13.09.2020 von Verena Scherfranz

Biodiversität: bunt statt brav

Einige Zeit haben wir versucht, die Natur zu ordnen, aufzuräumen, zu optimieren. Eine Zeitlang hat das auch funktioniert. Heute aber sehen wir: Eine optimale Natur ist weder ordentlich noch aufgeräumt. Sie ist vielfältig – sie ist biodivers. Und nur so in der Lage, langfristig für uns zu funktionieren.

Biodiversität ist ein Modewort. Tatsächlich ist der Begriff ein relativ moderner, die einhergehende Problematik eine relativ neue. In den 1980er-Jahren wurde als Titel für eine wissenschaftliche Veranstaltung das Wort Biodiversity kreiert – als Kurzform von Biological Diversity. 1992 folgte eine offizielle Definition der UN-Biodiversitätskonvention. 150 Staaten einigten sich darauf, dass Biodiversität als Vielfalt der Arten, gleichsam aber auch als Vielfalt innerhalb der Arten und Vielfalt ihrer Lebensräume zu verstehen ist. Biodiversität ist demnach – und auch in der direkten Übersetzung – die Vielfalt des Lebens. Mehr als das: Biodiversität ist und war stets auch Grundlage des Lebens.

Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen

Biodiversen Strukturen kommt gesellschaftlich zunehmende Aufmerksamkeit zu, seit der Begriff Ökosystemdienstleistungen, der all jene Vorteile umfasst, die die Gesellschaft aus den unterschiedlichen Ökosystemen ziehen kann, populär wurde. Also jenen Nutzen, der für die Menschen aus dem Zusammenspiel von tierischen und pflanzlichen Lebewesen und ihrem jeweiligen Lebensraum entsteht. Grundsätzlich gilt: Je vielfältiger, also biodiverser ein Ökosystem, desto vielfältiger und stabiler die Ökosystemdienstleistungen. Dabei wird zwischen regulierenden, kulturellen, unterstützenden und bereitstellenden Ökosystemdienstleistungen unterschieden. Praxisnah ausgedrückt: Ökosystemdienstleistungen erstrecken sich von der Regulierung des Sauerstoff-, Nährstoff- und Wasserkreislaufs, der biologischen Schädlingsbekämpfung durch natürliche Fressfeinde, Nutzungsmöglichkeiten als Naherholungsraum, Ausgangspunkt für die Arzneimittelentwicklung über die Bereitstellung von Baustoffen und Wasser bis hin zur Bereitstellung unserer Grundnahrungsmittel. Sie sind also weit weniger abstrakt, als der Begriff vermuten lässt. Vielmehr handelt es sich um lebensnotwendige Dienste der Ökosysteme für uns Menschen, die als alltäglich und selbstverständlich wahrgenommen werden.

Menschengemachter Verlust

Die Degradation der Ökosysteme und damit der Biodiversität schreitet sukzessive voran. Studien wie das Millennium Assessment der UNO oder die von der EU mitinitiierte TEEB-Studie haben die zahlreichen Funktionen, den aktuellen Zustand und das Leistungspotenzial der Ökosysteme untersucht. Die alarmierenden Ergebnisse zeigen, dass die größten Schäden tatsächlich erst in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten entstanden sind. Zwar konnte die Ernährungsleistung der Erde in diesem Zeitraum wesentlich erhöht werden. Die Ökosysteme haben sich dadurch – besonders seit 1950 – weltweit stärker verändert als jemals zuvor. Die Aussterberate ist in den vergangenen Jahrhunderten 1000-mal höher als in jeder anderen vergleichbaren Zeitspanne der Erdgeschichte. Nicht nur exotische Lebensräume wie Korallenriffe oder Mangrovenwälder sind betroffen. Die Europäische Kommission präzisierte, dass auch rund 37 % der heimischen Lebensräume gefährdet sind. Das betrifft etwa Grünland bzw. Wälder mit einem Gefährdungsgrad von 53 % bzw. 29 %. Mit dem Verlust von Lebensräumen geht der Verlust von Tier- und Pflanzenarten Hand in Hand. In Österreich ist mehr als ein Drittel der Pflanzen gefährdet oder bereits ausgestorben. In der Tierwelt ist die Gefährdungsrate bei Reptilien mit 64,3 %, Amphibien mit 60 % oder Fischen mit 46,4 % wesentlich höher. Insekten gelten als besonders gefährdet. Schätzungen für Österreich gehen davon aus, dass bis zu 50 % der heimischen Bienenarten bedroht sind. Aufgrund schlechter Datenlagen ist eine genaue Quantifizierung derzeit (noch) nicht möglich. Dennoch steht die Biene für den Biodiversitätsverlust wie keine andere Tier- oder Pflanzenart. Das liegt an den vergleichsweisen klar abschätzbaren Konsequenzen, die ihr Aussterben zur Folge hätte. Denn landwirtschaftliche Kulturpflanzen sind zu mehr als 75 % von bestäubenden Insekten, allen voran den Bienen, abhängig. EU-weit wird der Wert der Bienen daher mit 15 Mrd. Euro pro Jahr beziffert. Derartige Berechnungen sind in der Fachwelt allerdings umstritten. Einerseits gründen sie auf zahlreichen Unbekannten. Andererseits wird kritisiert, dass die Natur per se einen – nicht quantifizierbaren – Schutzwert habe, weshalb die Vergabe von Preisschildchen für Lebensräume, Tier- oder Pflanzenarten eine Anmaßung sei. Zumindest konnte mit diesen – wenn auch nur vagen – Berechnungen Aufmerksamkeit in unserer ökonomisch orientierten Gesellschaft geschaffen werden. Zudem wurde das Bewusstsein gestärkt, dass der Schutz von Ökosystemen und Biodiversität der (Land-)Wirtschaft nicht entgegensteht, sondern vielmehr unabdingbare Notwendigkeit dafür ist.

Rückgang und Stärkung durch Kulturlandschaften

Gewisse Tier- und Pflanzenarten konnten sich einerseits in den vergangenen Jahrhunderten an die landwirtschaftliche Bewirtschaftung anpassen. So haben sich neue Arten entwickelt, deren Fortbestand – etwa auf Almen, im Wald oder am Acker – nur gesichert ist, wenn diese Kulturlandschaften weiterhin bewirtschaftet werden. Die überbordende Beanspruchung der natürlichen Ressourcen in Zeiten der Industrialisierung und Globalisierung verursachte andererseits große, teils irreversible Schäden an Lebewesen und Lebensräumen. Eine zu intensive Landbewirtschaftung, Umweltverschmutzung, die Versiegelung und Zerstückelung von Flächen durch Straßen- sowie Wohnbau und eingeschleppte gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten haben den weltweiten Verlust der Biodiversität zur Folge. Sämtliche Ökosysteme der Welt gelten dadurch bereits als signifikant vom Menschen beeinflusst, viele Ökosystemdienstleistungen als nicht mehr ausreichend verfügbar. Dabei handelt es sich um Ökosystemdienstleistungen, die bei kurzfristiger Betrachtung keinen ökonomischen Mehrwert liefern. Zu Gunsten der Bereitstellung von Nahrungs- und Futtermitteln oder Baustoffen wurden sie daher vernachlässigt. Deutlich wird dies beispielsweise bei Moorflächen, die zur Gewinnung von Ackerland entwässert werden. Dadurch können zwar große Lebensmittelmengen produziert werden, die Wasserhaltefähigkeit des Bodens geht aber verloren. Eine Funktion, die gerade in Zeiten des Klimawandels mit zunehmenden Starkregenereignissen für Resilienz sorgen könnte und nun mit großangelegten Rückhaltebecken kompensiert werden muss. Die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel und Biodiversitätsverlust sind aber weitaus vielfältiger. Sie gleichen einer Henne-Ei-Beziehung. So schreitet der Klimawandel etwa durch den Verlust CO2-bindender Lebensräume voran. Gleichzeitig gehen weitere Lebensräume verloren, da sich klimatische Bedingungen zu stark verändern.

Einseitiger Schutz?

Bewusstseinsbildung, Extensivierung der Landnutzung und ein gezielter Aufbau von grüner, also bewusst biodivers gestalteter Infrastruktur: Auf diese Weise sollen Biodiversität und Ökosysteme in Europa und Österreich geschützt werden. Von Seiten der Europäischen Union wurde in diesem Zusammenhang kürzlich eine überarbeitete Biodiversitätsstrategie veröffentlicht. Diese sieht etwa die Stärkung der Bio-Landwirtschaft, eine Reduktion des Pestizideinsatzes um 50 % bis 2030 und die Pflanzung von 3 Mrd. Bäumen im selben Zeitraum vor. Unterstützt werden diese Ziele durch die primär auf das Ernährungssystem ausgerichtete Farm-to-Fork-Strategie. Mit der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) findet sich ein weiteres Instrument in der EU-Politik, das über sogenannte Agrarumweltmaßnahmen unter anderem jene Landwirte fördert, die sich zu einer biodiversitätsfördernden Bewirtschaftung verpflichten. Österreich trägt diese Strategien nicht nur durch die nationale Umsetzung mit, sondern erarbeitet aktuell die Fortsetzung einer eigenen Biodiversitätsstrategie 2020+. All diese Maßnahmen haben gemeinsam, dass sie den Biodiversitätsschutz primär auf Veränderungen in der Landwirtschaft stützen. Einige Korrekturen sind in diesem Bereich unabkömmlich, andere könnten jedoch die Versorgungssicherheit reduzieren. Weitere Anpassungen stehen jedenfalls auch in anderen Sektoren an. Lebensraumzerschneidung sowie Bodenversiegelung durch den Wohn- und Straßenbau, Schadstoffeinträge aus der Industrie und dem (Individual-)Verkehr: Auch diese Faktoren beeinflussen die Biodiversität wesentlich, ihnen wird politisch aber meist weit weniger Gewicht zuerkannt. Jede/r kann Biodiversität Erscheinen die politischen Strategien (noch) unzureichend, ist persönliches Engagement im Kampf gegen den Biodiversitätsverlust umso notwendiger. Persönliche Bemühungen für mehr Biodiversität und intakte Ökosysteme sind unmittelbar spürbar und haben im Vergleich zu Klimaschutzmaßnahmen einen großen Vorteil. Verzichte ich gelegentlich auf mein Auto, verändert sich das Klima weder heute noch morgen spürbar. Mähe ich meinen Rasen aber etwas seltener, werde ich schon in wenigen Tagen mit bislang nicht da gewesenen Blumen und Tieren belohnt. Initiativen wie „Natur im Garten“ oder „Nationalpark Garten“ machen sich dies zunutze und zeigen auf, wie der eigene Handlungsraum ohne nennenswerten Aufwand biodivers(er) wird. Der „Ökosoziale Biodiversitätskompass“ spielt den Ball an die Gemeinden weiter und motiviert, auf Kommunalebene bunt statt brav zu wirtschaften. Dächer können grün statt grau sein, Wegränder dürfen wild erblühen, in Auen darf wieder die Natur die Kontrolle übernehmen. Jeweils zum Nutzen der Menschen, die von niedrigeren Temperaturen, einer höheren Bestäubungsleistung oder verbessertem Hochwasserschutz profitieren.

Fazit

Initiativen zum Schutz der Biodiversität sind nicht nur selbst vielfältig, auch sie sind wie der Biodiversitätsbegriff gerade in Mode. Das muss nichts Schlechtes sein – denn manches kommt nie mehr aus der Mode. Genau dafür gilt es mit gemeinsamen Anstrengungen zu sorgen. Nicht zuletzt, um unsere Ernährung sicherzustellen. Die Alternative? Es gibt keine. Bei Nicht-Handeln ist damit zu rechnen, dass die Menschheit weltweit Ökosystemdienstleistungen im Wert von bis zu 29 Billionen Euro pro Jahr verliert.

Dieser Artikel wurde erstveröffentlicht in der ernährung heute 3-2020.

 

 

Literatur

Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie: Biologische Vielfalt. www.bmk.gv.at (Zugriff: 06.10.2022).

Bayerisches Landesamt für Umwelt: Biodiversität. www.lfu.bayern.de (Zugriff: 06.10.2022).

Europäische Kommission: EU-Biodiversitäts-Strategie für 2030. ec.europa.eu (Zugriff: 06.10.2022).

Europäische Kommission: European Red List of Habitats. ec.europa.eu (Zugriff: 06.10.2022).

Europäische Kommission: Farm-to-Fork-Strategie. https://ec.europa.eu (Zugriff: 06.10.2022).

Global 2000: Bienen. www.global2000.at (Zugriff: 06.10.2022).

Hödl W: Biodiversität und Biodiversitätskrise. Kapitel in Naturraum Lateinamerika. Geographische und Biologische Grundlagen. LIT Verlag, Wien-Münster (2006).

N.N: Convention on biological Diversity. www.cbd.int (Zugriff: 06.10.2022).

N.N: Millennium Assessment. www.millenniumassessment.org (Zugriff: 06.10.2022).

Sukhdev P et al.: TEEB (2010) Die Ökonomie von Ökosystemen und Biodiversität: Die ökonomische Bedeutung der Natur in Entscheidungsprozesse integrieren. (TEEB (2010) The Economics of Ecosystems and Biodiversity: Mainstreaming the Economics of Nature) Ansatz, Schlussfolgerungen und Empfehlungen von TEEB – eine Synthese. Landwirtschaftsverlag, Münster (2010).

Umweltbundesamt: Rote Liste gefährdeter Tierarten. www.umweltbundesamt.at (Zugriff: 20.07.2020).

 

 

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