht je zur Hälfte aus gesättigten und ungesättigten Fettsäuren und zerfällt bereits bei Raumtemperatur in seine flüssige und feste Fraktion. Dadurch ist es zur Fraktionierung besonders geeignet, kann gehärtete Fette ersetzen und trägt so zur Vermeidung von Transfettsäuren in Lebensmitteln bei. Für Produzenten ist das relevant, weil die österreichische Transfettsäure-Verordnung die Herstellung von Lebensmitteln mit einem Gehalt von mehr als 2 % Transfettsäuren verbietet.

Durch seinen breiten Schmelzbereich zwischen 36 und 45 °C, verleiht Palmöl u. a. Nuss-Aufstrichen und Cremen ihre typische, zart schmelzende Konsistenz. Kokosfett dagegen hat einen sehr hohen Anteil kurzkettiger Fettsäuren, einen besonders engen Schmelzbereich und wird bereits bei 24 °C flüssig. Abgesehen davon existieren dafür keine Nachhaltigkeitszertifizierungen. „Ernährungsphysiologisch ist Palmöl anderen festen Fetten mit ähnlichen physikalischen und technologischen Eigenschaften, wie Butter oder Kokosfett, überlegen.“

Lösungsansätze für das Palmöldilemma sind aus ihrer Sicht u. a. die Reduktion des Gesamtfettverzehrs sowie die Beschränkung des Einsatzes auf die technologisch absolut notwendigen Produkte, wie Margarine und Ziehmargarine. Palmöl kann zudem überall dort durch heimische Pflanzenöle ersetzt werden, wo eine feste Konsistenz nicht nötig ist, so bei Salatölen oder Frittierfetten.

Entwarnung bei Rückständen

Bedarf an rationalem Diskurs (nicht nur) rund um Palmöl sieht auch Ingrid Kiefer, Leiterin des Fachbereiches Risikokommunikation der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Regelmäßige AGES-Untersuchungen zeigen, dass der Gehalt der Kontaminanten 3-MCPD, 2-MCPD und Glycidyl-Fettsäureester in den letzten Jahren laufend abnimmt. „Auch die gemessenen Maximalwerte gehen systematisch zurück, was unter anderem auf technologische Verbesserungen im Verarbeitungsprozess hinweist“, so Kiefer. Angesichts dessen, dass Grenzwerte auch immer einen Sicherheitspuffer berücksichtigen, sieht Kiefer den Palmölkonsum als sicher. Mögliche Bedenken bestehen lediglich für die Gruppe der (meist jugendlichen) Vielverzehrer von palmölreichen Produkten, so Kiefer.

Palmöldiskussion betrifft viele Lebensbereiche

Palmöl ist mittlerweile das meist genutzte Pflanzenöl der Welt und hat einen Anteil von rund 43 % an der gesamten Ölmenge. Die Hauptanbauländer sind Indonesien und Malaysia, die größten Importeure andere asiatische Länder, allen voran Indien und China. Auf den Konsum in Europa entfallen rund 11 %. Davon wiederum geht der größte Teil mit 45 % in die Produktion von Biosprit, 34 % fließen in die Lebensmittelbranche und 16 % werden zur Energiegewinnung für Strom und Wärme genutzt. Den Rest findet man in Produkten wie Waschmitteln, Kosmetika und Seifen.

Die Fakten zeigen, dass in die Gesamtdiskussion rund um Palmöl vor allem auch der Biospritverbrauch einfließen muss. In der EU wird derzeit ein Verbot von Palmöl in Biosprit thematisiert. „Die derzeitige Diskussion in der EU über ein Verbot von Palmöl in Biodiesel bringt die Anbauländer Malaysia und Indonesien sprichwörtlich ‚auf die Palme’“, meint Florian Rauch, Geschäftsführer der VFI in Wels. Denn zuletzt haben sie sich bemüht, Naturschutz und die Anbautechnik zu verbessern, nachdem zehn Jahre zuvor der EU-Biodieselboom die angeprangerten Brandrodungen erst ausgelöst hat. „Man darf nie vergessen, dass die Politiker in den Anbauländern unter großem Druck stehen, Arbeitsplätze zu schaffen. Wir müssen Kunde bleiben! Nur als Kunde können wir einfordern, dass sie ihren Anbau auf Nachhaltigkeit umstellen. Spätestens wenn der Mineralölpreis wieder einmal steigt, müssen die neuen Regeln gut gelernt sein, sonst geht’s erst richtig los mit Tank gegen Teller und hemmungslosem Raubbau an der Natur.“

Boykott schadet mehr als er nutzt

Auch für Glatter-Götz ist der Palmölbedarf durch Biodiesel ein relevanter Teil des Problems. Steigende Bevölkerungszahlen, zunehmender Wohlstand und Treibstoffverbrauch sind wesentliche Faktoren für den insgesamt wachsenden Bedarf an Pflanzenölen. „Weniger Individualverkehr würde auch den Bedarf für Palmöl senken. Ebenso ein bewusster Lebensmittelkonsum. Das bedeutet, möglichst oft selbst zu kochen, wenig Convenience- und viel unverarbeitete Lebensmittel zu verwenden, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren sowie beim Kauf von Produkten auf eine Nachhaltigkeitszertifizierung wie Bio oder RSPO zu achten.“ Ganz von der Palmölproduktion wegzukommen ist für Glatter-Götz unrealistisch, ja, gar nicht gewollt. Vielmehr geht es darum, dass sich Importländer dafür einsetzen, Mindeststandards wie RSPO stetig weiterzuentwickeln und auf deren Einhaltung zu pochen.

Europäische Importeure sind Triebfeder für nachhaltige Entwicklungen

Ein Bann auf Palmöl, wie es in manchen europäischen Regierungen diskutiert wird, würde nur dazu führen, dass sich der Konsum nach Asien verlagert und europäische Stakeholder kein Interesse mehr daran hätten, sich für eine nachhaltigere Palmölproduktion in den Anbauländern zu engagieren. Denn, so die WWF-Expertin, „europäische Initiatoren sind derzeit die einzige Triebfeder für nachhaltigere Methoden in den Anbauländern und damit für die Verbesserung der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation dort“. So berichtet auch Livia Kolmitz, verantwortlich für die Kommunikationsagenden von Mondelez, dass seit 2013 ausschließlich RSPO-zertifiziertes Palmöl eingesetzt wird. Wenn Konsumenten nun Palmöl prinzipiell ablehnen und Hersteller oder Handel daraufhin nur mehr auf palmölfreie Produkte setzen, hat auch eine RSPO-Zertifizierung keinen Nutzen mehr. Die Folge: Das Engagement europäischer Importeure für Nachhaltigkeit lässt nach. Den ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Schaden hätten erst recht wieder die Anbauländer.

Marlies Gruber, Geschäftsführerin des f.eh, ist überzeugt, dass ein Palmöl-Diskurs auf sachlicher Ebene weitergehen muss. „Der Diskurs zeigt, dass ein Bann von Palmöl keine Lösung ist und sich Europa seiner Verantwortung bewusst sein muss. Denn nur als Kunde können wir wesentlich zur Weiterentwicklung von Mindeststandards beitragen. Dafür müssen Hersteller, Handel und Politik an einem Strang ziehen und Konsumenten bei den entsprechenden Produkten Bio- oder RSPO-zertifizierte Ware wählen.“

Fotos und Unterlagen zur Veranstaltung finden Sie hier.


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