13.03.2018 von Mag. Barbara Stadlmayr

Globaler Sinneswandel

Nachhaltigkeit ist heutzutage auf politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene präsenter denn je. Doch was versteht man eigentlich unter diesem Begriff? Welche Initiativen gibt es auf globaler Ebene? Wie aktiv ist Österreich und wie kann sich jeder Einzelne einbringen?

Klimawandel, Umweltverschmutzung und schwindende landwirtschaftliche Ressourcen bei gleichzeitig wachsender Weltbevölkerung – die Menschheit ist mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Und jeder Einzelne von uns wird Zeuge davon. Aufgrund der langanhaltenden Trockenheit in diesem Sommer verzeichnen heimische Bauern große Ernteverluste. In Spanien, Portugal und selbst in Schweden mussten Dutzende Menschen vor Waldbränden gerettet werden, während es in Südindien gerade die schlimmsten Überschwemmungen seit 100 Jahren gibt. Das Traurige daran ist, dass Umweltkatastrophen, wie wir sie immer öfter erleben, bereits vor Jahrzehnten prognostiziert wurden.

Zahlreiche Bestrebungen bisher

Die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ (Limits of Growth) beschrieb bereits 1972, dass die absoluten Wachstumsgrenzen der Erde im nächsten Jahrhundert erreicht werden, wenn wir weitermachen wie bisher. Wenn sich an der Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen nichts ändert. Dieser Bericht war ein erstes Kapitel in der Geschichte der Nachhaltigkeit. Rund zehn Jahre später folgte der Brundtland-Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ der Vereinten Nationen, in dem erstmalig der Begriff der nachhaltigen Entwicklung definiert und somit der Grundstein für das heutige Verständnis von Nachhaltigkeitsstrategien gelegt wurde.

Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.
(Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987)

Ab 1992 etablierte sich das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung sowohl in der globalen als auch in der europäischen Politik. Im Jahr 2002 beschloss Österreich seine nationale Nachhaltigkeitsstrategie. Der Diskurs um das Thema Nachhaltigkeit ist demnach nichts Neues und hat nicht an Aktualität verloren.

Wissenswert

Nachhaltigkeit ist mehr als ein Schlagwort. Eine eindeutige Definition gibt es jedoch nicht. Gemeinsam ist allen Begriffserklärungen die „Aufrechterhaltung von natürlichen Ressourcen für die zukünftigen Generationen“, eine Formulierung, die auf der Brundtland-Definition von nachhaltiger Entwicklung beruht. Das klassische Modell der Nachhaltigkeit beinhaltet die drei Dimensionen Umwelt, Soziales und Wirtschaft, die gleichrangig gewichtet sind. Wollen wir unsere Lebensgrundlagen erhalten, müssen unsere Entscheidungen unter diesen Gesichtspunkten dauerhaft tragfähig sein. 

Die Transformation der Welt

Ein weiterer bis dahin einzigartiger Meilenstein für Nachhaltigkeit wurde 2015 gelegt. Alle 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben einstimmig die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ verabschiedet. Das gemeinsame Ziel ist ambitioniert – die „Transformation unserer Welt“. Diese kollektive Reise beinhaltet das Versprechen, niemanden zurückzulassen. Dafür wurden 17 globale Nachhaltigkeitsziele, die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) definiert. Das Besondere der Agenda ist ihr universeller Ansatz: Im Gegensatz zu den Vorgängerzielen, den Millennium Development Goals (MDGs), gelten die SDGs für alle Staaten, egal ob Industrieländer, Schwellenländer oder Länder des globalen Südens, und bauen auf dem Prinzip auf, alle Menschen einzubeziehen. Dadurch schaffen die Ziele einen Grundstein für eine neue Art der internationalen Zusammenarbeit.

Zudem sind die 17 Ziele mit ihren 169 Unterzielen breit angelegt und sollen die ökologische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung in der Welt miteinander in Einklang bringen. Neben Umwelt-, Klimaschutz- und Ressourcenthemen geht es um Gesundheit, Konsum, Bildung, Entwicklung der Städte und der ländlichen Räume sowie um Wirtschaftswachstum. Im Speziellen heißt das etwa, dass wir bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene halbieren sowie die Lebensmittelverluste entlang der Produktions- und Lieferkette verringern sollen. Und dass in der Industrie und Politik mehr Fortschritte auf dem Weg zu nachhaltiger Energie sowie Produktion erreicht werden sollen. Die SDGs sind kein fertiges Rezept, sondern geben Leitlinien für eine nachhaltige Entwicklung vor. Sie wurden als freiwillige Maßnahmen beschlossen, jedoch wird von den Regierungen erwartet, dass auf nationaler Ebene eigenverantwortlich Rahmenbedingungen festgelegt werden und in weiterer Folge sowohl die Umsetzung als auch Fortschritte überprüft werden. Alle Interessengruppen – z. B. Regierungen, die Zivilgesellschaft und der Privatsektor – sollen zur Umsetzung der neuen Agenda beitragen. Auf globaler Ebene werden die 17 Ziele anhand einer Reihe von Indikatoren überwacht; ein jährlicher SDG-Fortschrittsbericht ist Teil des Überprüfungsprozesses.

Globales Nachhaltigkeitsziel: Kein Hunger

Dieses Ziel beschäftigt sich mit Ernährungssicherheit und nachhaltiger Landwirtschaft. Es geht vor allem darum, alle Formen von Hunger und Fehlernährung zu beenden. Dass das Thema Ernährung erstmalig in den globalen Zielen vorkommt, ist zu begrüßen. Denn analysiert man die weltweite Ernährungssituation, so zeigt sich ein alarmierendes Bild: Jede dritte Person weltweit ist fehlernährt. Die Betroffenen sind entweder unter- oder übergewichtig, oder sie leiden an einem Vitamin- oder Mineralstoffmangel. In vielen Fällen spricht man auch von der doppelten Last der Fehlernährung, besser bekannt als „Double Burden of Malnutrition“. Dabei kommen verschiedene Formen von Fehlernährung und ernährungsbedingten Krankheiten gleichzeitig vor – innerhalb eines Landes, im selben Haushalt oder sogar bei einer Person. Während es in den vergangenen Jahrzehnten durchaus Erfolge in Bezug auf die Reduktion von chronischer Unterernährung speziell bei Kindern gab, stellt die Überernährung ein wachsendes Problem dar. Dieser Trend zeigt sich nicht nur in Europa oder Nordamerika, sondern auch in Asien, Lateinamerika und Afrika. Die Ursachen für die globale Ernährungssituation sind vielfältig und ergeben sich aus einem komplexen Zusammenspiel u. a. aus Produktion, Verteilung, Machtstrukturen und Einkommen. Zudem spielt die Globalisierung des Ernährungssystems und die damit einhergehende Veränderung der Ernährungsgewohnheiten und Konsummuster eine große Rolle.

Was wir essen, hat aber nicht nur Auswirkungen auf unsere Gesundheit, sondern auch auf die Umweltressourcen. Die Landwirtschaft ist einer der Wirtschaftssektoren mit der stärksten Auswirkung auf die Umwelt. Das liegt vor allem am Wasser- und Flächenbedarf, den CO2-Emissionen beim Transport sowie der Verwendung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Aber nicht nur die Landwirtschaft, sondern alle Bereiche in unseren Ernährungssystemen – inklusive Produktion, Handel, Marketing und Konsum – müssen neu ausgerichtet werden, um sie für die nächsten Generationen aufrechtzuerhalten. Wir müssen die Gesundheit der Menschen im Kontext der Ökosysteme betrachten. Wissenschafter gehen davon aus, dass sich die Homogenisierung der landwirtschaftlichen Produktion, charakterisiert durch das Schwinden der Artenvielfalt, in der alltäglichen Ernährung niederschlägt und ein Hauptfaktor für Mikronährstoffmangel und Übergewicht ist.

Wissenswert

Über 7000 Pflanzenarten werden für Lebensmittel kultiviert, aber nur ein Bruchteil davon wird konsumiert. Rund 60 % der weltweiten Energieaufnahme wird über Reis, Weizen, Mais und Hirse gedeckt.

Nachhaltige Ernährung – Ansätze gefragt

Wie nachhaltige Ernährung aussehen soll, ist derzeit eine zentrale Frage in der Wissenschaft. Erste Ansätze dazu gab es bereits in den 1980er-Jahren in Deutschland. Auf globaler Ebene griff die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) das Konzept der nachhaltigen Ernährung auf und definierte im Rahmen des internationalen Symposiums „Nachhaltige Ernährung“ (Sustainable Diets) wie folgt:

Sustainable diets are those diets with low environmental impacts which contribute to food and nutrition security and to healthy life for present and future generations. Sustainable diets are protective and respectful of biodiversity and ecosystems, culturally acceptable, accessible, economically fair and affordable; nutritionally adequate, safe and healthy; while optimizing natural and human resources.
(FAO, 2010)

Auch wenn diese Definition sehr umfangreich ist und sowohl umweltrelevante, sozio-ökonomische als auch kulturelle Aspekte beinhaltet, bleibt offen, wie eine solche Ernährung auf dem Teller aussieht.

Um das herauszufinden, braucht es Bewertungssysteme, die Gesundheits- und Umweltfaktoren einbeziehen. Die meisten Forschungsarbeiten haben sich bis dato auf Treibhausgas-, Land- und Wasserbilanzen konzentriert und damit unterschiedliche Ernährungsweisen wie vegetarische und vegane Ernährung oder Mischkost verglichen. Wie man Veränderung schafft und Konsummuster bzw. alte Gewohnheiten durchbrechen kann, bleibt offen.

Ernährungsempfehlungen sind geeignet, um Ernährungsweisen nachhaltig zu formen. Sie sollen Verbraucher bei der Entscheidung für eine ausgewogene Ernährung unterstützen und sowohl auf ökologischen als auch auf ernährungsphysiologischen Werten beruhen. Brasilien, Deutschland, Schweden und Katar sind Vorreiter in diesem Bereich, da ihre offiziellen Ernährungsrichtlinien das Thema Nachhaltigkeit beinhalten. So weist die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bei tierischen Lebensmitteln darauf hin, dass eine Reduktion insbesondere von rotem Fleisch nicht nur gesundheitliche Vorteile hat, sondern auch die negativen Einflüsse auf Umwelt und Klima vermindert. Zudem wird empfohlen, Fisch aus nachhaltiger Fischerei bzw. nachhaltig betriebenen Aquakulturen zu konsumieren. Die Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung sparen diese Aspekte (noch) aus.

Wie nachhaltig ist Österreich?

VDie Ländervergleichsstudie „SDG Index and Dashboards Report“ berichtet jährlich über die Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele. Im Bericht von 2018 liegt Österreich auf Platz neun von insgesamt 156 Staaten und gehört somit zu den nachhaltigsten Industriestaaten der Welt. Vorzeigeland ist Schweden, gefolgt von Dänemark und Finnland. Schwächen gibt es in Österreich laut den Gutachtern vor allem im Bereich des verantwortungsvollen Konsums (SDG 12), der Maßnahmen zum Klimaschutz (SDG 13) sowie bei Partnerschaften zur Erreichung der Ziele (SDG 17).

Strategien und Initiativen auf nationaler und regionaler Ebene gibt es viele. Seit Beginn des Aktionsprogramms „Agenda 21“ vor 20 Jahren laufen in Österreich zum Beispiel lokale Agenda-21-Prozesse in 500 Gemeinden, Städten und Bezirken. Umgesetzte Projekte betreffen die Bereiche Umwelt, Natur und Klimaschutz, soziales Miteinander und Kultur, Wirtschaft und Arbeit, Lebensraumgestaltung sowie globale Gerechtigkeit. Auf der Website www.nachhaltigkeit.at sind alle Initiativen zur Agenda 21 pro Bundesland gelistet.

Die Nachhaltigkeit zeigt sich auch in der Praxis facettenreich. Sie ist in vielen produzierenden Betrieben angekommen, v. a. in der Ernährung, Landwirtschaft und Bauwirtschaft sowie im Tourismus. Während Betriebe Nachhaltigkeitsberichte verfassen, spielen im Lebensmittelbereich hinsichtlich Nachhaltigkeit zunehmend Gütesiegel eine Rolle.

Jeder Einzelne zählt

Bezogen auf die Ernährung bedeutet das: regionale und saisonale Produkte einkaufen – nach Möglichkeit aus biologischer Landwirtschaft – und nur so viele Lebensmittel kaufen, wie tatsächlich verbraucht werden. Auf der SDG-Website der UN gibt es das spezielle Kapitel „The Lazy Person’s Guide to Saving the World“ (Anleitung zur Weltrettung für Faule).

Wie viele Elektrogeräte laufen gerade, während Sie diesen Artikel lesen? Ein Mehrfachstecker mit Schalter kann Geräte im Standby-Modus ausschalten und damit Strom sparen. Drucken Sie ihre E-Mails nicht aus. Verzichten Sie auf elektrische Trockner; die Wäsche trocknet ja seit jeher von allein. Kaufen Sie Lebensmittel, die möglichst wenig verpackt sind.

Diese einfachen Routinen und Verhaltensänderungen zeigen auf, wie man den eigenen ökologischen Fußabdruck verringern kann.

Der Artikel wurde veröffentlicht in der ernährung heute 3_2018 "Nachhaltiger Wandel".

Literatur

Bertelsmann Stiftung: Global Responsibilities. Implementing the Goals. SDG Index and Dashboards Report 2018. Bertelsmann Stiftung and Sustainable Development Solutions Network (2018).

FAO: Genetic Resources and Biodiversity for Food and Agriculture. FAO, Rome. Committee on Genetic Resources (2015).

FAO: Sustainable Diets and Biodiversity: Directions and Solutions for Policy, Research and Action. Proceedings of the International Symposium: Biodiversity and Sustainability united against Hunger. FAO, Rome (2010). 

Food Climate Research Network: Changing What We Eat: A Call for Research and Action on Widespread Adoption of Sustainable Healthy Eating (2014).

Global Panel on Agriculture and Food Systems for Nutrition: Healthy Diets for All: A Key to Meeting the SDGs (2017).

Global Panel on Agriculture and Food Systems for Nutrition: Food Systems and Diets: Facing the Challenges of the 21st Century. London, UK (2016). 

Global Nutrition Report: Nourishing the SDGs. Bristol, UK: Development Initiatives (2017).

Herforth A, Ahmed S: The Food Environment, its Effects on Dietary Consumption, and Potential for Measurement within Agriculture-nutrition Interventions. Food Security 7, 505–520 (2015). 

Stolze F, Petrlic A: Nachhaltigkeit für Einsteiger: Geschichte, Konzepte und Praxis. Oekom. München (2016).

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