19.02.2020 von Elisabeth Sperr, MSc

Eng verzahnt: Diabetes und Parodontitis

Sie sind unterschiedliche Krankheiten, haben aber manches gemeinsam: Sie sind chronisch, entwickeln sich häufig ohne Beschwerden und werden erst spät erkannt. Durch eine tückische Wechselbeziehung sind Diabetes und Parodontitis sogar miteinander verbunden

Parodontitis ist eine multifaktorielle, chronische Entzündung des Zahnhalteapparates. Dabei setzen sich mit zunehmendem Zahnbelag Bakterien, sogenannte Plaque, an und verursachen zunächst eine Zahnfleischentzündung. Ohne Behandlung gelangen die Bakterien zum Zahnhals und lösen dort das Zahnfleisch, wodurch sich eine Tasche bildet. Auf diese Weise dringt die Entzündung in die Tiefe bis zum Kieferknochen vor. Die Folge: Der Zahn wird locker und fällt schlimmstenfalls aus. Ab dem 30. Lebensjahr sind Abnutzungen am Zahnhalteapparat erkennbar. Unausgewogene Ernährung und Nikotinkonsum zählen dabei zu den wichtigsten Faktoren, die das Zahnfleisch schädigen können.

Wissenswert

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe Parodontitis und Parodontose häufig synonym verwendet. Allerdings handelt es sich bei einer Parodontose um einen nicht entzündlichen Rückgang des Zahnfleisches. Auch dies kann mit gesundheitlichen Folgen verbunden sein, denn die freiliegenden Zahnhälse sind besonders anfällig für Krankheitserreger (z. B. Karies).

Parodontitis interagiert mit systemischen Erkrankungen wie etwa kardiovaskulären Krankheiten. Besonders eng scheint auch die Verbindung mit Diabetes zu sein, denn Menschen mit Diabetes erkranken dreimal so oft an Parodontitis wie Nicht-Diabetiker. Betroffen sind vorwiegend jene, deren Blutzucker nicht gut eingestellt ist. Bei einem hohen Blutzuckerspiegel ist die Speichelproduktion herabgesetzt, sodass mehr Plaque an den Zähnen haften bleibt. Der Zahnschmelz kann nicht vollständig durch Mineralien im Speichel repariert werden und wird bei schlecht eingestellten Diabetikern durch den erhöhten Zuckergehalt im Speichel zusätzlich angegriffen. Auch das Zahnfleisch ist – wie jedes Gewebe bei Diabetikern – schlechter mit Blut versorgt. Dies kann zu einer gestörten Immunabwehr führen und chronische Entzündungen begünstigen. Sowohl bei Diabetes Typ 1 als auch Typ 2 verläuft eine Parodontitis meist schwerer und führt häufiger zu Zahnverlust.

Parodontitis erhöht Blutzucker

Die chronische Zahnfleischentzündung der Parodontitis verstärkt nicht nur lokale, sondern auch systemische Entzündungsprozesse. Weil die Insulinresistenz der Gewebe erhöht wird, kann der Blutzucker schlechter reguliert werden. Durch die Parodontitis werden bei Patienten ohne Diabetes häufig höhere Blutzuckerspiegel gemessen, und bei jenen mit Diabetes ist sie mit einer deutlich schlechteren glykämischen Kontrolle und vermehrt mit Komplikationen wie Nierenerkrankungen und Nervenschäden assoziiert.

Symptome rechtzeitig erkennen

Je länger eine Diabeteserkrankung besteht und je höher der Blutzuckerspiegel ist, desto gravierender ist die Parodontitis. Selbiges gilt vice versa. Wird die Entzündung jedoch rechtzeitig erkannt, kann sie ohne Folgeschäden ausheilen. Einige Symptome können auf eine beginnende oder bereits vorliegende Parodontitis hindeuten und sollten bei einem Zahnarztbesuch geklärt werden.

Parodontitis-Symptome:

  • Regelmäßiges Zahnfleischbluten, z. B. nach dem Essen oder Zähneputzen
  • Lang anhaltende Zahnfleischentzündungen
  • Zahnfleischrückgang
  • Freiliegende, schmerzempfindliche Zahnhälse
  • Lockere Zähne im Erwachsenenalter


Vielbeforscht ist der Zusammenhang zwischen Parodontitis-Therapie und HbA1c-Wert. HbA1c ist eine spezielle Form des Blut-Hämoglobins, an das Zuckerteilchen gebunden sind. Dieser Wert gibt an, wie viele Moleküle glykiert, also „verzuckert“ sind. Bei Gesunden liegt er etwa bei 5 %, bei Diabetikern bei über 6,5 %. In einer Meta-Analyse von Baeza et al. mit neun Studien aus den Jahren 2005 bis 2017 wurde im Rahmen einer Parodontitis-Behandlung bei Diabetikern eine Reduktion des HbA1c-Wertes um rund 0,5 % festgestellt. Eine weitere Studie von Quintero et al. zeigte besonders starke Resonanz bei Patienten, deren HbA1c-Wert zunächst bei über 9 % lag. Kocher et al. zufolge wurde auch bei Prädiabetikern der HbA1c-Wert durch eine Parodontitis-Behandlung über einen Zeitraum von 27 Monaten signifikant um 0,3–0,4 % gesenkt.

Fazit

Ein gut eingestellter Blutzuckerspiegel steht an erster Stelle, jedoch scheint eine systematische Parodontitis-Behandlung nicht nur die orale Gesundheit von Diabetikern zu verbessern. Zahn- und Allgemeingesundheit gehen Hand in Hand und sind demnach bei der Prävention, Früherkennung und Behandlung interdisziplinär zu berücksichtigen, um wechselseitige Komplikationen zu vermeiden.

Der Artikel wurde erstveröffentlicht in der ernährung heute 2_2020.

Literatur

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