20.09.2017 von Mag. Sarah Rogaunig, Bakk

#foodporn – wenn Essen Modell steht

Üppige Burger mit knackigen Pommes, zuckersüße Pancakes überzogen mit klebrigem Karamell, nährstoffreiche Overnight Oats verziert mit marineblauen Heidelbeeren und gelborangefarbige Blütenpollen – all das ist #foodporn. Fotos von Essen sind beliebter denn je. Aber was machen sie eigentlich mit uns?

Für manch einen ist es ein obligatorischer Bestandteil des Ess-Rituals – das Fotografieren davor und das Posten danach. Täglich werden allein auf der bildbasierten Online-Plattform Instagram 95 Mio. Bilder geteilt. Jedes zehnte Foto zeigt Essen, häufig begleitet vom Hashtag #foodporn. Der Inszenierung sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die aufwändigen Arrangements von Essen gleichen oft denen der Modefotografie.

Seit dem Aufkommen von Smartphones und sozialen Netzwerken, insbesondere Instagram, ist Foodporn aber nicht nur mehr ein Begriff kulinarischer Feinspitze und Gourmetkritiker oder für außergewöhnliche und aufwändig inszenierte Küche. Unter #foodporn wird in sozialen Netzwerken alles Mögliche verbreitet – von der raffinierten Haubenküche bis zu wenig besonderem Fast Food, vorwiegend energiereiche Speisen, Burger, Pizzen, geile Torten. Je besser die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes, umso eher werden auch energiearme Rohkost und vegane Gerichte als Foodporn bezeichnet.

Die Geburtsstunde von Foodporn

Die Popularität des Begriffs Foodporn wird den starken Veränderungen in der Medienlandschaft in den 1990er-Jahren zugeschrieben. Damals fingen Print-Medien an, sich mit dem Thema Ernährung und Kulinarik zu beschäftigen, und die Marketingindustrie setzte vermehrt auf Lebensmittel-Werbung. Einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung des Begriffs im englischsprachigen Raum leistete der kanadische TV-Sender Food Network, dessen Programm hauptsächlich aus Sendungen rund ums Kochen besteht.
Der Begriff Foodporn geht auf den Journalisten Alexander Cockburn zurück und ist eine Ableitung der Wortkreation Gastroporn. Cockburn soll diese Formulierung 1977 in einer Kochbuch-Rezension im New York Review of Books zum ersten Mal erwähnt haben, wo er Fotos von Essen mit Techniken der Pornografie vergleicht und dabei die Spannung, das Unerreichbare und Fantastische hervorstreicht. Tatsächlich bedienen sich die Food-Media- und Porno-Industrie ähnlicher Mittel und Stile bei der Produktion von Fotos bzw. Videos. Die Verwendungshäufigkeit von Foodporn in sozialen Netzwerken zeigt allerdings deutlich, dass es bei dem Begriff weniger um das Sexuelle, als vielmehr um die Hervorhebung der Qualität, Besonderheit, Eigenschaft und Wirkung des abgebildeten Gegenstandes geht. Foodporn soll dazu führen, dass uns beim Betrachten der Bilder das Wasser im Mund zusammenläuft.

Gesellschaftlicher Spiegel

In Postings ist der Begriff überwiegend positiv eingesetzt. In negativem Kontext tritt er nur selten auf und wenn doch, dann fast immer mit Fingerzeig auf den hohen Energiegehalt und dessen negativen Einfluss auf Gesundheit bzw. Gewicht. Was die Geschlechter betrifft, so posten Frauen häufiger als Männer Fotos von Essen. Letztere allerdings posten energiereicheres Essen. Gepostet wird, was tatsächlich gerne gegessen wird: Die Energiedichte der veröffentlichten Essens-Fotos korreliert mit der Adipositas- und Diabetesrate des jeweiligen Landes.

Die Vorliebe für energiereiches Essen scheint stark von vorherrschenden soziokulturellen Normen abzuhängen. Beispielsweise reagieren Menschen schneller auf Bilder von fettreichem Essen als auf Bilder von fettarmem Essen bzw. Bilder ohne Essen. Ähnliche Ergebnisse lieferte der Versuch mit Bildern von kohlenhydratreichen Speisen im Vergleich zu kohlenhydratarmen bzw. Bildern ohne Essen. Aktuelle Studien zeigen, dass kalorienreiches Essen grundsätzlich als schmackhaft betrachtet und vorwiegend mit Genuss sowie Vergnügen assoziiert wird. Als gesünder wahrgenommenes Essen hingegen gilt generell als weniger schmackhaft und wird in erster Linie mit Erfolg und der Aufrechterhaltung von dauerhafter Gesundheit assoziiert. Das bestätigt auch ein sensorisches Experiment: Bei den Probanden wurde eine geringe Spannung auf der Zunge angelegt und damit ein neutraler Geschmack ausgelöst. Nach dem Betrachten von Fotos von hochkalorischer Nahrung beurteilten sie den neutralen Geschmack deutlich genussvoller als bei Bildern von kalorienarmer Nahrung.

Warum überhaupt?

Man will die Fotos mit Freunden bzw. Followern teilen. Auch das Dokumentieren der eigenen Kochkünste, das Festhalten spezieller Ereignisse, FoodArt, Restaurantkritiken, Rezept-Tutorials und das Führen eines Ernährungstagebuches können Motivation sein. Warum aber betrachten wir gerne Bilder von Essen? Der international bekannte Experimentalpsychologe Charles Spence sieht die Beschäftigung mit virtueller Nahrung als Ersatz für das Sich-Befassen mit realer Nahrung. Seine These basiert auf der Tatsache, dass der hohe Konsum von Convenience-Produkten in den Industrieländern das Ausmaß der intensiven Beschäftigung mit Lebensmitteln – all das Schälen, Schnipseln, Hacken – stark reduziert, wodurch alle damit verbundenen Empfindungen und Erfahrungen entfallen. Die Kulturwissenschafterin Signe Rousseau hingegen geht davon aus, dass Foodporn neben dem Erwecken von Essensfantasien auch den wachsenden Appetit auf schuldfreies Essen stillt. Virtuelles Essen wird demnach vor allem von Personen, die an einer Essstörung leiden, als Ersatz für reales Essen betrachtet.

Was für ein Augenschmaus!

„We Eat First With Our Eyes“ – das soll bereits Apicius festgestellt haben. Tatsächlich spielt der Sehsinn schon seit jeher eine wesentliche Rolle in der Nahrungsbeschaffung und -aufnahme. Um Nahrung überhaupt zu finden und bewerten zu können, musste das visuelle System eingesetzt werden. Das Sehen von Nahrung sicherte gewissermaßen das Überleben für die nächsten Tage. Dadurch soll das menschliche Gehirn früh gelernt haben, beim Sehen von Essen auch Freude zu verspüren. Der heutige Wunsch bzw. das Verlangen nach dem Betrachten von Bildern von Essen wird auf diesen erlernten Mechanismus zurückgeführt. Wer denkt, dass Essen ein Prozess sei, der alle fünf Sinne anspricht, während das Betrachten von fotografierten Lebensmitteln und Speisen lediglich den Einsatz eines Sinnes erfordert, der irrt. Beim Betrachten von Bildern von Essen werden nämlich alle Sinne angesprochen, die bereits in einer vorausgegangenen Erfahrung mit Essen aktiviert worden sind.

Wissenswert

Man weiß, dass das Betrachten von Essen mit unterschiedlichen physiologischen, emotionalen und kognitiven Reaktionen einhergeht. So werden einerseits die Aufmerksamkeit erhöht, der
Speichelfluss aktiviert, Insulin ausgeschüttet und die Herzfrequenz gesteigert, andererseits wird der Wunsch zu essen ausgelöst und Erinnerungen in Verbindung mit Essen werden hervorgerufen.

Auf die Nahrungsaufnahme kann sich die kulinarische Bilderschau unterschiedlich auswirken. Bilder können zum Essen verleiten – worauf die Aktivierung von prämotorischen Gehirnregionen sowie von Muskeln während des Betrachtens von Essen hindeutet. Bilder von Essen können aber auch sättigen – was auf der Erkenntnis beruht, dass zum Sattsein neben dem physiologischen Nährstoffbedarf auch die sensorische Adaption und Gewöhnung beitragen. So kann beispielsweise das Betrachten von mehreren Fotos von Käse nacheinander das Bedürfnis nach Käse stillen. Lenkungseffekte – Healthy und Temptation Related Food Cues – nehmen beim Betrachten von Fotos eine beachtliche Rolle ein. Während Healthy Food Cues (z. B. Werbung für nährstoffreiche Lebensmittel oder Sport) eher zu einem gesünderen Lebensstil animieren sollen, verführen Temptation Related Food Cues eher, Versuchungen nachzugeben (z. B. Werbung für Schokolade oder Eis).

Wie beeinflusst #foodporn?

Dem Einfluss von Essensfotos in den sozialen Netzwerken hat die Forschung bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Da #foodporn neben zahlreichen Kochbüchern, Foodblogs, Kochshows und Kochtutorials vor allem in sozialen Netzwerken betrieben wird, wurde dieses Setting zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung. Die zentrale Frage war, ob und wie Essens-Postings die Lebensmittel- und Speisenauswahl des Betrachters beeinflussen. Dafür wurde ein Online-Experiment durchgeführt, das einen fiktiven Instagram-Feed mit einem Essens-Bild enthielt. Neben sechs weiteren unterschiedlichen Motiven sah eine Gruppe im Instagram-Feed das Foto eines Burgers. Die andere Gruppe erhielt dieselben Fotos, anstelle des Burgers allerdings das Foto eines vegetarischen Gerichts. Als Dankeschön für die Teilnahme an der Studie durften die Teilnehmer zwischen einem kalorienarmen (Gemüsekistl-Abo) und energiereichen Goodie (Schoko-Abo) wählen. Eine Hälfte der Probanden wurde zu Beginn der Umfrage nach ihrer Präferenz gefragt, die andere danach.
Das Ergebnis überraschte. Auf Instagram veröffentlichte Bilder von Essen beeinflussen die unmittelbare Nahrungspräferenz der Betrachter generell nicht. Personengruppen mit einem BMI > 24,9 kg/m2 (Übergewichtige und Adipöse), Sportmuffel und Personen, die sich intensiver mit Ernährung und Gesundheit auseinandersetzen (z. B. Medizin- bzw. Gesundheitsstudenten), entschieden sich nach dem Durchlaufen des Feeds eher für das Gegenteilige. Soll heißen: Probanden, die den Burger gesehen hatten, entschieden sich eher für das Gemüsekistl-Abo. Probanden, die mit einer vegetarischen Speise konfrontiert worden waren, wählten eher das Schoko-Abo.

Fazit

War Foodporn einst nur kulinarischen Feinspitzen und Gourmetkritikern ein Begriff, so wird er heute in den sozialen Netzwerken nahezu inflationär verwendet. Gepostet wird alles, was gefällt, von aufwändig inszenierten Speisekreationen bis hin zu wenig spannendem Fast Food. Das Ziel ist, Freunden oder Followern mittels #foodporn die Schmackhaftigkeit der fotografierten Speise zu vermitteln.

Der Artikel wurde erstveröffentlicht in der ernährung heute 2_2017.

Literatur

Harrar V, Toepel U, Murray MM, Spence C: Food’s Visually Perceived Fat Content Affects Discrimination Speed in an Orthogonal Spatial Task. Experimental Brain Research 214 (3): 351–356 (2011).
Mejova Y, Abbar S, Haddadi H: Fetishizing Food in Digital Age: #foodporn Around the World. ICWSM: 250–258 (2016).
Rogaunig S: #foodporn in sozialen Netzwerken. Über Fotos von Essen auf Instagram und deren Auswirkungen auf die unmittelbare Lebensmittelpräferenz. Masterarbeit, Wien (2017).
Rousseau S: Food „Porn“ in Media. Encyclopedia of Food and Agricultural Ethics. Springer (2015).
Spence C, Okajima K, Cheok AD, Petit O, Michel C: Eating with Our Eyes: From Visual Hunger to Digital Satiation. Brain and Cognition (2015).

 

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