13.08.2018 von Elisabeth Rudolph

Digitalisierung trifft Diabetes

Apps, Sensoren oder Insulinpumpen mit automatischer Steuerung. Datenübertragung zum behandelnden Arzt via Smartphone. Vieles läuft über Telemonitoring und digitale Vernetzung. Denn längst ist die Digitalisierung auch bei Diabetes angekommen. Für viele Patienten bedeutet das in erster Linie mehr Lebensqualität. Dennoch bleiben Fragen offen: Wie sieht es mit der Qualität von Apps und Co aus? Und was passiert mit den erfassten Daten? Ein Blick hinter die Kulissen.

Gibt man den Suchbegriff „Diabetes und Digitalisierung“ in Google ein, erhält man satte 946 000 Ergebnisse. Von „Diabetes neu denken“ oder „Telemedizin auf dem Weg in die Diabetesversorgung“ ist da etwa die Rede. In kaum einem anderen Bereich verläuft die Entwicklung so rasant wie in der Diabetesforschung. Viele Patienten nutzen digitale Systeme wie Apps oder Sensoren zur Glukosemessung. Die neuen Anwendungen verbessern sowohl die Diagnostik als auch die Therapie.

Im Land der digitalen Helfer

Früher war alles besser! Das mag auf viele Lebensbereiche zutreffen, jedoch nicht auf Diabetes. Vor 40 Jahren sah die Blutzuckermessung ganz anders aus: Damals erfuhren Betroffene ihren Blutzuckerwert erst Tage nach dem Arztbesuch. Nämlich dann, wenn der Laborbefund geschickt wurde, per Post wohlgemerkt. Zum Arzt ging man maximal einmal pro Monat. Für Diabetespatienten hieß das: Die Insulinmenge musste Pi mal Daumen dosiert werden. Blutzuckerschwankungen wurden meist viel zu spät registriert, mit allen Nachteilen. Denn sowohl Unter- als auch Überzuckerung sind kritische Zustände, die langfristig die Gesundheit beeinträchtigen. Der diabetische Fuß ist nur eines von vielen Beispielen.

Auch Apps sehr beliebt

Mit Hilfe der digitalen Anwendungen lassen sich Zuckerkurven erstellen und in Tagebüchern festhalten. Betroffene haben alle relevanten Werte für sich und den behandelnden Arzt zur Hand. Es gibt unzählige Apps, die Diabetikern den Umgang mit ihrer Krankheit erleichtern. „MyTherapy“ wurde z. B. speziell für Patienten mit Typ-2-Diabetes entwickelt und funktioniert wie ein Gesundheitsassistent. In Tagebuchform werden Gewicht, Blutdruck, Blutzuckermessungen oder die Einnahme von Medikamenten dokumentiert. Zudem erinnert die App regelmäßig an körperliche Aktivität und unterstützt somit einen gesunden Lebensstil.
Für Typ-1-Diabetiker wurde „mySugr“ entwickelt. Der ursprüngliche Gedanke dieser App war, das Diabetes-Tagebuch nicht handschriftlich, sondern digital zu führen. Der Erfinder ist selbst Typ-1-Diabetiker und wollte das eigene Diabetesmanagement erleichtern. Mittlerweile ist die App als medizinisches Hilfsmittel zugelassen und zählt zu den beliebtesten Tools in diesem Bereich. Ernährung, Aktivitäten, (Blut-)Zuckerwerte, Medikamenteneinnahme und Therapie können ohne großen Aufwand eingetragen werden. Zusätzlich wird der HbA1c-Wert anhand der erhobenen Daten geschätzt, und auch Tages-, Wochen- sowie Monatsanalysen werden erstellt.

Technik unterstützt Diabetes-Handling

Die Vorteile, Akzeptanz und Auswirkungen der kontinuierlichen Glukosemessung wurden in einer randomisierten, kontrollierten Studie erfasst. An der sogenannten DIAMOND-Studie nahmen 158 erwachsene Typ-1-Diabetiker mit Insulintherapie teil. Der Fokus der Messungen lag auf dem HbA1c-Wert. Dabei galt: Je höher der HbA1c-Wert, desto schlechter waren die Patienten in der Insulintherapie eingestellt. Eine Gruppe verwendete ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM), die Kontrollgruppe bestimmte den Blutzuckergehalt auf herkömmliche Art mittels Teststreifen.
Die Studienergebnisse zeigen, dass Patienten mit dem CGM-System ihren HbA1c-Wert nach 24 Wochen um 1 % im Vergleich zum Ausgangswert senkten. Bei der Kontrollgruppe sank der Wert nur um 0,4 %. Waren die Teilnehmer schlecht eingestellt und hatten einen hohen HbA1c-Wert, sank dieser mit CGM-Systemen sogar um 1,3 %. Die kontinuierliche Glukosemessung führt auch dazu, dass die Patienten mehr Zeit im Blutzuckernormalbereich verbringen. Schwankungen werden also besser ausgeglichen; das ist vor allem in der Nacht ein großer Vorteil: Die Patienten verbringen deutlich weniger Zeit im hypoglykämischen Bereich. Das ist nicht nur gesundheitlich relevant, sondern fördert auch einen ruhigen Schlaf.

Der HbA1c-Wert wird auch als Glukosegedächtnis bezeichnet und spiegelt die mittlere Blutzuckereinstellung während der vergangenen zwei bis drei Monate wider. HbA1c ist eine spezielle Form von Hämoglobin – auch „roter Blutfarbstoff“ genannt und wichtiger Bestandteil der roten Blutkörperchen –, an das ein Zuckerteilchen gebunden sind. Ist der Blutzuckerspiegel hoch, binden viele Zuckerteilchen, der HbA1c-Wert steigt. Der Wert zeigt, wie viel Hämoglobin „verzuckert“ ist. Bei Gesunden liegt der HbA1c-Wert bei ca. 30 mmol/l oder 5 %. Bei Typ-1-Diabetikern soll der Wert unter 58 mmol/l (7,5 %) liegen, bei Typ-2-Diabetikern zwischen 48 und 58 mmol/l (6,5–7,5 %).

Kein Vorteil, wo kein Nachteil

Verwenden Diabetiker Apps zum Management ihrer Erkrankung, steigt zweifelsohne die Lebensqualität. Früher mussten Diabetiker ihren Blutzucker ca. acht Mal täglich mittels Fingerstich messen. Das sind 56 Stiche in der Woche, 224 im Monat und etwa 2700 pro Jahr – Fehlstiche nicht mitgerechnet. Heute genügt im Idealfall ein Stich alle 14 Tage, um den Sensor anzubringen. Kontinuierliche Glukosemessungen liefern mindestens 300 Einzelwerte pro Tag.
Nicht zu vergessen ist allerdings, dass Diabetespatienten unweigerlich viele Daten über sich preisgeben. Stichwort: Datenschutz. In der Tat ein heißes Thema, weil für den Nutzer nicht immer ersichtlich ist, was genau mit seinen Daten passiert. Das ist vor allem bei Apps problematisch, bei denen nach personenbezogenen Daten gefragt wird. Experten raten deshalb, die Datenschutzbestimmungen der Apps genau zu lesen, bevor Daten wie Gewicht, Größe, Erkrankung etc. bekannt gegeben werden. Eine durchaus interessante Überlegung – die auch schon auf höherer Ebene diskutiert wurde – ist, die Daten sinnvoll zu verwenden. Sie könnten unter Umständen dazu beitragen, Versicherungsprämien anzupassen. Frei nach dem Motto: Wer etwas für seinen gesunden Lebensstil tut, zahlt weniger. Ob das ethisch vertretbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Umgekehrt könnte eine solche Maßnahme für viele ein Anreiz sein, sich mehr zu bewegen und einen aktiven Lebensstil zu führen. Die Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau hat den „Gesundheitsdialog Diabetes Mellitus“ ins Leben gerufen und setzt dabei auf telemedizinische Betreuung: elektronisches Monitoring, gekoppelt an das persönliche Gespräch mit dem Arzt. Das soll dazu beitragen, Diabetiker zu einer gesunden Lebensweise zu motivieren und aktiver in die Therapie einzubinden.

Digital-Siegel für Diabetes-Apps

Die Qualität von Diabetes-Apps ist oft unzureichend, da Kontrollfunktionen bislang fehlen. Bei Apps im medizinischen Bereich ist das jedoch unumgänglich. Unterschiedliche Fachverbände haben sich deshalb zusammengetan und DiaDigital gegründet. Diese Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, Diabetes-Apps anhand eines Kriterienkatalogs und Prüfprozesses zu evaluieren. Mit dem Ziel, den Nutzen sowohl für Betroffene als auch Hersteller, Ärzte oder Diabetologen zu beurteilen. Geprüft und getestet werden die Apps übrigens von Diabetikern. Werden die Kriterien erfüllt, gibt es grünes Licht für das Siegel. Um das Prüfsiegel zu erhalten, können sich App-Hersteller bei DiaDigital bewerben und Informationen über ihr Produkt liefern.

Blick in die Zukunft

Werden Diabetespatienten in zehn Jahren noch den Diabetologen brauchen, wenn das Diabetesmanagement nur noch digital erfolgt? Experten sind sich einig: Digitale Hilfsmittel sollen komplementär zur ärztlichen Behandlung eingesetzt werden, keinesfalls als Ersatz. Der Diabetologe wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Denn je mehr Daten aufgezeichnet werden, umso mehr muss interpretiert werden. Um die Auswertung möglichst effizient zu gestalten und relevante Daten herauszuziehen, braucht es Erfahrung und fundiertes Wissen. In der Realität könnte das folgendermaßen aussehen: Der Patient verwendet ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung. Er schickt die Daten dem Arzt und vereinbart parallel einen Termin in der Arztpraxis. Der Arzt checkt im Vorfeld die Werte und verschafft sich einen Überblick vom Zuckerverlauf. Für das vereinbarte Gespräch zwischen Arzt und Patient bleibt also mehr Zeit. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass digitale Helfer und Datenmanagement in der Ausbildung der Diabetologen stärker berücksichtigt werden müssen. Nicht zu vergessen ist, dass Arztpraxen auf den neuesten technischen Stand zu bringen sind. Der Arzt muss viel Zeit hinter dem Computer verbringen und Kurven analysieren. Das kann bei einem hektischen Tagesablauf eine Herausforderung sein.

Es liegt klar auf der Hand, dass das Diabetesmanagement sehr stark von digitalen Anwendungen profitiert. Die Frage, wie mit der immer größer werdenden Zahl an Diabetikern umzugehen ist, wird sich auch in Zukunft stellen. Digitalisierung hin oder her. Prävention und Aufklärung werden weiterhin wichtige Eckpfeiler bleiben. Hier können medizinisch anerkannte Apps unterstützen. Bei all den technischen Neuerungen darf jedoch eines nicht vergessen werden: das persönliche Gespräch zwischen Patient und Arzt.
Viel Luft nach oben gibt es übrigens auch bei der kontinuierlichen Glukosemessung. Die steckt eigentlich noch in den Kinderschuhen. Aktuell ist sie nadelbasiert, und die Sensoren müssen regelmäßig getauscht werden – das ist vor allem kostenintensiv. Das Tragen der Sensoren an der Hautoberfläche wird von vielen Anwendern als störend empfunden. An praktikablen Lösungen wird geforscht. Künftig sollen die Sensoren unter der Haut eingesetzt werden. Prototypen haben eine Tragedauer von 90 Tagen, manche sogar bis zu 180.

Unterm Strich

Die Digitalisierung hat den Umgang mit Diabetes entscheidend beeinflusst. Dabei ist die unblutige Glukosemessung die wohl größte Errungenschaft. Zusätzlich wird Diabetikern die Administration ihrer Daten durch zahlreiche Apps erleichtert. Oft ist unklar, wo die personenbezogenen Daten hinfließen oder welche Apps seriös sind. Punkto Datenschutz und Qualitätskontrolle gibt es noch viel Luft nach oben. Diesbezüglich wird sich in den nächsten Jahren definitiv noch etwas tun müssen. Dennoch erlauben die zahlreichen Messwerte und Angaben zu Lebensstil oder Ernährung neue Einblicke in den Krankheitsverlauf. Damit sind zwei Fliegen auf einen Schlag erledigt: Einerseits wird die Therapie besser angepasst, andererseits werden Folgeschäden reduziert.

Lesen Sie außerdem hier mehr über Fakten, Daten und Zahlen zu Diabetes.

Literatur

Literatur siehe online hier.

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