01.02.2021 von Redaktion (aktualisiert)

Adipositasleitlinie: Energie reduzieren und viel bewegen

Wie kann krankhaftes Übergewicht vermieden werden? Wie kann man Menschen helfen, ihr Gewicht langfristig zu reduzieren? Diese Fragen beantwortet eine fachlich fundierte Adipositasleitlinie aus Deutschland.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Adipositas seit 1997 als Zivilisations- und Volkskrankheit ein. Während Österreich die Definition sehr rasch übernommen hat, erkannte das deutsche Gesundheitssystem massives Übergewicht erst 2014 als solche an.
Nichts desto trotz veröffentlichen die Deutschen Gesellschaften für Adipositas, Diabetes, Ernährung und Ernährungsmedizin seit 2007 Leitlinien zur „Prävention und Therapie der Adipositas“. Sie soll Fachpersonal dabei unterstützen, mit adipösen Patienten umzugehen. Jede Handlungsempfehlung wird in Evidenzklassen eingestuft, also je nach wissenschaftlicher Beweislage. Eine zusätzliche Unterteilung in „A", „B" und „0" erleichtert die Entscheidung, ob eine Empfehlung umgesetzt werden soll, sollte oder kann. Die letztgültige Fassung erschien im April 2014.
Für Kinder und Jugendliche wurde eine gesonderte Leitlinie im August 2019 veröffentlicht. Denn Therapieprogramme sollten den persönlichen Lebensstil der Kinder bzw. deren Familien adressieren. Neben der Bedeutung der Elternschulung wird zudem die Möglichkeit zur digitalen Intervention beleuchtet.

Am wichtigsten: Kalorien reduzieren

Die Leitlinie empfiehlt, als erstes Gewicht zu verlieren. Eine Ernährung mit niedriger Energiedichte kann helfen, das Körpergewicht zu senken beziehungsweise zu halten. Egal, ob „low-fat" oder „low-carb" - nicht auf die Hauptnährstoffe Fett oder Kohlenhydrate kommt es an, sondern auf eine insgesamt geringere Energieaufnahme. Wer konsequent täglich 500 kcal weniger isst, kann innerhalb einer Woche ein halbes Kilo verlieren. Dieser Effekt zeigt sich über einen Zeitraum von drei Monaten. Danach passt sich der Stoffwechsel an die energieärmere Kost an. Einseitige Diäten sind zu vermeiden (höchster Empfehlungsgrad „A"). Sie führen langfristig nicht zum Erfolg und können unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen. Viel erfolgsversprechender ist eine Ernährungsweise, die zur Person passt. Therapeuten sollen individuelle Vorlieben, Kenntnisse und Stärken der Abnehmwilligen berücksichtigen und in der Therapie nutzen - denn das erhöht die Chance, nachhaltig Gewicht zu verlieren.

Die Kombination mit Bewegung macht's

Um langfristig Körpergewicht zu verlieren ist eine Kombination aus den drei Einheiten am effektivsten: Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Auch Menschen mit Übergewicht sollen sich im Alltag häufiger bewegen. Realistische Umsetzungsmöglichkeiten sind dabei im Auge zu behalten. Motivierend können vor allem die gesundheitlichen Vorteile sein. Vieles hängt jedoch von den individuellen Situationen ab: Je nach sozialem Umfeld, vergangenen Erfahrungen mit Abnehmversuchen und dem bisherigen Essverhalten (Essen zur Belohnung oder gegen Frust) ist ein anderer Handlungsansatz empfehlenswert. Sobald das Ziel erreicht wurde und Kilos gepurzelt sind, ist es wichtig, sich in den darauffolgenden Monaten bis Jahren begleiten zu lassen. Nur so kann das Gewicht langfristig stabilisiert werden.

Weiters gibt die Adipositasleitlinie eine Übersicht über kommerzielle Gewichtsreduktionsprogramme und beschreibt, wie viel man durch diese abnehmen kann. Beispielsweise konnten Männer, die an dem Programm „Ich nehme ab" von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung teilnahmen, ihr Körpergewicht um 4,1 kg in einem Jahr reduzieren.

Regelmäßig auf die Waage

Um Übergewicht zu vermeiden, soll man regelmäßig einen ausdauerorientierten Sport betreiben und sich bedarfsgerecht ernähren. Ein gelegentlicher Blick auf die Waage lohnt, um sein eigenes Gewicht zu kontrollieren. Dieser Ratschlag wird mit dem höchsten Empfehlungsgrad „A" bewertet. Zwischen den Autoren herrschte kein eindeutiger Konsens darüber, welche Lebensmittel zum Abnehmen am besten geeignet sind. Die diätetischen Optionen seien hier zahlreich, so die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin.

Nicht thematisiert wird in der Leitlinie die gesundheitspolitische Verantwortung des Staates, ein gesundheitsförderndes Lebensumfeld zu schaffen. Dieser Aspekt soll bei einer nächsten Überarbeitung berücksichtigt werden.

Wissenswert

Lesen Sie hier mehr zum Krankheitsbild Adipositas, den zugrunde liegenden Ursachen und weltweiten Entwicklungen.

Fazit

Mit der Adipositas-Leitlinie erhalten Fachpersonal und Betroffene eine evidenzbasierte Orientierungshilfe, um Adipositas vorzubeugen oder zu behandeln. Sie beschreibt, wie Patienten durch eine kombinierte Behandlung nachhaltig abnehmen können. Dazu gehören neben einer individuellen Ernährungsberatung auch eine Bewegungs- und Verhaltenstherapie.

Literatur

Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V., Deutsche Diabetes Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V.: Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas". Version 2.0, April 2014.
Deutsche Adipositas-Gesellschaft: S3-Leitlinie zur ‚Prävention und Therapie der Adipositas‘ aktualisiert". Pressemeldung am 02.06.2014.

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