21.07.2020 von Carina Kern

Biodiversität ist Lebensgrundlage

Abgeholzte Wälder, Bienensterben und verschwundene Sorten: Durch den Eingriff des Menschen in die Natur ist die Vielfalt der Arten stark gesunken. Dabei treffen die Folgen nicht nur die Umwelt, sondern alle Lebensformen. Auch den Menschen.

„Biodiversität“ bedeutet die gesamte Vielfalt des Lebens. Sie umfasst alle Arten von Lebewesen, deren genetische Vielfalt, sowie Lebensräume und Ökosysteme. Für den Menschen ist die Biosphäre eine essenzielle Quelle zahlreicher Ressourcen wie Nahrung, Arzneimittel oder Rohstoffe. Sie trägt wesentlich zur menschlichen Gesundheit bei, reinigt die Umwelt von Schadstoffen und dient als Raum für Erholung. Dabei gilt: Je vielfältiger und ausgewogener das gesamte Ökosystem, desto eher ist es vor extremen Einflüssen, Krankheiten oder Naturkatastrophen geschützt. Das Verschwinden des „Naturerbes“ löst eine Reihe von Kettenreaktion aus und bedroht demnach auch den Menschen.

Zahlreiche Verursacher

Mit steigender Bevölkerungszahl steigt der Bedarf an Nahrung und lebenswichtigen Gütern. Um dem nachzukommen, müssen natürliche Lebensräume für Weide- und Anbauflächen durch Rodung großflächig zerstört werden. Hinzu kommen andere Aspekte, wie Schäden durch Umwelteinflüsse oder Krankheiten sowie mehr Raum für das Städtewachstum. Sind Ökosysteme beschädigt, werden sie anfälliger und können sich in Extremsituationen neuen Bedingungen nur schwer anpassen.

Auswirkungen auf vielen Ebenen

Gehen Pflanzenarten verloren oder sterben aus, kann das das Klima stark beeinflussen. CO2 kann beispielsweise nicht mehr ausreichend gefiltert werden und gelangt so verstärkt in die Atmosphäre. Auch die Landwirtschaft ist von der eingeschränkten Vielfalt betroffen: Durch das einseitige Züchten von ertragreichen Sorten geht die genetische Vielfalt verloren, Monokulturen verdrängen alte und regionale Landsorten. Der Landüberbau bewirkt, dass wertvolle Ressourcen verloren gehen und Lebewesen aus ihren natürlichen Lebensräumen abwandern. Auch die Ernährungssicherheit wäre in Gefahr, denn sterben Pflanzenarten, Bestäuber und Mikroorganismen in den Böden, würden langfristig viele unserer Lebensmittel verschwinden. Im Laufe der letzten Jahrzehnte stieg der Artenverlust mit alarmierenden Zahlen.

Verluste im Rekordtempo

Laut des ersten Weltzustandsberichts zur biologischen Vielfalt der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist die landwirtschaftliche Vielfalt seit Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit um 75 % gesunken. Es wird geschätzt, dass heute nur ein Bruchteil der bekannten Kulturpflanzenarten 90 % der Nahrungsmittelernte ausmacht. Auch heimische Sorten verschwinden zunehmend: Von den in Österreich über 2.000 bekannten Apfelsorten existiert heute nur noch rund ein Drittel. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) warnt: Mit Mitte des Jahres 2020 wurden bereits mehr als 120.000 Tier- und Pflanzenarten auf der Roten Liste bedrohter Arten erfasst. 32.000 davon könnten innerhalb der nächsten Jahrzehnte gänzlich verschwinden.

Wissenswert

Die internationale Rote Liste (engl. Red Data Book) der Weltnaturschutzunion IUCN fasst den aktuellen Stand zu allen gefährdeten sowie vor dem Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten zusammen. Sie wird seit 1964 in regelmäßigen Abständen herausgegeben und soll Gesetzgebern und Behörden als Basis für bessere Arten- und Umweltschutzgesetze dienen.

Maßnahmen werden forciert

Um die natürlichen Ressourcen auch für die kommenden Generationen sicher zu stellen, braucht es nachhaltige Konzepte und strengere Regulierungen auf politischer Ebene. Dazu schlägt die Politik einen zukunftsorientierten Kurs ein: Bis zum Jahr 2050 sollen die weltweiten Ökosysteme wiederhergestellt, widerstandsfähiger gemacht und nachhaltiger genutzt werden. Mit diesem Ziel präsentierte im Jahr 2019 die Europäische Kommission mit der EU-Biodiversitätsstrategie 2030 einen umfassenden Plan, der als Teil des „Grünen Deals“ zur nachhaltigen Entwicklung Europas beitragen soll. Zu den zentralen Verpflichtungen bis 2030 zählen u.a. den Einsatz von Pestiziden zu halbieren und das Sterben von Bestäubern einzudämmen. Des Weiteren sollen die biologische Vielfalt auf mindestens 10 % der landwirtschaftlichen Flächen gestärkt und ein Viertel aller Flächen biologisch bewirtschaftet werden. Dabei sollen neue Strategien entwickelt werden, die eine Umsetzung der Ziele rasch ermöglichen. Vor allem in die Forschung und Entwicklung soll investiert werden, um Know-how und neue Technologien für effektstarke Naturschutzmaßnahmen zu entwickeln.

Das Zurückbesinnen auf die bio-kulturelle Vielfalt und ein wertschätzender und genussvoller Umgang mit Lebensmitteln spiegelt sich auch im vermehrten Interesse an saisonalen Lebensmitteln aus der Region, Stadtgärten und Kleingartengemeinschaften sowie dem Anbau von alten Obst- und Gemüsesorten.

Wissenswert

Alte Sorten wie Puffbohne, Haferwurzel oder Halmrübe sind heute weitgehend unbekannt und kaum mehr in heimischen Küchen vertreten. Doch Gemüseraritären sind facettenreich und überraschen mit ungewöhnlichen Formen und Geschmäckern. Lesen Sie hier mehr zu den vergessenen Gemüsesorten. Wer mehr zu Obst- und Gemüsesorten erfahren möchte, wird in unserer Rubrik „Lebensmittel der Saison“ fündig.

Fazit

Biodiversität ist Lebensgrundlage aller Lebewesen. Ihr Erhalt ist die Voraussetzung für eine stabile und sichere Zukunft: Je mehr Arten wir verlieren, desto schwerwiegender die Folgen für Umwelt, Landwirtschaft und Gesundheit. Mit Blick auf die Nachhaltigkeit, Ernährungssicherheit und den Klimawandel ist das Artensterben besorgniserregend. Um die Biodiversität zu stärken, wurden daher bereits international bereits politische Maßnahmen ergriffen. Doch jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten, indem man beispielsweise beim Einkauf auf Sortenvielfalt achtet, oder in seinem Garten einen Fleck wild wachsen lässt.

Literatur

Bélanger J, Pilling D: The State of the World’s Biodiversity for Food and Agriculture. FAO Commission on Genetic Resources for Food and Agriculture Assessments. FAO, Rome (2019).
EU-Kommission: Fragen und Antworten: EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 – Mehr Raum für die Natur in unserem Leben. www. ec.europa.eu (Zugriff 14.07.2020).
EU-Kommission: Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen. EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 – Mehr Raum für die Natur in unserem Leben. www. ec.europa.eu (Zugriff 121.07.2020).
International Union for Conservation of Nature (IUCN): The IUCN red list of threatened species. www.iucnredlist.org (Zugriff 17.07.2020).

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