23.07.2009

So genießt Österreich - Typologien und Lebensstile: Genuss steigert Lebensqualität

Das Österreichische Genussbarometer ist die erste wissenschaftliche Erhebung zum Genussverhalten der Österreicherinnen und Österreicher. Im zweiten Teil des Genussbarometers stehen die Genusstypologie und der direkte Zusammenhang mit der Lebensqualität im Vordergrund der Betrachtung.

Genuss ist eine stark subjektive Wahrnehmung, die mehr eine Frage des Lebensstils als jene der Geldtasche ist. Wie wichtig Genießen für die Lebensqualität und die Gesundheit ist, wird auch in der Wissenschaft immer deutlicher. Denn Gesundheit ist nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen, sondern ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Und hier spielt das „Genießen-Können" eine zentrale Rolle.

Genießen, aber mit schlechtem Gewissen

Erstmals nimmt nun das forum. ernährung heute eine Auswertung nach Genusstypen vor. Dabei stellt sich heraus, dass die überwiegende Mehrheit Genusszweifler sind: insgesamt 67,5 % (davon 64,3 % weiblich und 70,8 % männlich). Genusszweifler sind ambivalente Genießer, die eigentlich gerne genießen, dies aber immer mit schlechtem Gewissen tun. Sie ängstigt der Gedanke, beim Genießen zu gierig oder unkontrolliert zu handeln und sie befürchten vor allem zeitliche und finanzielle Kosten. Dem Typus Genießer können 17,4 % (davon 20,5 % weiblich und 14,0 % männlich) zugeteilt werden, als Genussunfähige lassen sich 15,2 % kategorisieren (davon 15,1 % weiblich und 15,2 % männlich).

„Schlechtes Gewissen und Schuldgefühle sind keine guten Begleiter beim Essen. Sie rauben nicht nur einen Teil der Freude, sondern sind negative Emotionen, die auch ungünstige gesundheitliche Folgewirkungen haben können", sagt Mag. Marlies Gruber, wissenschaftliche Leiterin des forum. ernährung heute, und ergänzt: „Um genießen zu können, braucht es auch Phasen des Verzichts und die Gabe, Maß halten zu können."

Genuss steigert die Lebensqualität

Am Beispiel des Genießers lässt sich der direkte Zusammenhang zwischen Genuss, Gesundheit und Lebensqualität deutlich ablesen: Das Genießen wirkt sich positiv auf die Stimmung aus und steigert Selbstbewusstsein und Leistungsfähigkeit. Zudem sind Genießer öfter optimistisch, glücklich, ausgeglichen und entspannt - das zeigen die Ergebnisse des Ersten Österreichischen Genussbarometers. Genießer schätzen insgesamt ihre Gesundheit und ihr allgemeines Wohlbefinden subjektiv höher ein und erklären deutlich, dass sie sich bester Gesundheit erfreuen.
Genusszweifler, und besonders die Genussunfähigen, nehmen die Welt anders wahr: Sie sind bedeutend öfter pessimistisch, unsicher, mutlos, traurig oder sogar so niedergeschlagen, dass nichts sie aufheitern konnte. Weiters erwarten Genusszweifler signifikant häufiger dass ihre Gesundheit nachlässt und meinen öfter: „Ich habe weniger geschafft als ich wollte" oder sie haben vermehrt „Schwierigkeiten bei der Ausführung" von alltäglichen Aufgaben aufgrund von körperlichem oder seelischen Unwohlsein. Genussunfähige glauben noch dazu sogar, etwas leichter krank zu werden als andere. Der Genussunfähige kann auch kaum Vorteile des Genießens feststellen: Er kann sich weder vorstellen, damit seine Laune, sein Selbstbewusstsein, seine Leistungsfähigkeit oder Problemlösekompetenzen zu verbessern, noch nimmt er die entspannende Qualität von Genuss wahr.

„Lebensmittel zu genießen ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Umganges mit Ernährung, denn es hilft uns zu einem bewussteren und damit verantwortungsvolleren Umgang mit der Ernährung und damit auch unserer Gesundheit", erläutert Univ.-Prof. Dr. Jürgen König vom Department für Ernährungswissenschaften der Universität Wien.

Gesünder essen ist nicht mit weniger Genuss verbunden...

... ganz im Gegenteil: Genießer verbinden mit gesundem Essen deutlich stärker frische Lebensmittel, Gemüse, maßvoll und ausgewogen zu essen. Und sie geben auch an, deutlich mehr Obst und Gemüse zu konsumieren als Genusszweifler und Genussunfähige. Allgemein wird unter „gesundem Essen" Folgendes verstanden:

    • Obst (73,5 %)
    • Gemüse (72,1 %)
    • Frische Lebensmittel (61,3 %)
    • Fisch (55,5 %)
    • Ausgewogen essen (45,7 %)
    • Maßvoll essen (33,9 %)
    • Bio Lebensmittel (31,7 %)
    • Fettarme Speisen (26,3 %)
    • Kalorienreduziert essen (15,6 %)
    • Fleisch (14,2 %)

Für Frauen bedeutet „gesundes Essen" deutlich öfter „frische Lebensmittel", „Bio-Lebensmittel", „fettarme Speisen", „ausgewogen essen", „kalorienreduziert essen", „Obst" und „Gemüse" als für Männer. Frauen konsumieren auch deutlich mehr Obst und Gemüse.
70 % der Befragten meinen, sich heute gesünder zu ernähren als früher, wobei dies Normalgewichtige erheblich öfter behaupten als Adipöse. Auch deutlich mehr Frauen geben an, sich gesundheitsbewusster zu ernähren („ja, auf jeden Fall": 37,2 % Frauen und 23,5 % Männer).

Mit weniger Genuss ist das gesündere Essen allerdings nicht verbunden: Denn 69,8 % jener Personen, die heute gesünder essen als früher, sind überzeugt, dass sie deswegen keine Einbußen im Genusserleben haben (49,1 % „auf keinen Fall", 20,7 % „eher weniger"). Unterschiede in dieser Wahrnehmung wurden nur zwischen den einzelnen Genusstypen festgestellt: Genusszweifler und Genussunfähige sagen deutlich öfter als Genießer, dass sie beim Essen weniger genießen, weil sie sich heute gesundheitsbewusster ernähren.
Univ.-Prof. Dr. Jürgen König führt aus: „Essen dient nicht nur der Deckung des Nährstoffbedarfs, sondern ist auch eine wichtige Quelle für Wohlbefinden. Genussvolle kulinarische Erlebnisse sind deshalb elementare Bausteine einer „gesunden" Ernährung. Nur über diese kulinarischen Erlebnisse lernen wir, Ernährung in ihrer vielseitigen Wirkung zu erkennen, sie als Bestandteil unseres Wohlbefindens wahrzunehmen, und uns mit Ernährung als Faktor unseres Lebensstiles auseinander zu setzen."

Die vermeintlichen „Ernährungssünden"

    • Fett/fettes Essen (30,3 %)
    • Fast Food allgemein (23,5 %)
    • Kohlensäurehaltige Soft Drinks (15,5 %)
    • Süßes / Süßigkeiten allgemein (14,9 %)
    • Schokolade (14,5 %)
    • Alkohol / zu viel Alkohol (12,9 %)
    • Limonaden / süße Limonaden / gesüßte Getränke (10,6 %)
    • Chips / Erdnüsse (10,6 %)
    • Fertig-Gerichte (10,0 %)
    • Torten / Sahnetorten / Gebäck (8,8 %)
    • Fleisch allgemein (8,0 %)
    • Zu viel Essen / übermäßiges Essen (8,0 %)
    • Zucker / Zuckerhaltiges / zu viel Zucker (6,0 %)
    • McDonalds (5,6 %)
    • Burger / Hamburger (5,6 %)

Genuss: ein alltägliches Bedürfnis oder Grund für schlechtes Gewissen?

Das Österreichische Genussbarometer ergab, dass die Enttabuisierung des „sich selbst Genuss erlauben" für Personen in einem Haushalt mit einem Einkommen von bis zu 1.000,- Euro bedeutend wichtiger ist als für jene mit einem Haushaltseinkommen über 3.000,- Euro. Generell haben Personen mit einem Haushaltsnetto-Einkommen von bis zu 3.000,- Euro beim Genießen deutlich häufiger ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle sowie das Gefühl, dass sie zu schwach sind, sich zu zügeln und zu kontrollieren als Besserverdienende. Demnach verbessert sich beim Genießen auch ihre Stimmung bedeutend seltener. Dass Genuss alltäglich sein kann und darf, ist für die Gruppe der über 3.000,- Euro-Haushalte bedeutend wichtiger als für weniger gut situierte Personen. Genießen zu können ist dennoch keine Frage des Geldes, sondern viel mehr eine Frage des Lebensgefühles und der selbstwahrgenommenen Autonomie. So gaben auch im ersten Teil des Genussbarometers nur 0,8 % der Befragten (über alle Einkommensschichten) an, dass Genuss nicht teuer sein muss.

Genusswissen

Mit ihren Antworten auf Fragen zu Lagerung, Einsatz von Kräutern und Gewürzen, Geschmack sowie optimalen Kombinationen schneiden beim „Genusswissen" 4 % mit „hervorragend" ab, 55 % liegen im Mittelfeld und bei 41 % besteht noch Verbesserungspotenzial. Eine gekreuzte Auswertung der Ergebnisse aus den Wissensfragen mit den Verzehrsangaben weist darauf hin, dass jene mit einem höheren Genusswissen auch bedeutend mehr Obst und Gemüse essen als die Personen im untersten Feld.  Die Ergebnisse zeigen zudem, dass Menschen, die sich gesundheitsbewusster ernähren als früher, ein höheres „Genusswissen" haben als jene, die ihre Ernährungsgewohnheiten nicht verändert haben. Zwischen den Genießern, Genusszweiflern und Genussunfähigen gibt es keine Unterschieden im Bezug auf ihr Genusswissen.
Prof. König dazu: „Genießen zu können ist wohl mehr eine Frage der Einstellung, denn des Wissens. Interessanterweise wissen die Menschen ja sehr wohl, was ihnen gut tut und wie eine gesunde Ernährung aussehen sollte. Es mangelt nur an der Umsetzung oder an der Bereitschaft hierzu. Mit einer genießerischen Einstellung gegenüber der Ernährung fällt es leichter, ein weniger schlechtes Gewissen bei den vermeintlichen Ernährungssünden zu haben und auch bei gesundem Essen alle Geschmacksdimensionen wahrzunehmen. Offensichtlich ist der Genießer dann am Ende doch derjenige mit dem gesünderen Ernährungsverhalten."

Genusskiller Stress und Hektik

Knapp 30 % der Befragten geben „Zeit" als wichtigsten Einflussfaktor fürs Genießen-Können an. Umgekehrt sagen 43 %, dass Stress und Hektik die Freude am Essen nehmen und 31 % sehen im Zeitmangel einen regelrechten Genusskiller. Demnach ist auch schnelles Essen, eventuell sogar im Gehen oder Stehen, nicht sonderlich beliebt: 62 % lehnen das ab - dennoch meinen sie, dass es manchmal keine Alternative gibt. 30 % macht es nichts aus, sie würden es aber schöner finden, Zeit fürs Essen zu haben. Lediglich 2,6 % essen prinzipiell nebenher im Gehen oder Stehen, um sich somit Zeit zu sparen.
Genießer geben signifikant öfter als Genussunfähige an, dass sie es nicht mögen, schnell und/oder im Stehen oder Gehen zu essen - ebenso wie Frauen verglichen mit Männern. Die Lust am Essen schmälern auch Krankheit/Übelkeit (11 %), „wenn das Essen nicht schmeckt" (9,6 %), Kummer (8,4 %) sowie schlechte Laune, Ärger und Frust (8 %).

Genießen braucht Raum

Gewisse Rahmenbedingungen wie Zeit, Ambiente und Gesellschaft sind fürs Genießen wesentlich. Es gibt aber noch weitere „Genussregeln", die vor allem auf die Einstellung, wie wir essen, abzielen. Der Genusskreis soll auf einen Blick zeigen, was beim Essen im Hinterkopf sein darf:

Genusserlebnisse der letzten Woche: Top oder Flop

Als die Top 5 Genusserlebnisse wurden Schweinefleisch (Wiener Schnitzel, Gegrilltes, ...), Obst/Gemüse, Rindfleisch, Süßspeisen sowie Wein/Bier angegeben. Die am seltensten mit Genuss in Verbindung gebrachten Speisen waren: Indisch, Tofu, Pommes frites, Türkisch und Fast Food.

„Erfreulich ist natürlich, dass Obst und Gemüse in der Liste der Top 5-Genusserlebnisse aufscheinen, aber das am häufigsten genannte Genusserlebnis Wiener Schnitzel und dergleichen sind kein Grund zur Beunruhigung. Ein genussvoller Umgang mit diesen Lebensmitteln ist ja gerade, was hilft, diese Lebensmittel in Maßen zu konsumieren. Wo wäre der Genuss, wenn das Wiener Schnitzel jeden Tag auf unserem Teller läge? Festzuhalten ist hier im Übrigen, dass keines der genannten Lebensmittel aus ernährungswissenschaftlicher Sicht als besonders gesund oder ungesund einzustufen ist. Auch wenn dies schon häufig bemerkt wurde - es ist doch immer wieder wichtig, darauf hinzuweisen, dass der entsprechend genussvolle Umgang mit jeder Art von Lebensmittel fast automatisch auch zu einem maßvollen Umgang mit diesen Lebensmitteln führt. Insgesamt ergibt sich daraus ein gesundes Essverhalten in Hinblick auf die gesamte Ernährungsweise", erläutert Dr. Jürgen König das Ranking der Genusserlebnisse.

„Das Erste Österreichische Genussbarometer zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Genusskompetenz, ausgewogener Ernährung und subjektiver Lebensqualität. Die Kulturtechnik „Genießen" scheint jedoch in Vergessenheit zu geraten. Im Interesse der allgemeinen Gesundheit und Lebensqualität gehören daher Genusskompetenz und Genuss-Sensibilität gefördert, am besten von klein an in Familien und Schulen. Um das ganzheitlich gesundheitsfördernde Potenzial des Genießens auszuschöpfen, braucht Essen grundlegende Wertschätzung, das heißt auch, Zeit dafür zu investieren, bewusst und maßvoll zu essen sowie zu wissen, was einem selbst gut tut. Die Ergebnisse des Genussbarometers sollen die Grundlage für eine zielgerichtete Stärkung der allgemeinen Genusskompetenz bilden", fasst Mag. Marlies Gruber zusammen.

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