28.04.2021 von Dr. Carina Kern

Die Sucht nach Kalorien

Nach zwei Pizzen noch drei Teller Pasta, dazu Würstchen, Kekse und eine Tafel Schokolade. Menschen, die unter Binge-Eating leiden, verzehren innerhalb kurzer Zeit ungewöhnlich große Nahrungsmengen und nehmen dabei stetig zu. Die Essattacken erscheinen Betroffenen dabei unkontrollierbar. Über die Hintergründe und weiteren Folgen der Binge-Eating-Störung.

Binge-Eating (engl. „binge“ für Gelage) ist eine Essstörung, die sich durch wiederkehrende Essanfälle äußert. Die Essattacken treten dabei spontan und meist ohne Hungergefühl auf und die gegessene Menge ist deutlich größer als generell üblich. Während des Essens empfinden die Betroffenen ein Gefühl des Kontrollverlustes. Obwohl die sogenannte „Esssucht“ die am häufigsten auftretende Essstörung ist, ist sie weniger bekannt als Magersucht (Anorexia nervosa) oder Bulimie (Bulimia nervosa).

Häufigste Essstörung

Die meisten Menschen, die an einer Binge-Eating-Störung (leiden, sind eher weiblich als männlich (das Verhältnis liegt bei 3:2) und oft übergewichtig oder fettleibig. Verallgemeinerungen sind jedoch trügerisch, denn längst nicht alle Fettleibigen sind esssüchtig. Allerdings können auch Normalgewichtige sehr wohl davon betroffen sein. Schätzungen zu Folge sind rund 2 bis 5 % der Weltbevölkerung von dieser Essstörung betroffen. Bei einer Untersuchung in sechs europäischen Ländern mit 21 400 Teilnehmenden lag die 12-Monats-Prävalenz bei 1,12 % bei Erwachsenen. Bei Magersucht lag sie bei 0,48 % und Bulimie bei 0,51 %. Für Österreich fehlen repräsentative Daten.

Unkontrolliert, bis zur Schmerzgrenze

Die Betroffenen verlieren während eines Essanfalls ihre Selbstkontrolle und gehen weit über den Punkt der Sättigung hinaus. Sie verspüren den Drang, bis zu einem unangenehmen und schmerzhaften Völlegefühl weiter zu essen. Gegessen werden hauptsächlich hochkalorische, süße oder fettreiche Speisen. Ist der Kühlschrank leer, greifen manche zu sehr ungewöhnlichen Alternativen: Von Olivenöl aus der Flasche bis hin zum fingerdicken Stück Butter. Dadurch nehmen sie große Mengen Kalorien zu sich, bis zu 10 000 kcal pro Tag können es sein. Anders als bei der Bulimie kommt es jedoch zu keinen kompensatorischen Maßnahmen, denn es wird nicht erbrochen, gehungert oder exzessiv Sport betrieben. Mit der Zeit entwickelt sich dadurch ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Wer auf Dauer zu viel Energie zu sich nimmt und sich nicht ausreichend bewegt, nimmt irgendwann enorm an Gewicht zu. In vielen Fällen kommen starke Depressionen, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen hinzu. Ein wesentliches diagnostisches Kriterium ist der enorme Leidensdruck der Binge-Eater. Denn Essanfälle haben auch andere Menschen, ohne Essstörung und ohne Schuldgefühle. Um eine frühzeitige Therapie einleiten zu können, sollten die Symptome so schnell wie möglich erkannt werden.

Die Symptome bei Binge-Eating:

•    Wiederholte Essanfälle (mindestens zwei Tage in der Woche)
•    Übermäßiges Essen innerhalb kurzer Zeit (z. B. von zwei Stunden)
•    Subjektives Gefühl, während des Essanfalls die Kontrolle zu verlieren (z. B. das Gefühl, nicht aufhören zu können oder keine Kontrolle über die Art und Menge der Nahrung zu haben)
•    Wesentlich schneller essen als normal
•    Essen bis zu einem unangenehm Völlegefühl
•    Ohne wahrnehmbaren Hunger große Mengen essen
•    Gefühl, die Kontrolle zu verlieren
•    Stehlen und Horten von Lebensmitteln
•    Aus Scham alleine essen
•    Nach übermäßigem Essen Ekel, Depression und Schuldgefühle
•    Geringes Selbstbewusstsein
•    Verlust von Freude an beliebten Aktivitäten
•    Starke Gewichtszunahme
•    Ständige Ab- und Zunahme (Jo-Jo-Effekt)
•    Abgrenzung von anderen Menschen
•    Häufige Diäten und extreme Ernährungsgewohnheiten sowie Vermeiden bestimmter Nahrungsmittelgruppen
•    Zwanghaftes Ansehen und Überprüfen im Spiegel auf wahrgenommene Makel
•    Pläne oder Rituale schaffen, um Zeit für Essanfälle zu haben

Hintergründe meist psychologischer Natur

Die Gründe für den übermäßigen Verzehr sind vielfältig. Oft sind sie eine Reaktion auf Stress oder belastende Situationen. Das übermäßige Essen wird als Trost und Verarbeitungsmechanismus genutzt. Betroffene essen etwa aus Angst, Wut, Trauer oder Einsamkeit, aber auch aus Freude oder Langeweile. Als weitere Gründe für das emotionsbedingte Essverhalten sehen Forscher auch andauernde Nahrungsunsicherheit oder sozioökonomische Benachteiligung.

Suchtartige Effekte im Gehirn messbar

Wenn ein Mensch unkontrolliert isst, hält man ihn mitunter schnell für willensschwach. Da Binge-Eater ungewollt weiter essen, obwohl sie eigentlich aufhören wollen, weist dies jedoch auch auf neurobiologische Ursachen hin. Dazu untersuchten Forscher, was eine Essattacke im Gehirn auslöst. Sie fanden heraus, dass Binge-Eater mehr Probleme damit haben, Entscheidungen und Verhalten an eine sich ändernde Situation anzupassen. Das spiegelte sich auch im Gehirn der Studienteilnehmer wider: Bei den Kontrollpersonen hinterließen die flexiblen Entscheidungen eine typische Signatur in der Hirnaktivität. Diese war bei den Binge-Eating-Patienten nicht so klar ausgeprägt. Bei Übergewichtigen mit einer Binge-Eating-Störung ist der sogenannte mediale präfrontale Cortex im Gehirn weniger aktiv, also das wesentliche Hirnareal, um zielgerichtete Entscheidungen zu treffen. Neuere Studien deuten darauf hin, dass der Stoffwechsel im Gehirn verändert ist. Ein wichtiger Mitspieler bei den Essattacken scheint der Botenstoff Dopamin zu sein, der für das Belohnungsempfinden verantwortlich ist. Beim Konsum von Drogen werden ähnliche Gehirnregionen im Belohnungszentrum wie Amygdala oder Hypocampus aktiviert. Im Vergleich zur übergewichtigen Kontrollgruppe ohne einer Binge-Eating-Störung, litten sie auch vermehrt an depressiven Symptomen, was ebenso für eine Störung im Dopaminhaushalt im Gehirn spricht. Dieser wiederum steht mit emotionalem Essverhalten in Verbindung.

Die Folgen des Binge-Eatings

Das übermäßige Essen und die periodischen Heißhungerattacken haben schwere gesundheitliche Folgen. Auf Dauer kann die Gewichtszunahme eine Adipositas hervorrufen. Da überwiegend einseitig gegessen wird und auch große Mengen von Nahrungsmitteln verzehrt werden, die vorwiegend reich an Kohlenhydraten und Fetten sind, aber arm an Vitaminen und Mineralstoffen, können aus diesem Grund langfristig Mangelerscheinungen von beispielsweise Vitamin A, C, D und B6, Folsäure, Zink, Kalzium oder Eisen auftreten. Aber auch andere körperliche Beschwerden wie ein erhöhter Cholesterinspiegel, Bluthochdruck, Nierenschäden, chronische Refluxkrankheit oder Arthritis können die Folge sein. Parallel dazu erfolgt meist der soziale Rückzug. Wegen der großen Mengen an Lebensmitteln, die bei Essattacken konsumiert werden, kann es auch zu finanziellen Schwierigkeiten kommen.

Therapieansätze

Da die Essattacken meistens heimlich stattfinden, ist die Esssucht für Außenstehende schwer zu erkennen. Die Binge-Eating-Störung wird daher oftmals erst spät als Krankheit erkannt. Esssüchtige brauchen vor allem psychologische Betreuung. Je nach Ausprägung der Erkrankung kann die Therapie ambulant oder stationär durchgeführt werden. Innerhalb von Selbsterfahrungsgruppen wird der Umgang mit den eigenen Gefühlen geübt und gelernt, wieder bewusst auf Körpersignale zu achten. Bei der „Nahrungsmittelkonfrontation“ beispielweise werden sämtliche Lieblingsspeisen, die typischerweise während eines Essanfalls konsumiert werden, präsentiert. Die Betroffenen dürfen sie anschauen, beschreiben, riechen und schmecken, ohne sie zu essen. Ziel ist es, den Appetit einzuschätzen und die Lust auf „mehr davon“ schrittweise zu verlieren. Bei starken depressiven Verstimmungen können mitunter auch Medikamente wie Antidepressiva unterstützen.

Wissenswert

Wenn der Verdacht besteht, dass ein Freund oder Verwandter an einer Essstörung leidet, ist das keine leichte Situation. Wie tritt man an die Person heran, welche Fehler sind zu vermeiden, was ist zu tun? Mehr dazu gibt es hier.

Bewältigungsstrategien für zu Hause

Betroffene, die unter der Binge-Eating Störung leiden, fühlen sich meist machtlos und können den Kreislauf der Essattacken schwer durchbrechen. Es gibt verschiedene Strategien, die helfen gegen die Heißhungerattacken vorzugehen. Dazu gehört es, das eigene Essverhalten zu verstehen und zu prüfen, warum gegessen wird: Ist es wirklich Hunger oder doch nur Appetit? Wie ist die Gefühllage in diesem Moment? Die Mehrheit der Leidtragenden bemerkt oftmals, dass sie zur Essattacke neigen, wenn es ihnen vor allem psychisch nicht gut geht – bei Kummer, Angst, Zweifeln oder generellem Unwohlsein. Dann kann es helfen, sich auf bestimmte Aktivitäten zu konzentrieren, um einen anderen Umgang mit belastenden Situationen zu finden. Ein Schritt zur Bewältigung von Gefühlen ist Bewegung. Dabei werden nicht nur Stresshormone abgebaut, sondern auch Glückshormone ausgeschüttet, die die Stimmung zusätzlich anheben. Zusätzlich kann Meditation zu mehr Achtsamkeit, Selbstliebe und somit auch zu mehr Selbstbewusstsein führen.

Fazit

Eine Binge-Eating-Störung ist eine ernstzunehmende Essstörung, bei der Betroffene regelmäßig ungewöhnlich große Mengen an Nahrung konsumieren und nicht aufhören können zu essen. Gründe dafür sind psychologische wie biologische Faktoren. Als Folge der Störung können ernsthafte körperliche Probleme wie Adipositas oder Herzerkrankungen sowie Schwierigkeiten im sozialen Umfeld auftreten.

Literatur

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www.ots.at/presseaussendung/OTS_20190531_OTS0073/tag-der-essstoerung-am-2-juni-wenn-heisshunger-krankhaft-wird
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Davison GC, Neale JM, Hautzinger M: Klinische Psychologie. 8. Auflage, BeltzPVU, München (1988).
Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM): S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen. Fassung vom 31.05.2018. www.awmf.org (Zugriff: 26.04.2021).

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