11.01.2018 von Dr. Theres Rathmanner

Ernährung: Ein Systemfaktor an Schulen

Die Ernährung in der Kindheit stellt die Weichen für eine gesunde Lebensweise. Doch wie lernen Kinder, sich gesund zu ernähren? Ist zuhause der richtige Ort oder die Schule? Was ist Erziehung und was  Bildung? Wir haben uns mit Ursula Buchner, einer Expertin für schulische Ernährungsbildung, über die Thematik unterhalten.

Sie sind Expertin für die schulische Ernährungsbildung. Was ist eigentlich deren Ziel? Dass Kinder und Jugendliche über Nährwerte Bescheid wissen? Dass sie sich gesund ernähren? Dass sie mündige Konsumenten werden? Oder genussfähige Esser? Dass sie kochen können?
Ursula Buchner: Vorweg erlauben Sie mir eine begriffliche Präzisierung von Pädagogik als die Wissenschaft von der Theorie und Praxis von Erziehung und Bildung. Mit Erziehung und Bildung sind zwei unterschiedliche Handlungsfelder im Lehrberuf angesprochen. Darüber hinaus gibt es noch andere, z. B. Beratung, Diagnose und Förderung, Beurteilung, Administration, Innovation.
Ernährungserziehung und Ernährungsbildung sind insofern zwei unterschiedliche Ebenen der Intervention, als sie sich hinsichtlich Voraussetzungen, Maßnahmen sowie Zielen unterscheiden und sich auch klar von Ernährungsberatung und Ernährungstherapie abgrenzen. Die inflationäre Verwendung des Begriffs Bildung erachte ich als problematisch.

Vielen Dank für die Definitionen! Was ist also das Ziel der Ernährungsbildung?
Buchner: Unter Ernährungsbildung verstehe ich formale Bildungsprozesse, die einer definierten Bildungs- und Lehraufgabe zuarbeiten. Bildung erschließt Ernährung aus unterschiedlichen Perspektiven und arbeitet dem Ziel zu, sich für eine gesundheitsförderliche Ernährung entscheiden zu können. Ziel ist also Urteilskraft, die sich aus Sach- und Orientierungswissen speist. Entscheidungen haben Ursachen und Folgen, die zu verantworten ein ethisch anspruchsvolles Unterfangen ist, an dem Menschen ihr Leben lang „erwachsen“.
Sachwissen im Lernfeld Ernährung lässt sich über viele Lernwege erschließen. Für den Erwerb von Orientierungswissen spielt die Förderung des kritischen Denkens eine Rolle. Ernährung ist ja ein ausgesprochen normativ besetztes Lernfeld. Die Normen – medizinische, religiöse, kulturelle, soziale, rechtliche, wirtschaftliche, ökologische – stammen aus unterschiedlichen Kontexten; die Empfehlungen für „richtige“ Ernährung sind entsprechend divers. Und so ist es eben auch ein Ziel von Bildung, Kindern und Jugendlichen ein Verständnis für die Entwicklung und die Funktion von Normen näherzubringen.

Ist die Schule überhaupt ein geeigneter Ort für Ernährungsbildung? Oder lädt man dem System Schule zu viel Verantwortung auf, wenn es sich auch noch um etwas kümmern soll, was eigentlich im Elternhaus passieren sollte?
Buchner: Man muss hier unterscheiden zwischen Ernährung als Inhalt im Unterricht und Ernährung als Systemfaktor in der Schule. Wenn wir von Ernährungserziehung sprechen, dann geht es um Ziele und Bedingungen von Sozialisation und Enkulturation in der Schule. Erziehung betrifft die Durchsetzung von Normen zum pfleglichen Umgang miteinander ebenso wie das Doing Eating in der Schule.

Wissenswert

Enkulturation ist ein Lehnwort aus dem Englischen und bedeutet „in eine Kultur einbinden“. Es beschreibt, wie sich Menschen an die Kultur ihrer Umgebung anpassen, wie also Werte, Regel, Normen und Einstellungen übernommen werden.

Schule als Lebenswelt unserer Kinder hat sich selbstverständlich um gute Sozialisationsbedingungen zu kümmern, die ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen bestmöglich unterstützen. Schule ist Teil der Gesellschaft und kann diese Ziele nur mit gesellschaftlicher Unterstützung verwirklichen. Eine kindgerechte Gemeinschaftsverpflegung, die in einem entspannten Ambiente abgewickelt wird, gehört genauso dazu wie die Eröffnung von vielfältigen Erfahrungs- und Begegnungsräumen innerhalb und außerhalb des Unterrichts. Und in diesem Sinne sind auch die Initiativen von externen Experten, die Kindern positive Sozialisationserfahrungen in der Schule ermöglichen, zu würdigen: Garteln und Kochen gehören ebenso dazu wie Erfahrungen mit Musik, Tanz oder Theater, sich austoben oder ein Buch lesen, Kontakt zu Tieren pflegen, oder mit dem Computer, Technik oder Naturmaterialien etwas konstruieren, erfinden oder sich künstlerisch ausdrücken.

Können Sie uns einen ganz kurzen Überblick über die Ernährungsbildung an Österreichs Schulen geben?

Buchner: Ernährung ist ein Erfahrungsbereich im Sachunterricht in der Volksschule. Ernährung ist als Pflichtfach in der Neuen Mittelschule sachlogisch mit dem Haushalt als primärer Lebens-, Versorgungs- und Wirtschaftsbereich des Menschen kontextualisiert. In der Polytechnischen Schule im Fachbereich Dienstleistung und Tourismus leitet das Unterrichtsfach „Ernährung, Küchenführung und Service“ schon eine Berufsgrundbildung ein. Typenbildend für die Oberstufe des wirtschaftskundlichen Realgymnasiums ist das Unterrichtsfach „Haushaltsökonomie und Ernährung“. Weiters sind die mittleren und höheren beruflichen Schulen sowie Berufsschulen zu erwähnen, die – ebenso wie das landwirtschaftliche Schulwesen – berufliche Fachausbildungen im Lernfeld Ernährung anbieten.

Wenn sie ja offenbar stattfindet, die schulische Ernährungsbildung, warum fristet sie trotzdem ein Schattendasein?
Buchner: Wie erwähnt ist Ernährung ein Systemfaktor an Schulen, insofern findet eine Ernährungssozialisation in jeder Schule statt – wie in jeder anderen Lebenswelt. Im positiven wie im negativen Sinne. Wenn Sie mit Schattendasein die Tatsache ansprechen, dass es nur wenige Unterrichtsfächer in ausgewählten Schularten gibt, die Ernährung im Titel tragen, dann ist das aus der Geschichte des Schulsystems zu erklären. Die Platzierung der Frau auf private, häusliche, versorgende und pflegende Zuständigkeiten, die Rolle des Mannes in außerhäuslichen, politischen, wirtschaftlichen und öffentlichen Entscheidungen: Dieser Geschlechterdualismus durchzieht unser Denken und Handeln, unser Menschen- und Gesellschaftsbild sowie unsere Berufswahl auch heute noch und spiegelt sich auch im Tableau der allgemeinbildenden Fächer des Gymnasiums wider.

Immer wieder wird der öffentliche Ruf nach einem Pflichtschulfach „Ernährung“ für alle Schüler laut. Was halten Sie davon?
Buchner: Haushalte sind die primären Lebens-, Versorgungs- und Wirtschaftseinheiten des Menschen. Die Ernährung fällt nicht vom Himmel, Kinder bekommen von klein auf mit, dass da Arbeit – Hausarbeit in allen Facetten: als Entscheidungsarbeit, soziale Arbeit, manuelle Arbeit! – fällig ist, um Ernährungsbedürfnisse zu stillen. Leider haben wir in Österreich einen ausgeprägten akademischen Standesdünkel, was Bildung für den Haushalt anbelangt. Darüber kann ich mich wirklich herzhaft ärgern, weil dieser Umstand zu einer systematischen Marginalisierung des Unterrichts in Ernährung und Haushalt geführt hat. Das wird sich hoffentlich mit der neuen Lehramtsbildung für die Sekundarstufe Allgemeinbildung ändern!
Eine Grundbildung für alle ist in einem so elementaren, existenziellen Lebensbereich jedenfalls wünschenswert. Mit Blick auf Entscheidungsmündigkeit zur Daseinsgestaltung würde ich die letzten beiden Jahrgänge der Pflichtschulzeit favorisieren.

Wissenswert

Die Sekundarstufe 1 (5.–8. Schulstufe) umfasst die Neuen Mittelschulen und die Unterstufen der allgemein bildenden höheren Schulen. Die Sekundarstufe 2 bezieht sich auf die 9.–14. Schulstufe; dazu gehören Polytechnische und Berufsschulen, Berufsbildende mittlere und höhere Schulen, sowie die Oberstufe der allgemein bildenden höheren Schulen.

Sie sind Mitbegründerin des Thematischen Netzwerks Ernährung, einer Denkfabrik für das Lernfeld Ernährung. Dieses Netzwerk hat einen Referenzrahmen für Ernährungs- und Verbraucherbildung in Österreich herausgegeben, in dem sich Ziele, Inhalte und Anleitungen für die Unterrichtsgestaltung finden. Warum war das nötig?
Buchner: Das Thematische Netzwerk Ernährung ist dank der Initiative „Innovationen Machen Schulen Top!“ ermöglicht worden. Seit 2004 trifft sich eine interdisziplinär zusammengesetzte Fachkollegenschaft, die den kollegialen und Institutionen-übergreifenden Austausch zu Fragen der Fachdidaktik und Hochschuldidaktik im Lernfeld Ernährung pflegt.
Mit dem Referenzrahmen haben wir die Kompetenzorientierung für das Lernen im Lernfeld Ernährung aufgegriffen. Der Referenzrahmen versteht sich als sinnstiftender Anker für die formale Bildungsarbeit in Ernährung, die – wie oben ausgeführt – in unterschiedlichen Fachkontexten und für unterschiedliche Zielgruppen stattfindet.

Sie stehen Ernährungsprojekten an Schulen kritisch gegenüber. Was genau stört Sie daran, wenn externe Experten in die Schulen kommen?
Buchner: Projekte sind per Definition von und mit Schülern gemeinsam geplante Lernaktivitäten. Der Aushandelungsprozess, der der Planung, Durchführung und Evaluation innewohnt, ist konstitutiver Bestandteil eines Projekts. Dass im Zuge der Realisation der Ziele des Projekts dann Experten eingeladen oder aufgesucht werden, ist ein durchaus begrüßenswertes Vorhaben.
Kritisch wird es, wenn vor lauter Doing das Learning im Sinne der Bildungs- und Lehraufgabe zu kurz kommt. Es geht beim Erschließen eines Sachverhalts ja nicht um das Nachmachen einer Tätigkeit per se, sondern um eine dem Lernstand des Kindes angemessene Bildungsarbeit. Da darf schon genauer hingeschaut werden, wofür Unterrichtszeit verbraucht wird, bei allem Respekt vor fachlichen und fachwissenschaftlichen Expertisen.

Über Ursula Buchner

Mag. Ursula Buchner unterrichtete Fachwissenschaften und Fachdidaktik im Fachbereich Ernährung und Haushalt an der Pädagogischen Hochschule Salzburg und war Mitbegründerin des Thematischen Netzwerks Ernährung.


Der Artikel ist erstmals in der ernährung heute 4_2017 erschienen.

Ernährungsbildung war Thema des Symposiums 2017 „Essen lernen - aber wie? Ernährungsbildung der Zukunft“. Informationen zum Symposium finden Sie hier.

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