11.04.2013 von Angela Mörixbauer

Das kranke Ideal der Frauen

Das mediale Schönheitsideal, soziale Erwartungen, Partnerwahl und permanentes Diäthalten entfernen die Selbstwahrnehmung des weiblichen Körpers immer weiter von der Fremdwahrnehmung. Viele Normalgewichtige fühlen sich zu dick und sind unzufrieden. Das schädigt das Selbstbewusstsein und kann bis zur Entwicklung von Essstörungen führen. Warum ist das so?

„Ich bin 1,70 groß und wiege 60 kg. Ich fühle mich zu dick!“, postet „Jenny13“ auf der Website der Zeitschrift „Mädchen“. Jenny hat einen BMI von 20,7. „Die Glückliche“, denken sich viele. Doch gemessen am BMI von Models ist sie „dick“. Denn seit den 1950er-Jahren hat laut Studien das Körpergewicht von „Miss World“-Gewinnerinnen und „Playboy“-Centerfold-Models kontinuierlich abgenommen und liegt bei einem BMI von etwa 18,5 – an der Grenze zum Untergewicht.

Hochgradig schematisiert

Gesünder ist da schon die Einstellung von Judith Holofernes, Frontfrau der deutschen Pop-Band „Wir sind Helden“: „Die meisten Magazin-Coverbilder sind hochgradig schematisiert. Es muss allen hübschen Sängerinnen, die da mitspielen, bewusst sein, dass sie ein Bild mitformen, dem 80 % der Bevölkerung nicht entsprechen können. Sie tragen Verantwortung.“ Verantwortung tragen auch jene Medien, die Bilder nachbearbeiten – da werden Fettpölsterchen wegretouchiert, Beine verlängert oder Taillen geschmälert. Warum Verantwortung? Weil das Medienkörperideal, an dem sich heute viele und vor allem junge Frauen orientieren, ein unerreichbares ist.
Das Körperbild ist Teil der Identität eines Menschen. Es beinhaltet das mentale Bild, das sich ein Mensch von seiner körperlichen Erscheinung macht. Dieses muss nicht identisch mit der objektiven Körperform sein, es ist der Körper in der eigenen Vorstellung. Zwar sind anatomische Merkmale eine wichtige Voraussetzung des Selbstwertgefühls, wichtiger aber ist die Einstellung dazu. Frauen, die sich besonders damit beschäftigen, wie ihr Körper auf Dritte wirkt, können ihre eigenen Körpersignale wie Hunger und Sättigung schlechter wahrnehmen und sind anfälliger für Essstörungen und Depressionen. Dies wird auch von der sozialen Rückmeldung beeinflusst. Negative Bewertungen – auch die eigenen – wirken sich beeinträchtigend auf die gesamte Selbstachtung aus und können Körperschemastörungen zur Folge haben.

Genetik und Neurowissenschaften

Am stärksten beeinflussen Massenmedien die Entstehung eines überschlanken Frauenkörperideals. Studien belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen Darstellungen in Magazinen und bestimmten TV-Formaten sowie der Verinnerlichung eines dünnen Ideals gibt. Obwohl in westlichen Gesellschaften praktisch alle Frauen Massenmedien ausgesetzt sind, ist nicht jede unzufrieden mit ihrem Körper. Es muss also auch individuelle Faktoren geben. Erste Erklärungsansätze stammen aus der Genetik. So hängt etwa ein höherer Grad an Unzufriedenheit mit der eigenen Erscheinung bei anorektischen oder bulimischen Frauen mit einem bestimmten Allel des Serotonin-Transporter-Gens zusammen. Ein anderes Beispiel stammt aus der Gehirnforschung: Beim Betrachten des eigenen Fotos, das so bearbeitet war, dass die Probanden dicker erschienen, stieg die Aktivität in einer speziellen Gehirnregion, die in der Gesichts- und Körpererkennung eine Rolle spielt.
Auch Interaktionen mit Familienmitgliedern, Freunden und Peers beeinflussen das eigene Körperbild. Strebt die Mutter ein Schlankheitsideal an, formt dies das Körperbild der Kinder, vor allem der Töchter, ebenso wie negative oder positive Rückmeldungen von Freunden und Peers.

Die fetten Zeiten sind vorbei?

Körperfett wird in der heutigen Wohlstandsgesellschaft extrem abgewertet. Das war nicht immer so. Die Fähigkeit, Energiereserven anzulegen, war entscheidend für den evolutiven und reproduktiven Erfolg des Menschen. Er musste damit u. a. Nahrungsknappheit kompensieren. Das Fettgewebe war in der Menschheitsgeschichte immer ein Signal für den Ernährungsstatus und die Fortpflanzungsfähigkeit. So galt Leibesfülle bis ins 17. Jahrhundert als Statussymbol für Macht und Reichtum und war Privileg der Oberschicht in der Mangelgesellschaft. Erst seit der Aufklärung wird Fettleibigkeit als Gesundheitsproblem thematisiert und edle Schlankheit wurde zum Schönheitsideal. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Schlankheitskult mit dem Jugend-, Körper- und Fitnesskult verbunden. Es entstand das Ideal des athletisch-schlanken Körpers.
So ist die Geschichte des Schlankheitsideals eine dichotome Paradoxiengeschichte: Es geht einerseits um die Lebenswirklichkeit des Mangels und das damit verbundene Schönheitsideal der Beleibtheit als Wohlstandsindiz, andererseits um die Lebenswirklichkeit im Überfluss und das daraus resultierende Schlankheitsideal als Statussymbol.

Dilemma der Wohlstandsgesellschaft

Wir versinken heute im Nahrungsangebot und müssen kaum einen Schritt tun, um von A nach B zu kommen. Gleichzeitig stellt die Gesellschaft strenge Anforderungen an ein Idealgewicht. Viele trachten danach, es mit Diäten oder chronisch restriktivem Essen und einem bewusst aktiven Lebensstil zu erreichen. Doch je häufiger jemand Diät hält, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, eine Essstörung zu entwickeln, über den Jo-Jo-Effekt am Ende mehr Gewicht auf die Waage zu bringen, frustriert zu sein und wiederum mehr zu essen. Ein Teufelskreis. Aus Gründen der Geschlechterrollensozialisation neigen Frauen verstärkt zu Körperbildstörungen, weil der Körper für ihre Identität eine vergleichsweise große Rolle spielt, während es beim Mann eher der soziale Status ist. Bei Frauen ist in höheren beruflichen Positionen eine androgyne, zumindest schlanke Körpersilhouette wünschenswert; bei Männern hingegen ist das Erscheinungsbild für den Erfolg weniger ausschlaggebend. Und schließlich gilt: Männer werden mit den ersten Silberstreifen attraktiver, bei Frauen herrscht der Jugendwahn. Im Vergleich zum weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt geht der jugendliche Mädchenkörper jedoch mit „relativem Dünnsein“ einher. „Relativ dünn“ zu sein bedeutet also für Frauen, „extrem dünn“ sein zu müssen. Sie vergleichen sich mit einer unrealistisch schlanken Körperschablone, die von einem altersadäquaten Körperbilde weit entfernt ist.

Normalgewichtig, aber kurvig

Nicht nur die Menge an Fettgewebe ist für die weibliche Attraktivität ausschlaggebend, sondern auch dessen typisch weibliche Verteilung. Mit Letzterer korreliert das Waist-to-Hip-Ratio (WHR) – das Verhältnis des Taillenzum Hüftumfang. Bei gesunden, prämenopausalen Frauen schwankt es zwischen 0,67 und 0,8. Ein typisch weibliches WHR von 0,7 signalisiert höchstmögliche reproduktive Fitness. Ein geringes WHR galt in allen Phasen der Menschheitsgeschichte als attraktiv – trotz fülliger Venus von Willendorf. So wies von 275 Skulpturen aus alten griechischen, ägyptischen und indischen Kulturen nicht eine einzige Figur ein WHR über 0,8 auf!
Eine Studie untersuchte die Bedeutung von weiblichem BMI und WHR für portugiesische, spanische und britische Männer. Das Ergebnis: Unabhängig vom kulturellen Setting war zwar der BMI der wichtigste Attraktivitätsfaktor – alle Männer bevorzugten aber Frauen mit einem BMI im unteren Normalbereich zwischen 19 und 21. Unter Frauen mit vergleichbarem BMI wird allerdings ein niedriges WHR, also eine kurvige Figur, als attraktiver empfunden. Doch hier spielen offenbar kulturelle Einflüsse mit. Denn ein niedriges WHR war zwar für Spanier und Portugiesen wichtig, nicht jedoch für die Briten. Wahrscheinlich ist dies auf ein traditionell entspannteres Verhältnis zu Essen und Gewicht in südlichen Gesellschaften zurückzuführen. Und unterstreicht damit die Bedeutung soziokultureller Faktoren.

Zufriedene Partnerschaft macht entspannter

Interessant sind auch Studien, wonach die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild und die Motivation für den „idealen Body“ vom Partnerschaftsstatus abhängen. Eine Studie von Tom et al. (2005) zeigte, dass es für Single-Frauen wichtiger war, dem schlanken Ideal zu entsprechen als für verheiratete. Gleichzeitig war es verheirateten Frauen und Männern weniger wichtig, ob ihre Partner dem Körperideal entsprechen. Lange andauernde, zufriedenstellende Beziehungen schwächen den Daten zufolge den Einfluss von unrealistischen Körperbildern und damit auch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Und die Motivation für einen schlanken Körper ist bei in Partnerschaft lebenden Menschen die Gesundheit, bei Singles dagegen die Optik.

Gegentrends laufen

Das erwähnte Nachbearbeiten von Fotos spiegelt nicht nur ein unrealistisches Schlankheitsideal wider, sondern auch das Streben nach Perfektion. Erste Gegentrends sind seit einigen Jahren erkennbar. So verzichtete etwa die deutsche Frauenzeitschrift „Brigitte“ in den 2010er-Jahren auf Profimodels und setzte für ihre Modestrecken Frauen ein, die so sind „wie du und ich“, ist jedoch davon wieder abgekommen – der Aufwand für Fotoshootings mit Nicht-Profis war zu groß. Doch auch in Print- und TV-Werbung werden häufiger bewusst „normale“ oder gar mollige Frauen eingesetzt. Und auch unter Designerinnen und Designern gibt es welche, die füllige Models auf den Laufsteg schicken. Doch das sind Ausnahmeerscheinungen – die Regel ist es leider noch lange nicht. Auch von staatlicher Seite wird mittlerweile gehandelt. So verabschiedete Israel ein Gesetz, das Magermodels auf dem Laufsteg verbietet.

Wissenswert

In Österreich gibt es zur Kennzeichnung von bearbeiteten Fotos noch keine gesetzliche Regelung. Der Werberat setzt sich für Selbstverpflichtung ein.

„Männer stehen auf meine Dehnungsstreifen“

In Mangelgesellschaften ist das Bild ein anderes. Fettleibigkeit gilt dort heute noch als Schönheitsideal. Ein Beispiel dafür ist das in manchen Gegenden Mauretaniens, Nigers und in Nord-Mali praktizierte „Leblouh“ – das Mästen junger Mädchen. Sie werden in Fress-Camps in die Wüste geschickt und müssen bis zu 16 000 Kalorien täglich in Form von Hirsebrei, Datteln, Erdnüssen sowie fetter Kamel- und Ziegenmilch zu sich nehmen. Wer erbricht oder nicht mehr kann, bezieht Prügel.

Fazit

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Darüber hinaus spielen evolutionsbiologische, soziale, kulturelle und individuelle Einflüsse eine wesentliche Rolle. Mit diesem Wissen fällt es westlichen Frauen möglicherweise leichter, ihren „inneren Betrachter“ zu entspannen. Der äußere – meist männliche – war dies schon immer: Männer finden „Hungerhaken“ mit einem BMI im Untergewichtsbereich nicht attraktiv. Sie mögen gesunde, kurvige, lebenslustige Frauen mit einer positiven Einstellung zu ihrem Körper.

Der Text ist die gekürzte und aktualisierte Fassung des Artikels: Mörixbauer A - Das kranke Ideal der Frauen, ernährung heute 1_2013, S. 6-7. Hier geht’s zur Ausgabe „Weibliche Seiten“.

Literatur

Bonafini BA, Pozzilli P: Body Weight and Beauty: The Changing Face of the Ideal Female Body Weight. Obes Rev 12: 62–65 (2011).
Der Standard: Weg mit zu dünnen Models und gefakten Werbefotos. Interview Gabriele Heinisch-Hosek. www.derstandard.at (Zugriff 04.02.2013).
Katzmarzyk PT, Davis C: Thinness and Body Shape of Playboy Centerfolds from 1978 to 1998. Int J Obes 25: 590–592 (2001).
Singh D, Singh D: Shape and Significance of Feminine Beauty: An Evolutionary Perspective. Sex Roles 64: 723–731 (2011).
Swami V et al.: Preferences for Female Body Weight and Shape in Three European Countries. European Psychologist 12 (3): 220–228 (2007).
Tom G et al.: Body Image, Relationships, and Time. The Journal of Psychology 139 (5): 458–468 (2005).
Winter J: Dick im Heiratsgeschäft. WIENERIN Juli 2010, S. 50–53 (2010).

NEWSLETTER
©iStock

Aktuelles zu Ernährung und Lebensstil: Bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert!

EVENTS

Nachschau-Video

9. f.eh-Symposium: "Einfach zu komplex? Vom Charme simpler Lösungen und unbewussten Folgen des Essens."

Aktuelle Buchvorstellungen

NEU Aufgedeckt. Gerüchteküche und Ernährungsmythen

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Für Kinder mit Zöliakie kochen!

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Wenn das Spiegelbild ein Eigenleben führt

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

NEU Ins Leben starten

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Das Viva-Mayr Kochbuch

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN

Die Molekülchen Küche-Experimente für Nachwuchs-Köche

Autor(en): Bisovsky S, Unterberger
Verlag: Österreichischer Agrarverlag
Erscheinungsjahr: 2009
ISBN: 978-3-7040-2350-6.

LESEN ALLE BUCHTIPPS ANSEHEN